150 Jahre Evolutionstheorie Ist Darwin gescheitert?

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2. Teil: Streit um Gott und die Welt: Wie sich Neue Atheisten und Gläubige immer aggressiver bekämpfen


52 Prozent der EU-Bürger glauben an Gott, ergab eine Erhebung der Europäischen Kommission Anfang 2005. Etwa jeder Vierte gab zu Protokoll, zwar nicht an einen personalen Gott, aber an "eine Art von Geist oder Lebenskraft" zu glauben, und nur 18 Prozent outeten sich als ungläubig. Deutschland lag mit 47 Prozent Gottesgläubigen im Mittelfeld. 25 Prozent glaubten hierzulande an eine andere höhere Macht außer Gott, weitere 25 Prozent an keines von beiden.

Eine ebenfalls 2005 durchgeführte Erhebung von AP-Ipsos ergab ein noch differenzierteres Bild (siehe Fotostrecke). Demnach glauben nur 22 Prozent der Deutschen fest an einen Gott - bei dem es sich, nebenbei erwähnt, nicht immer um den christlichen handeln muss. Der Rest hat mehr oder weniger große Zweifel. Atheisten und Agnostiker kommen gemeinsam sogar auf 23 Prozent.

Im internationalen Vergleich gehören damit sowohl Deutschland als auch die EU noch zu den säkularsten Regionen der Welt. In den USA befragen die Meinungsforscher von Gallup das Volk regelmäßig über Gott und Wissenschaft (siehe Fotostrecke). Die jüngsten Resultate: Ganze 14 Prozent sind der Meinung, dass Homo sapiens allein durch die Evolution auf die Welt gekommen ist. 36 Prozent glauben, dass eine Evolution zwar stattfindet, allerdings unter Gottes Leitung. Die mit 44 Prozent größte Gruppe ist überzeugt, der Allmächtige höchstselbst habe den Menschen so geschaffen, wie er heute ist - und zwar vor höchstens 10.000 Jahren.

Selbst in Darwins Heimat ist die Evolutionslehre nicht mehrheitsfähig, wie eine Umfrage von 2006 ergab. Demnach sind nur 48 Prozent der Briten von der Existenz der Evolution überzeugt. Mehr als 40 Prozent wünschten sich, dass an staatlichen Schulen auch die biblische Schöpfungsgeschichte gelehrt wird - und zwar nicht etwa im Religions-, sondern im Biologieunterricht. Die gleiche Forderung wurde gar von jedem vierten staatlich besoldeten Lehrer erhoben.

Neue Atheisten wüten gegen die Religionen

Nirgendwo aber tobt der Streit zwischen Anhängern und Gegnern der Evolutionslehre so heftig wie in den USA. Auf der einen Seite stehen Kreationisten, die seit einigen Jahren mit dem Etikett "Intelligent Design" ein Weltbild propagieren, in dem Gott den Menschen und alles Leben erschaffen hat. Ihnen gegenüber stehen die große Mehrheit der Wissenschaftler und eine immer lauter werdende atheistische Gegenbewegung, die organisierte Religion für wenig mehr als gemeingefährlichen Kinderglauben hält. Eine ganze Reihe von Büchern, die den Glauben mal sachlicher, mal zorniger angehen, hat es in den letzten Monaten und Jahren in die US-Bestsellerlisten geschafft.

Zwischen beiden Fronten stehen jene, denen das Ganze entweder egal ist oder die glauben, Wissenschaft und Religion könnten sich versöhnen, möglicherweise gar ergänzen. Ihr Lieblingsargument lautet: Religion möchte eigentlich gar keine wissenschaftlichen Ansprüche erheben, während die Wissenschaft nur Galaxien vermessen und Gene analysieren, sich aber von ethischen und weltanschaulichen Fragen fernhalten will.

Also alles nur ein großes Missverständnis? Wohl kaum. Zwar betonen manche Forscher gern, dass bestimmte Dinge außerhalb der Domäne der Wissenschaft lägen - etwa die Frage, woher das Universum kommt und ob seine Existenz einem höheren Sinn folgt. Doch selbst in diesen eher metaphysischen Bereichen gibt es Überschneidungen. "Religion stellt Behauptungen über die Existenz auf, und damit sind es wissenschaftliche Behauptungen", meint etwa Richard Dawkins, Biologe, Bestsellerautor und Galionsfigur der Neuen Atheisten. "Ein Universum mit einem übernatürlichen Wesen wäre fundamental und qualitativ anders als eines ohne."

Aber auch bei weniger philosophischen Themen reden Religionsvertreter gern mit - etwa wenn sie Kondome als Schutz vor einer HIV-Infektion als untauglich erklären und stattdessen Enthaltsamkeit predigen, oder wenn sie der Stammzellforschung enge Grenzen setzen wollen. Der Vatikan konsultiert Mediziner lieber, um zu klären, ob ein Kandidat für eine Heiligsprechung wirklich Wunder vollbracht hat.

Können sich die Religionen zurücknehmen?

Sind die Religionen überhaupt fähig, sich von der Wissenschaft fernzuhalten - oder ist der Missionierungsdrang Teil ihres Wesens, wie etwa der US-Journalist Christopher Hitchens in seinem furiosen Bestseller "Der Herr ist kein Hirte: Wie Religion die Welt vergiftet" schreibt? Hat Dawkins recht, wenn er davor warnt, dass die Aufklärung, die Vernunft, die Wissenschaft und die Wahrheit selbst von der Religion bedroht seien?

Manche Wissenschaftler wollen so weit nicht gehen. Nachdem eine Umfrage ergeben hatte, dass jeder zweite Forscher religiös sei, kommentierte der 2002 verstorbene Paläontologe Stephen Jay Gould: "Entweder ist die Hälfte meiner Kollegen enorm dumm, oder die Wissenschaft des Darwinismus ist vollkommen kompatibel mit konventionellen religiösen Überzeugungen - und auch mit Atheismus." Journalist Hitchens aber findet "alle Versuche, den Glauben mit der Wissenschaft in Einklang zu bringen, verfehlt und lächerlich". Noch deutlicher wird, wie so oft, Evolutionsbiologe Dawkins: Die "angebliche Annäherung zwischen Religion und Wissenschaft ist eine flache, leere, hohle, schönrednerische Augenwischerei".

Den Verdacht, insbesondere die christlichen Religionen beanspruchten nach wie vor universelle Deutungshoheit, hat zuletzt Papst Benedikt XVI. höchstselbst genährt. Im April 2007 schrieb er in einem theologischen Fachbuch, die Existenz der Evolution sei "nicht beweisbar". Zur Frage, woher die menschliche Rationalität eigentlich komme, meinte der Pontifex: "Die Naturwissenschaft kann und darf darauf nicht direkt antworten."

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