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Automobile Nachhaltige Trauer

Der Nachfolger des Spar-Weltmeisters Citroen AX wird größer und durstiger sein. Grund: Spartanische Öko-Minis verkaufen sich schlecht.
aus DER SPIEGEL 1/1996

Es werde ein »fröhliches Auto« sein, verkündete Citroen-Chef Xaver Karcher im Sommer 1986, als sich ein lange aufgeschobener Modellwechsel anbahnte. Der neue Citroen AX sollte »technische Kreativität« verkörpern - als Nachfolger der sagenhaften »Ente« , des Citroen 2 CV.

Den guten alten Vogel abzuschießen dauerte dann noch vier Jahre. 1990 starb der blechern schnatternde Zweizylinder nach 41 Jahre währender Bauzeit aus. Nachhaltig umtrauert von nostalgischen PS-Verächtern, bleibt die Ente als Urmutter der sanften Motorisierung unvergessen und unvergleichbar.

Der stromlinienförmige Standard-Kleinwagen AX, seit fast einem Jahrzehnt auf dem Markt, konnte sie nie ersetzen, übernahm aber einige ihrer liebgewonnenen Eigenschaften, etwa den latenten Hang zur Störanfälligkeit. »Abfallende Kunststoff-Dachleisten« und eine »allgemeine Klapperei der gesamten Innenausstattung« monierte Auto Bild in einem Report über gebrauchte Citroen AX.

Solchen Defekten stellt der kleinste Citroen jedoch eine ganz hervorragende Qualität entgegen. Er ist das sparsamste Serienauto der Welt, jedenfalls in der Dieselversion mit 53 PS. Im genormten Drittelmix begnügt sich der AX Diesel mit nur 4,2 Litern pro 100 Kilometer, ein Wert, der sich in der Praxis mit sanftem Gasfuß sogar noch unterbieten läßt. Bei »betont sparsamer Fahrweise« attestierte Auto Motor und Sport dem Gefährt einen Verbrauch von nur 3,5 Litern.

Solch bemerkenswerte Genügsamkeit war nicht etwa das Ergebnis kostspieliger Supertechnik, welche die Autoindustrie gern als Bedingung für das sogenannte Drei-Liter-Auto propagiert. Zuletzt beteuerten die Kölner Ford-Werke ("Ford - die tun was") im Oktober das bedauerliche Kostendilemma eines konsequenten Sparmobils. Vorstandschef Albert Caspers erklärte: »Ich glaube nicht, daß die deutsche Automobilindustrie bis zum Jahr 2000 ein Drei-Liter-Auto als Massenprodukt auf den Markt bringen wird, das für den Kunden bezahlbar wäre.«

Dem AX genügt ein ganz gewöhnlicher Dieselmotor, um dem hochgesteckten Ziel erstaunlich nahe zu kommen. Sein Minimalverbrauch resultiert aus einem banalen Konstruktionsvorteil: Der Wagen ist klein und leicht. Er wiegt trotz des naturgemäß schwereren Dieselmotors nur 790 Kilogramm, eine Gewichtsklasse, aus der sich andere Hersteller längst verabschiedet haben.

Die meisten Autobauer ließen ihre Fahrzeuge bei den jüngsten Modellwechseln stets wachsen. Der Polo, das kleinste Modell von Volkswagen, ist heute so groß wie einst der eine Wagenklasse höher siedelnde Golf.

Bei den meisten anderen Kleinwagenherstellern führt die Entwicklung ebenfalls zu größeren und komfortableren Modellen. Und dafür gibt es einen einleuchtenden Grund: Konsequent verbrauchsoptimierte Autos finden nicht genügend Käufer. Nur knapp 1000 Exemplare des Sparweltmeisters aus dem Hause Citroen wurden im zurückliegenden Jahr in Deutschland zugelassen, obwohl der Wagen mit einem Grundpreis von 17 540 Mark nicht übertrieben teuer ist.

Für Jacques Calvet, Vorstandschef des Citroen-Dachkonzerns PSA, steht inzwischen fest: »Der Verbrauch ist nicht das entscheidende Verkaufsargument.« Entsprechend sind seine Konsequenzen bei der Produktplanung. Im kommenden Frühjahr kommt der neue Citroen-Kleinwagen Saxo zu Preisen ab 20 000 Mark auf den Markt. Er wird etwa die gleichen Abmessungen haben wie die Konkurrenten VW Polo, Fiat Punto und Opel Corsa. Die jeweiligen Versionen werden rund 100 Kilogramm schwerer sein als die vergleichbaren AX-Modelle.

Als besondere Qualitäten nannte Calvet Mitte Dezember bei der Weltpremiere des Saxo in Paris Komfort und _(* Ersatzteilmarkt bei einem ) _(Enten-Treffen in Cheltenham, England. )

Nutzwerte, die dem spartanischen AX fehlten: Insassensicherheit durch zwei Airbags und verstärkte Karosseriestruktur, gute Geräuschdämmung und vor allem mehr Raumangebot. All diese Eigenschaften erhöhen die Marktchancen ebenso wie das Gewicht und somit den Verbrauch.

Doch davon war in Paris nur am Rande die Rede. Der vorerst sparsamste Saxo mit 50-PS-Benzinmotor wird im Drittelmix sechs Liter konsumieren. Erst im Sommer legt Citroen eine genügsamere Dieselversion nach. Auch diese, räumen die Citroen-Entwickler ein, wird etwas durstiger sein als die Diesel-Variante des AX, der voraussichtlich noch ein Jahr parallel zum Saxo im Angebot bleibt.

Ein neuer Citroen-Mini unterhalb des Saxo ist nicht geplant. Um die Ehre, das sparsamste Auto der Welt zu bauen, werden sich dann andere bemühen, allen voran Mercedes-Benz. In zwei Jahren soll das zweisitzige Swatch-Mobil den vieldiskutierten Normverbrauch von drei Litern womöglich sogar noch unterbieten - zu Preisen ab 15 000 Mark.

PSA-Chef Calvet erscheint es »völlig unerklärlich«, wie Mercedes mit diesem Öko-Mini Geld verdienen will. Ob es an der mangelnden Erfahrung der Stuttgarter mit der Produktion von Kleinwagen liege, mag er nicht beurteilen. Calvet: »Unsere Bewunderung für Mercedes ist viel zu groß, als daß wir glauben könnten, die seien leichtsinnig.« Y

* Ersatzteilmarkt bei einem Enten-Treffen in Cheltenham, England.

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