1900 Meter Schnabelwale halten Tieftauch-Rekord

So tief taucht kein anderes Säugetier: Schnabelwale steigen bis zu 1900 Meter hinab, um an Futter zu kommen. Nicht einmal Pottwale oder Seeelefanten erreichen diese Tiefe.


Über die Lebensweise der Schnabelwale war lange Zeit wenig bekannt, weil die Meeressäuger nur sehr selten in Küstennähe auftauchen. Auch kommen sie zwischen den Tauchgängen nur für wenige Sekunden an die Wasseroberfläche. Um die Tauchtiefe und -geschwindigkeit, die Orientierung sowie die akustischen Signale der Wale aufzuzeichnen, haben Forscher Peilsender auf die Haut von zehn Schnabelwalen geklebt. Sie waren so programmiert, dass sie sich nach rund einem Tag automatisch vom Wal ablösen, an die Oberfläche kommen und dort geortet werden können.

Schnabelwal: Hier an der Wasseroberfläche, ansonsten auch immer wieder in 1900 Meter Tiefe
University of La Laguna

Schnabelwal: Hier an der Wasseroberfläche, ansonsten auch immer wieder in 1900 Meter Tiefe

Die Auswertung der Tauchdaten von sieben Cuvier-Schnabelwalen (Ziphius cavirostris) im Ligurischen Meer und drei Blainville-Schnabelwalen (Mesoplodon densirostris) bei den Kanarischen Inseln überraschte die Wissenschaftler: Ein Tieftauchgang dauerte dabei im Schnitt rund eine Stunde; die Cuvier-Wale brachten es auf die Rekordtiefe von fast 1900 Metern, und auch bei den Blainville-Schnabelwalen gab es Tauchgänge mit bis zu 1250 Metern. Das ist Rekord: Noch nie wurde beobachtet, dass Säugetiere so lange die Luft anhalten und so tief tauchen konnten, schreiben die Forscher um Peter Tyack vom Woods Hole Oceanographic Institution im "Journal of Experimental Biology". Zum Vergleich: Pottwale tauchen gut 1200 Meter, Seeelefanten 1500 Meter tief.

Beim Tieftauchen droht die Lunge nicht zu kollabieren

Mit diesen gut erforschten Tieren haben die Schnabelwale viele Ähnlichkeiten, unterscheiden sich aber in der Abfolge ihrer Tauchgänge. Bei den Schnabelwalen kamen zwischen zwei Tauchgängen mit durchschnittlich 1000 Meter Tiefe immer mehrere Abstiege auf wenige 100 Meter. "Pottwale und Seeelefanten hingegen können mehrmals nacheinander tief abtauchen, ohne anhaltende Intervalle zwischen den tiefen Tauchgängen", sagt Studienleiter Tyack.

Vermutlich erholen sich die Schnabelwale in den Pausen von den Strapazen des Tieftauchens, schreiben die Forscher. Der Abstieg in große Tiefen stellt für die bis zu zehn Meter langen Schnabelwale aber keine Gesundheitsgefahr dar: Das Risiko eines Lungen-Kollapses sei in den Tiefen nicht erhöht, sagt Tyack.

Die Forscher vermuten nun, dass die kleinen Tauchgänge zwischen den Extremabstiegen eine Art Lockerungsübung seien - ähnlich wie bei einem Leistungssportler, der zwischen den Wettbewerben durch kurze Übungen die Muskulatur lockert. Diese Lockerungsübungen könnten ein wesentlicher Faktor sein, weshalb Wale nicht an der Taucherkrankheit leiden.

Kommen menschliche Taucher zu schnell an die Wasseroberfläche, bilden sich durch die schnelle Druckentlastung Gasblasen im Blut. Bei Walen kommt die Taucherkrankheit nicht vor - nur bei tot an den Strand gespülten Tieren konnten Veterinäre Anzeichen davon feststellen. In diesen Fällen könnte die Sonarortung der Marine das natürliche Tauchverhalten gestört und damit zu Taucherkrankheit und Tod der Tiere geführt haben, glauben die Forscher.

fab/ddp



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