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Weltstar aus Deutschland: Wegener und die driftenden Platten

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100 Jahre Erdplatten-Theorie Der verlachte Revoluzzer mit der Weltformel

Die Kontinente driften auf Erdplatten umher - das ist heute selbstverständlich. Doch als Alfred Wegener die Theorie am 6. Januar 1912 vorstellte, haben seine Kollegen ihn verlacht. Mit dieser Ignoranz schlitterte die Wissenschaft in ihre größte Blamage.

Die Professoren beschimpften ihren jungen Kollegen hemmungslos. "Völliger Blödsinn!" und "Humbug!" riefen die arrivierten Wissenschaftler. "Niemand, der bei Verstand ist, darf so etwas unterstützen", polterte einer. Der Anlass des Ärgers war ein Vortrag des 31-jährigen Meteorologen Alfred Wegener. Er hatte am 6. Januar 1912 auf einer Tagung seine neue Theorie vorgestellt: Die Kontinente driften über den Erdball wie Flöße.

Was heute eine Selbstverständlichkeit ist, war vor hundert Jahren unerhört - und blieb es noch lange. Selbst 43 Jahre später unterstützte Albert Einstein Wegeners Kritiker noch mit einem Buchvorwort.

Heute bejubeln Wissenschaftler Alfred Wegener als den Begründer der modernen Geologie, als einen Weltstar aus Deutschland: "Er ist der Kopernikus der Geowissenschaften", sagt etwa Reinhard Krause, Wissenschaftshistoriker am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven (AWI). "Wegeners Ansatz war der Start einer Revolution", ergänzt der Geologe Onno Oncken vom Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ). "Wegener war ein visionärer Vordenker", schwärmt sein Kollege Wolfgang Franke von der Universität Gießen.

Warum haben sich die Meinungen über Alfred Wegener so stark verändert?

Bevor sich eine neue Theorie durchsetzen könne, müssten erst ihre Gegner sterben, sagte Physik-Nobelpreisträger Max Planck. Neben dieser menschlichen Erklärung gibt es aber auch wissenschaftliche Ursachen für den Meinungsumschwung: Mit den Jahrzehnten kamen immer neue Belege für Wegeners Theorie auf. Mittlerweile beweisen sogar Satellitenmessungen, dass sich riesige Erdplatten über den Planeten bewegen.

Fragen einfach ignoriert

Die Theorie der Plattentektonik - eine Weiterentwicklung von Wegeners Annahmen - vereint wie eine geologische Weltformel auf elegante Weise so unterschiedliche Phänomene wie Vulkanismus, Erdbeben, Rohstoff- und Fossilienfunde oder Landschaftsformen in einer schlüssigen Erklärung.

Alfred Wegener stellte gewichtige Indizien für seine Theorie von den wandernden Erdplatten vor, doch sie stießen auf Verachtung bei seinen Kollegen. Damals glaubten Wissenschaftler noch an die Schrumpfungstheorie, um die Formen der Erdoberfläche erklären zu können: Die Erde kühle sich ab und verrunzele dabei wie ein alter Apfel, dessen Falten Gebirge und dessen Furchen Ozeane sind.

Wegeners Theorie aber lieferte Erklärungen für seltsame Befunde, die sich mit der Schrumpfungstheorie nicht begründen ließen - und deshalb von den Professoren einfach ignoriert wurden: Warum finden sich beidseits des Atlantiks Versteinerungen derselben Tierarten? Warum gibt es Kohleflöze in Norwegen, wo doch Kohle tropischen Ursprungs ist? Warum passen die Landmassen von Afrika und Südamerika ineinander wie Puzzleteile? Und warum verteilen sich Gebirge nicht gleichmäßig über die Erde?

Aufgeregt aufs Podium

Aufgeregt muss Wegener aufs Podium geschritten sein, als sich am 6. Januar 1912 die Geologische Vereinigung im Senckenberg-Museum in Frankfurt am Main zu ihrer Jahrestagung traf. Besondere Freundlichkeit hatte er von der versammelten Professorengemeinde nicht zu erwarten, schließlich trug er radikale Ideen vor.

Vorsichtig begann Wegener seinen Vortrag mit dem Titel "Neue Ideen über die Herausbildung der Großformen der Erdrinde auf geophysikalischer Grundlage". Seine Schlussfolgerung, dass die Kontinente sich über die Erdoberfläche bewegen wie Flöße, wurde abgeschmettert. "O heiliger Sankt Florian, verschon' das Haus, zünd' andere an!", entsetzte sich etwa der Geologieprofessor Max Semper.

Noch Jahrzehnte beharrten die Forscher auf ihrer Schrumpfungstheorie; Wissenslücken wurden im Wortsinne einfach überbrückt: Fanden sich mal wieder Versteinerungen der gleichen Tiere in Südamerika und Afrika, zeichneten Geologen rasch eine "Landbrücke" über den Atlantik, über die die Tiere gekommen sein sollten. Prähistorische Karten waren bald gespickt mit jenen hypothetischen Landbrücken, die im Laufe der Erdgeschichte aber auch wieder verschwunden sein müssen. Spuren der Brücken gab es nicht - dennoch stand die Theorie in jedem Lehrbuch.

Über Wegeners Theorie der Kontinentalverschiebung hingegen war noch 1964 in der "Encyclopedia Britannica" zu lesen, sie habe "zahlreiche entscheidende theoretische Schwierigkeiten". Tatsächlich konnte Wegener nicht erklären, was die Erdplatten antrieb.

Entdeckung auf dem Kriegsschiff

Erst Mitte der sechziger Jahre verhalfen Daten aus dem Zweiten Weltkrieg der Theorie von der Plattentektonik zum Durchbruch. Der amerikanische Geologe Harry Hess hatte von Kriegsschiffen aus festgestellt, dass Tiefseeberge zur Küste hin flacher werden. Wie sich zeigen sollte, ist das eine Alterserscheinung: Der Tiefseeboden sinkt mit der Zeit ein, und mit ihm die Berge. Doch wie waren die Altersunterschiede zu erklären?

Eine Entdeckung der Geologen Drummond Matthews und Fred Vine bestätigte Hess' Ahnung: Meeresboden entstehe aus Lava an langgestreckten Spalten, den sogenannten Mittelozeanischen Rücken. Die Lava festigt sich zu Gestein, das von nachdrängender Lava weggedrückt wird - die Erdplatten bewegen sich.

Matthews und Vine hatten bewiesen, dass Lavagestein am Meeresboden tatsächlich mit zunehmender Entfernung zu den Mittelozeanischen Rücken ein höheres Alter aufweist - das belegen winzige Magnetminerale im Lavagestein, deren Alter sich bestimmen lässt.

"Nur für Partys interessant"

Doch auch Matthews und Vine erlebten zunächst schroffe Ablehnung: "Solche Spekulationen sind ein interessantes Thema für Cocktailpartys", antwortet ihnen das Fachmagazin "Journal of Geophysical Research", wo das Duo seine Studie eingereicht hatte. Das Thema "gehöre nicht zu den Dingen, die wissenschaftlich ernsthaft publiziert werden sollten". Mittlerweile gilt die Arbeit von Matthew und Vine neben der von Alfred Wegener als erster Kandidat für einen Nobelpreis für Geowissenschaften, den es allerdings noch nicht gibt.

Inzwischen lässt sich die Wanderung der Kontinente bis zu etwa eine Milliarde Jahre zurückverfolgen. Die neueste Rekonstruktion der Erdplatten-Bewegungen stammt von Bernhard Steinberger vom Geoforschungszentrum Potsdam und seinem Kollegen Trond Torsvik von der Universität Oslo (siehe Animation oben). Die Geoforscher entwickelten eine neuen Methode: Sie rekonstruieren die Wege der Erdplatten anhand der Bewegungen des zähflüssigen Erdmantels, der die Platten mitschleppt wie Flöße, die auf ihm schwimmen.

Tschüs, Europa!

Rund fünf Zentimeter im Jahr - etwa so viel wie ein Fingernagel im Jahr wächst - schieben sich die Platten voran. Amerika und Europa entfernen sich immer weiter voneinander, die Lava am Mittelatlantischen Rücken schiebt die Platten weg; an sogenannten Subduktionszonen tauchen die Schollen ins Erdinnere ab (siehe Bilderstrecke). Würde Kolumbus das Meer heute queren, müsste er zwölf Meter weiter segeln als vor 500 Jahren.

Mindestens zweimal fanden sich die Erdplatten zu dem Großkontinent zusammen, den Wegener postuliert hatte. Auch bei der Suche nach Rohstoffen hilft der Blick auf Karten früherer Zeiten. Naturgefahren wie Vulkane und Erdbeben lassen sich anhand der Plattentektonik verorten. Und wer heute Korallenreste in den Alpen findet, kennt die Erklärung: Urzeitlicher Meeresboden wurde bei Erdplattenkollisionen aufgefaltet - wie es Alfred Wegener geahnt hatte.

Wegener starb im November 1930 auf einer Grönland-Expedition, ohne den Erfolg seiner Theorie erlebt zu haben. Er war allein zu einem Nachschub-Camp gestiefelt und unterwegs erfroren. Seine Kollegen fanden ihn kurz nach seinem 50. Geburtstag, sie begruben ihn im Eis. Seine Ruhestätte hat sich seither um anderthalb Meter von Europa entfernt.

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