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Nackt vor Nussbaumfurnier

Nachts, wenn man nicht schlafen kann oder nicht schlafen will, schafft Fernsehen die totale Betäubung. Hellseher und Sorgen-Gurus, Late-Night-Shopping und Erotik-Clips helfen beim Wegdämmern.
aus SPIEGEL Wissen 4/2009

Irgendwann kann man nicht mehr abschalten. Irgendwann zwischen drei und vier Uhr in der Frühe, wenn die Nacht ohnehin verloren und der nächste Tag schon abgeschrieben ist, sitzt man völlig leer und total in sein Schicksal ergeben vor dem Fernseher und akzeptiert alles so, wie es eben kommt.

Was im Buddhismus jahrelanger Übung bedarf, bewirkt das Fernsehen in einer einzigen durchwachten Nacht: Die Dinge kommen und gehen, nichts hat mehr Bedeutung, es gibt kein Gut und kein Böse - Ommm.

Ob das an dieser etwas wirr vor sich hin plappernden Frau liegt, die da permament von »Engelsberührungen« faselt? Man begreift nicht ganz, was sie meint, aber es muss eine spirituelle Sensation allerhöchsten Grades sein. Denn im Laufband, das neben einer fetten rosa Kerze das Bild füllt, ruckelt eine Meldung vorbei wie eine »Breaking News« in einem global anerkannten Nachrichtenkanal: »+ + + Weltpremiere: Der Kreis der geistigen Welt. 28 Zuschauer werden ein Signal empfangen! Falls Sie es fühlen können, rufen Sie an! + + +«

Auf irgendeinem Kanal läuft gerade »Natural Born Killers« von Regisseur Oliver Stone. Das ist auch schon ziemlich durchgedreht, weil Juliette Lewis und Woody Harrelson da durch die Welt ziehen und Leute abballern. Haben die vorher etwa das falsche Signal aus der geistigen Welt erhalten?

Umschalten, weiterschalten, zurückschalten. Walter Matthau verformt woanders gerade sein Gesicht zur Knautschzone. Sehr lustig. Aber nicht so lustig wie die Matrone mit der fetten rosa Kerze. Auf einem Nachrichtenkanal gestikuliert Michel Friedman beschwörend mit den Händen. Sehr suggestiv. Aber nicht so suggestiv wie Signale aus der geistigen Welt.

Was will man nachts von seinem Fernsehapparat? Hintergründige Nachrichten? Feinsinnige Komödien? Raffinierte Kochrezepte? Bestimmt nicht.

Nachts will man vom Fernsehen nur noch die totale Betäubung. Fernsehen soll durch einen hindurchrieseln wie eine feine Droge. Wer nachts noch vor der Glotze hängt, der tut es, weil er nicht schlafen kann oder nicht will. Er will meist nur wegdämmern.

Auf irgendeinem Kanal zappelt ein nacktes Mädchen in einer Einbauküche aus Nussbaumfurnier. Sie leckt gelangweilt mit der Zunge über ihre Lippen, legt sich auf den Boden, wackelt mit dem Po. Das Ganze ist so erotisch, wie die Kinowerbung der Pizzeria um die Ecke appetitanregend ist.

Dennoch: Wenn man sich nachts durch die Kanäle schaltet, sind es gerade diese Astro- und Quiz- und Sex- und Sorgensendungen, an denen man hängenbleibt. Man kann irgendwann den Blick nicht mehr lassen von diesen absurden Shows, für die intellektuelle Gesetze nicht mehr gelten.

Was es da alles gibt: »Kartengestütztes Hellsehen« oder auch »Hellsehen ohne Hilfsmittel«.

Steffi aus der Eifel hat so einem Kartenlege-Guru gerade ihre Einsamkeit gestanden und ihr Problem damit erklärt, dass in der Eifel nichts los sei. »Wo keine Menschen sind, kann man auch keine kennenlernen«, sagt der Hellseher sehr hellsichtig. Helfen kann er ihr erst mal nicht. Denn: »Liebe ist da erst mal nicht.« Klingt grausam, aber er kann da selbst gar nicht dran drehen. Das Schicksal, es ist eben so. »Das ist wirklich das, was ich von den Engeln reinbekomme.« Aber die Hoffnung aufgeben wäre natürlich auch total falsch, selbst in der Eifel: »Da kommt im nächsten Jahr was.« Na, super.

So geht das stundenlang. Brigitte, die gerade Beziehungsstress hat, erfährt: »Bei euch bekomme ich rein, dass ihr schon in einem vorigen Leben zusammen wart.« Und jetzt sind sie schon wieder aneinandergekettet.

Ommm!

Doch weder die Matrone mit der fetten rosa Kerze noch der Hellseher mit den Engeln hat die unfreiwilligen Unterhaltungsqualitäten eines Thomas Hornauer, des Pseudo-Gurus vom »Kanal Telemedial«, der vor einem Jahr aufhörte zu senden. Stundenlang konnte man ihm nachts zusehen, wie er in seinem Studio mit meist schweigenden Fans herumsaß und zusammenhangloses Zeug erzählte. Es war die übliche Nummer: Man sollte ihn anrufen, um für einen »Energieausgleich« zu sorgen. Aber das interessierte eh keinen, und Hornauer wurde die Sendelizenz entzogen.

Der ehemalige Produzent von Erotik-Clips war auf spezielle Art faszinierend. Er hörte sich an wie ein Dalai Lama auf Crack. »Dein Körper ist das Auto, und du bist der Fahrer, deine Füße sind die Reifen, dein Verstand sitzt auf dem Rücksitz": Stundenlang eierten solche Hohlheiten aus seinem Mund.

Ommm!

Beim Herumschalten bleibt man nachts unweigerlich bei Domian hängen, dem Sorgen-Guru der deutschen Fernsehnacht. Dem Jürgen Fliege der Schlaflosen. Dem personifizierten Komplettverständnis.

»Hmm, ja, hmm, ja, hmm, ja«, sympathisiert er mit seiner Alpenmilch-Stimme gerade einem Anrufer ins Ohr. Seine Fan-Gemeinde ist riesig. Bis zu 20 000 Menschen rufen pro Nacht in der Redaktion von Domian an. Alle haben irgendwelche Sorgen. Nur 7 kommen diese Nacht durch. Was machen die anderen 19 993? Rufen die jetzt alle bei den Wahrsagern an, oder schauen sie »Natural Born Killers« und nehmen sich ein Beispiel?

Gruselig, so eine Nacht im deutschen Fernsehen. Am gruseligsten sind die Sendungen, in denen sich junge Frauen ausziehen. Weil wir selbst ja so irre liberal sind, haben wir grundsätzlich nichts gegen Pornografie. Charlotte Roche hat schließlich auch nichts gegen Pornografie. Aber das hier? »Sport Clips«, in denen sich Frauen ausziehen, während sie golfen, Kart fahren, Tennis spielen? O nee!

Alain Delon stolpert anderswo gerade durch einen »Oktober in Rimini«. Aber, mein Gott, was ist das gegen die anderen Verlockungen des Nachtprogramms. Gegen diesen tiefen, tiefen Schrott, der einem das Hirn vernebelt, bis einem alles egal ist.

Beim »Late-Night-Shopping« werden »Schlankstütz Push-up R-Tops« verkauft. Sollte in keinem Kleiderschrank fehlen. Auf einem Quizkanal werden »Tiere mit genau einem L, aber nicht an erster oder zweiter Stelle« gesucht. Maulwurf, Goldfisch und Kartoffelkäfer sind schon weg. Antilope auch.

Irgendwo läuft ein Softporno. »Unglaublich heiß. Was fangen wir mit dem Tag an?«, fragt der durchtrainierte Kerl gerade die Frau mit dem blanken XXL-Busen. Ja, was fangen sie denn jetzt bloß an? Sollen sie sich wieder anziehen? »Ich hätte da eine Idee«, löst die Frau mit einem Satz die schier unerträgliche Spannung.

Das Supersonderangebot der geistigen Welt schrumpft derweil in sich zusammen. Kaum hat man mal eine Stunde nicht hingeguckt, sind nur noch sieben Plätze frei in der Engelslotterie. Man solle auf die Zeichen der Engelsberührungen achten, ermahnt die Frau. »Kribbeln in der Haut«, »Kälteschauer«, »flackernde Kerzen«. Die fette rosa Kerze flackert dazu wie von Sinnen. Wahrscheinlich ist da ein kleiner Engel eingesperrt.

Man selbst ist mittlerweile voll auf Droge. Der intellektuelle Schmerz hat schon lange nachgelassen und ist einer heiteren Dumpfheit gewichen. Passiert vielleicht doch noch was? Pustet der Engel die Kerze aus? Ist es in der Eifel wirklich so schlimm? Wie viele L sind in XXL-Busen und an welchen Stellen?

Wohltuende Leere breitet sich im Hirn aus. Sind das die Endorphine? Ist so der Tod?

Willkommen ...

Sagen nicht alle immer das Gleiche? Ist nicht alles dasselbe? Ist »Sexy Handy Videos nur für dich« nicht das Gleiche wie »Automarken mit M« oder »Adorno war da anderer Ansicht«? Ist nicht alles am Ende ein Ruf nach Aufmerksamkeit, so wie nachts im Fernsehen auch alles blökt: »Rufen Sie mich an« oder »Ruf mich an« oder »Ruf! Mich! An!«

Irgendwann kann man nicht mehr abschalten. Irgendwann zwischen drei und vier Uhr in der Frühe, wenn die Nacht ohnehin verloren und der nächste Tag schon abgeschrieben ist, sitzt man völlig leer und total in sein Schicksal ergeben vor dem Fernseher und akzeptiert alles so, wie es eben kommt.

Ommm.

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