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19. Januar 2009, 16:32 Uhr

150 Jahre Evolutionstheorie

Ist Darwin gescheitert?

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Menschen, Tiere und Pflanzen sind nicht von Gott erschaffen, sondern Ergebnis der Evolution: Vor 150 Jahren veröffentlichte Charles Darwin diese revolutionäre Theorie. In der Forschung ist sie ein Riesenerfolg - populär war sie nie. Ist das menschliche Gehirn zu sehr auf einen Schöpfer gepolt?

Die Nachricht klang nach großem Durchbruch. "Wissenschaftler der University of Oxford haben eine Lösung des Rätsels gefunden, das als 'Darwins Dilemma' bekannt ist", meldete unlängst die Londoner Geological Society. Charles Darwin, der in diesem Jahr 200 Jahre alt geworden wäre, hat vor 150 Jahren sein epochales Werk "Über die Entstehung der Arten" veröffentlicht. Darin gestand er mit erfrischender Offenheit ein, dass er keine Ahnung habe, warum man aus der Zeit vor dem Kambrium - jener Ära, die vor rund 542 Millionen Jahren begann - einfach keine Fossilien finden könne.

Im Kambrium spielte sich Erstaunliches ab: Mehr als drei Milliarden Jahre, so schien es, hatte das Leben auf Erden lustlos dahingedämmert, ehe es in einem relativ kurzen Zeitraum zu einer explosionsartigen Vermehrung der Arten kam. Wo vorher nur skelettlose Unscheinbarkeiten die Meere bevölkerten, traten plötzlich zahnbewehrte Räuber gegen gepanzerte Beute an.

Die sogenannte Kambrische Explosion stellte Wissenschaftler lange vor Rätsel. Religiöse führen sie gern als Gottesbeweis ins Feld: Wie, wenn nicht durch die Hand des Allmächtigen, konnte eine derartig komplexe Vielfalt binnen so kurzer Zeit entstehen?

Inzwischen weiß die Wissenschaft, dass es nicht unbedingt eine Explosion der Artenvielfalt gegeben hat, sondern eher eine rasante Zunahme von Arten mit harten Schalen und Körperteilen. Die gaben, anders als ihre wabbeligen Vorgänger, gute Fossilien ab und konnten so die Jahrmillionen überdauern. Und das wissen Biologen auch nicht erst seit Beginn des Darwin-Jubiläumsjahrs, wie man nach der Lektüre der etwas überschwänglichen Pressemitteilung der Geological Society glauben könnte: Fossile Spuren aus der Zeit vor dem Kambrium sind schon seit längerem bekannt.

Darwins revolutionäre Erkenntnis, dass die modernen Lebensformen das Resultat von Jahrmillionen natürlicher Auslese sind, hatte sich trotz des anfänglichen Dilemmas rasend schnell durchgesetzt. Die bis dahin vorherrschende Überzeugung, die Tier- und Pflanzenarten seien auf ewig unveränderbar, war über den Haufen geworden. Noch ungeheuerlicher war für die meisten von Darwins Zeitgenossen die Schlussfolgerung, dass Mensch und Affe gemeinsame Vorfahren haben. Nicht zuletzt deshalb wurde die Evolutionstheorie als eine Bedrohung der politischen, religiösen und sozialen Ordnung der Zeit gebrandmarkt.

Inzwischen ist die Evolutionslehre das am besten belegte Modell zur Erklärung der belebten Natur, das jemals existiert hat. Nur: Sein Erfolg in der Wissenschaft steht in keinem Verhältnis zu seiner Akzeptanz in der breiten Öffentlichkeit. Die Mehrheit der Menschheit weigert sich bis heute hartnäckig, das Offensichtliche zu akzeptieren.

"Gott ist tot", schrieb Nietzsche 1882 und meinte damit den Verlust des Sinns fürs Sakrale. Doch da war der Philosoph wohl etwas voreilig. Nicht nur in bildungsfernen Drittweltländern oder islamischen Gottesstaaten, auch in Industrienationen blüht der Glaube. Die US-Zeitschrift "American Spectator" spricht vom "Mythos des säkularen Westens": Es sei ein "völliges Rätsel", warum so viele Gelehrte und Journalisten glaubten, die Bewohner des Westens seien mehrheitlich Anhänger Darwins. Tatsächlich zeigen Umfragen seit Jahren das gleiche Bild: Die Religionen haben bisher allen Angriffen der Naturwissenschaften getrotzt.

Streit um Gott und die Welt: Wie sich Neue Atheisten und Gläubige immer aggressiver bekämpfen

52 Prozent der EU-Bürger glauben an Gott, ergab eine Erhebung der Europäischen Kommission Anfang 2005. Etwa jeder Vierte gab zu Protokoll, zwar nicht an einen personalen Gott, aber an "eine Art von Geist oder Lebenskraft" zu glauben, und nur 18 Prozent outeten sich als ungläubig. Deutschland lag mit 47 Prozent Gottesgläubigen im Mittelfeld. 25 Prozent glaubten hierzulande an eine andere höhere Macht außer Gott, weitere 25 Prozent an keines von beiden.

Eine ebenfalls 2005 durchgeführte Erhebung von AP-Ipsos ergab ein noch differenzierteres Bild (siehe Fotostrecke). Demnach glauben nur 22 Prozent der Deutschen fest an einen Gott - bei dem es sich, nebenbei erwähnt, nicht immer um den christlichen handeln muss. Der Rest hat mehr oder weniger große Zweifel. Atheisten und Agnostiker kommen gemeinsam sogar auf 23 Prozent.

Im internationalen Vergleich gehören damit sowohl Deutschland als auch die EU noch zu den säkularsten Regionen der Welt. In den USA befragen die Meinungsforscher von Gallup das Volk regelmäßig über Gott und Wissenschaft (siehe Fotostrecke). Die jüngsten Resultate: Ganze 14 Prozent sind der Meinung, dass Homo sapiens allein durch die Evolution auf die Welt gekommen ist. 36 Prozent glauben, dass eine Evolution zwar stattfindet, allerdings unter Gottes Leitung. Die mit 44 Prozent größte Gruppe ist überzeugt, der Allmächtige höchstselbst habe den Menschen so geschaffen, wie er heute ist - und zwar vor höchstens 10.000 Jahren.

Selbst in Darwins Heimat ist die Evolutionslehre nicht mehrheitsfähig, wie eine Umfrage von 2006 ergab. Demnach sind nur 48 Prozent der Briten von der Existenz der Evolution überzeugt. Mehr als 40 Prozent wünschten sich, dass an staatlichen Schulen auch die biblische Schöpfungsgeschichte gelehrt wird - und zwar nicht etwa im Religions-, sondern im Biologieunterricht. Die gleiche Forderung wurde gar von jedem vierten staatlich besoldeten Lehrer erhoben.

Neue Atheisten wüten gegen die Religionen

Nirgendwo aber tobt der Streit zwischen Anhängern und Gegnern der Evolutionslehre so heftig wie in den USA. Auf der einen Seite stehen Kreationisten, die seit einigen Jahren mit dem Etikett "Intelligent Design" ein Weltbild propagieren, in dem Gott den Menschen und alles Leben erschaffen hat. Ihnen gegenüber stehen die große Mehrheit der Wissenschaftler und eine immer lauter werdende atheistische Gegenbewegung, die organisierte Religion für wenig mehr als gemeingefährlichen Kinderglauben hält. Eine ganze Reihe von Büchern, die den Glauben mal sachlicher, mal zorniger angehen, hat es in den letzten Monaten und Jahren in die US-Bestsellerlisten geschafft.

Zwischen beiden Fronten stehen jene, denen das Ganze entweder egal ist oder die glauben, Wissenschaft und Religion könnten sich versöhnen, möglicherweise gar ergänzen. Ihr Lieblingsargument lautet: Religion möchte eigentlich gar keine wissenschaftlichen Ansprüche erheben, während die Wissenschaft nur Galaxien vermessen und Gene analysieren, sich aber von ethischen und weltanschaulichen Fragen fernhalten will.

Also alles nur ein großes Missverständnis? Wohl kaum. Zwar betonen manche Forscher gern, dass bestimmte Dinge außerhalb der Domäne der Wissenschaft lägen - etwa die Frage, woher das Universum kommt und ob seine Existenz einem höheren Sinn folgt. Doch selbst in diesen eher metaphysischen Bereichen gibt es Überschneidungen. "Religion stellt Behauptungen über die Existenz auf, und damit sind es wissenschaftliche Behauptungen", meint etwa Richard Dawkins, Biologe, Bestsellerautor und Galionsfigur der Neuen Atheisten. "Ein Universum mit einem übernatürlichen Wesen wäre fundamental und qualitativ anders als eines ohne."

Aber auch bei weniger philosophischen Themen reden Religionsvertreter gern mit - etwa wenn sie Kondome als Schutz vor einer HIV-Infektion als untauglich erklären und stattdessen Enthaltsamkeit predigen, oder wenn sie der Stammzellforschung enge Grenzen setzen wollen. Der Vatikan konsultiert Mediziner lieber, um zu klären, ob ein Kandidat für eine Heiligsprechung wirklich Wunder vollbracht hat.

Können sich die Religionen zurücknehmen?

Sind die Religionen überhaupt fähig, sich von der Wissenschaft fernzuhalten - oder ist der Missionierungsdrang Teil ihres Wesens, wie etwa der US-Journalist Christopher Hitchens in seinem furiosen Bestseller "Der Herr ist kein Hirte: Wie Religion die Welt vergiftet" schreibt? Hat Dawkins recht, wenn er davor warnt, dass die Aufklärung, die Vernunft, die Wissenschaft und die Wahrheit selbst von der Religion bedroht seien?

Manche Wissenschaftler wollen so weit nicht gehen. Nachdem eine Umfrage ergeben hatte, dass jeder zweite Forscher religiös sei, kommentierte der 2002 verstorbene Paläontologe Stephen Jay Gould: "Entweder ist die Hälfte meiner Kollegen enorm dumm, oder die Wissenschaft des Darwinismus ist vollkommen kompatibel mit konventionellen religiösen Überzeugungen - und auch mit Atheismus." Journalist Hitchens aber findet "alle Versuche, den Glauben mit der Wissenschaft in Einklang zu bringen, verfehlt und lächerlich". Noch deutlicher wird, wie so oft, Evolutionsbiologe Dawkins: Die "angebliche Annäherung zwischen Religion und Wissenschaft ist eine flache, leere, hohle, schönrednerische Augenwischerei".

Den Verdacht, insbesondere die christlichen Religionen beanspruchten nach wie vor universelle Deutungshoheit, hat zuletzt Papst Benedikt XVI. höchstselbst genährt. Im April 2007 schrieb er in einem theologischen Fachbuch, die Existenz der Evolution sei "nicht beweisbar". Zur Frage, woher die menschliche Rationalität eigentlich komme, meinte der Pontifex: "Die Naturwissenschaft kann und darf darauf nicht direkt antworten."

Papst gegen Wissenschaftler: Sind Religion und Forschung miteinander vereinbar oder prinzipiell gegensätzlich?

Dass sie kann, werden die meisten Fachleute bejahen. Dass sie darf, erst recht. Benedikt aber hat mit diesem Satz denjenigen Munition geliefert, die argumentieren, dass Religion und Wissenschaft in letzter Konsequenz eben nicht kompatibel sind. Dass es zum Kern der institutionalisierten Religion gehört, zu glauben statt zu fragen und bestimmte Fragen zu verbieten. Und dass sie damit nicht nur mit der Wissenschaft, sondern mit der Moderne an sich über Kreuz liegt - so sehr sie sich auch manchmal verrenkt, um den gegenteiligen Eindruck zu erwecken.

"Darwin ist einer der großen Autoren des modernen Denkens", sagte der Zürcher Historiker Philipp Sarasin kürzlich im Interview mit der "Zeit". "Diese Moderne akzeptiert nichts Gegebenes, auch keine göttlich abgeleitete Ordnung." Deshalb ringen die Kirchen bis heute mit Darwins Lehre.

Doch zur anfangs gefürchteten Bedrohung für die Religionen ist sie, global betrachtet, nicht geworden. Gelassen können die Kirchen beobachten, dass zahlreiche Atheisten glaubhaft von sich behaupten, auch ohne Gott glücklich zu leben und nicht dem Bösen verfallen zu sein. Deren Argument, organisierter Glaube habe zu viel mehr Hass, Tod und Leid geführt als Unglaube, ist nur schwer von der Hand zu weisen. Doch geschadet hat das den Religionen kaum.

Warum die Wissenschaft schlechte Karten hat

Ironischerweise findet die Wissenschaft inzwischen Antworten darauf, warum die Evolutionslehre in Sachen gesellschaftlicher Akzeptanz kaum Chancen gegen die Religion hat. Immer zahlreicher werden die Hinweise, dass der Mensch aufgrund seines Denkorgans geradezu prädestiniert ist, an höhere Mächte zu glauben - und das nicht nur wegen seiner Furcht vor dem Tod.

So könnte die menschliche Schwäche für Götter unter anderem in den enormen sozialen Fähigkeiten von Homo sapiens wurzeln. "Menschen sind sehr gut darin, Beziehungen zu Personen jenseits ihrer physischen Präsenz zu unterhalten", schrieb der amerikanische Psychologe Pascal Boyer kürzlich im Wissenschaftsmagazin "Nature". Nur so könnten Hierarchien und Bündnisse dauerhaft funktionieren.

Zudem tragen Religionen trotz aller konfessionellen Unterschiede verblüffend universale Züge - etwa dass Götter aussehen, denken und fühlen wie Menschen. Auch rituelle Handlungen könnten der Architektur des Gehirns geschuldet sein. Es sei bekannt, dass das menschliche Denkorgan Netzwerke besitzt, die der Vermeidung von Gefahren dienen, meint Boyer. Religiöse Riten, die sich um körperliche Reinheit, räuberische Bösewichte und verborgene Bedrohungen drehen, seien vermutlich nichts weiter als ein Echo der vergangenen Jahrmillionen.

Der US-Psychologe Michael McCullough wiederum hat nach der Auswertung von Studien aus den Sozial- und Neurowissenschaften Hinweise dafür gefunden, dass religiöse Überzeugungen und Verhaltensweisen helfen, strategisch zu planen und Emotionen zu kontrollieren. Religiöse Rituale wie Gebete und Meditation, schreibt McCulloughs in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts "Psychological Bulletin", "beeinflussen die Teile des menschlichen Gehirns, die am wichtigsten für Selbstregulierung und Selbstkontrolle sind."

Abgesehen davon, bemerkt Boyer, sei religiöses Denken "der Weg des geringsten Widerstands für unser kognitives System". Unglaube dagegen sei meist das Ergebnis bewusster, harter Arbeit gegen die natürliche Veranlagung - "keine Ideologie, die sich am leichtesten verbreiten ließe".

Bisher deutet vieles darauf hin, dass die erstaunliche Neigung des Menschen zum Glauben ein Nebenprodukt der Evolution des Gehirns ist. Vielleicht aber, meint Boyer, findet man eines Tages Beweise dafür, dass der Glaube aktiv beim Überleben der Spezies Homo sapiens geholfen hat. Auf diese Art hätte Gott bei der Evolution des Menschen tatsächlich seine Finger im Spiel gehabt.

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