Klimabeschluss des G7-Gipfels Warum das Zwei-Grad-Ziel Humbug ist

G7, Uno, EU - alle wollen die globale Erwärmung auf zwei Grad begrenzen. "Dubiose Tricks" werden ihnen vorgeworfen. Nur drei vage Hoffnungen bleiben.
Industriegebiet in Indien: Die schlimmsten Verschmutzer sind nicht dabei

Industriegebiet in Indien: Die schlimmsten Verschmutzer sind nicht dabei

Foto: Ajit Solanki/ AP

Zwei Grad, mehr nicht - so lautet seit 20 Jahren das Mantra von Forschern und Politikern. Sollte sich die Luft im Vergleich zur vorindustriellen Zeit stärker erwärmen, drohten katastrophale Folgen.

Mittlerweile schmähen Forscher  das Zwei-Grad-Ziel. Es sei zwar politische Richtmarke, aber unseriös. Längst scheint klar: Das Ziel ist kaum noch zu erreichen - es sei denn, es erfüllt sich mindestens eine von drei Hoffnungen.

Hoffnung 1: Das Klima ist nicht empfindlich

Lange galt eine Erwärmung von drei Grad als wahrscheinlich, sollte sich die Menge des Gases Kohlendioxid (CO2) in der Luft im Vergleich zu vorindustriellen Zeiten verdoppeln. Doch inzwischen hat sich die Wissenschaft in dieser zentralen Frage der Klimaforschung korrigiert: Der Uno-Klimarat IPCC hat den Wert der sogenannten Klimasensitivität aufgeweicht.

In seinem jüngsten Sachstandsbericht hält das Gremium eine Erwärmung von lediglich 1,5 Grad für ebenso wahrscheinlich wie eine von drei Grad. Die schlechte Nachricht: Ebenso möglich sei ein globaler Temperaturanstieg von 4,5 Grad.

Knapp ein Grad Erwärmung ist bereits erreicht, seit die Industrialisierung begann. Wie viel CO2 dürfen Fabriken, Autos, Kraftwerke und Heizungen noch freisetzen, bis zwei Grad nicht mehr zu verhindern wären?

Rechnet man weiterhin mit drei Grad, hat die Menschheit dem Klimarat zufolge noch gut 1000 Milliarden Tonnen CO2 frei. 2014 pusteten alle Länder zusammen 35 Milliarden Tonnen in die Luft. Noch 25 Jahre diese Menge, und die zwei Grad wären nicht mehr zu verhindern, selbst wenn der Treibhausgasausstoß danach wundersam auf null sinken sollte.

Läge die Klimasensitivität aber bei nur 1,5 Grad, wäre das Treibhausgasbudget erheblich größer - und die Chance größer, eine globale Energiewende rechtzeitig zu schaffen. Bei 4,5 Grad Klimasensitivität allerdings wäre das Budget bereits so gut wie verbraucht, die Zwei-Grad-Welt wäre nicht mehr zu verhindern.

Hoffnung 2: Der Menschheit gelingt Großes

Sollte die Natur nicht helfen, bleibt die Hoffnung, dass die Menschheit doch noch in Eigenregie die Kurve kriegt - mit einem Durchbruch bei den internationalen Verhandlungen und der Erfindung neuer Technologien.

Vor jedem Uno-Klimagipfel rechnen Wissenschaftler vor, wie das Zwei-Grad-Ziel trotz der gängigen Klimasensitivität von drei Grad erreicht werden könnte. Doch die Szenarien werden immer fantastischer.

2007 noch konstatierte der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung WBGU, die globalen CO2-Emissionen müssten jährlich um drei Prozent sinken; eine stärkere Drosselung galt als unrealistisch. Doch anstatt zurückzugehen, stiegen die Emissionen rasant. Mittlerweile steht die Vorgabe bei sechs Prozent Absenkung pro Jahr. Wie soll das gehen?

Von "dubiosen Rechentricks", spricht der Politikberater Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik im SPIEGEL-Interview . Selbst dass die G7-Staaten jetzt eine CO2-freie Wirtschaft bis zum Ende des Jahrhunderts in Aussicht stellen, fällt kaum ins Gewicht, sofern die globalen Emissionen nicht bereits in den nächsten Jahrzehnten stark sinken würden.

Zudem bestätigte sich in dieser Woche auf der Uno-Klimakonferenz in Bonn: Weder China, Indien noch Russland planen, ihren massiven CO2-Ausstoß in den nächsten Jahren zu senken. Und auch die Klimaziele aller anderen Staaten stehen nicht im Einklang mit dem Zwei-Grad-Ziel.

Um die Hoffnung dennoch aufrecht zu erhalten, rechnen Klimaverhandler mit "negativen Emissionen": Sie kalkulieren Technologien ein, die im Laufe des Jahrhunderts der Luft CO2 entziehen, sodass die Bilanz wieder stimmt.

So sollen beispielsweise schnell wachsende Bäume gepflanzt werden, um das CO2 aus der Luft filtern. Anschließend verbrennt man ihr Holz in Kraftwerken, scheidet das CO2 aus den Abgasen ab und pumpt es in Lagerstätten unter die Erde. So würde die Menschheit der Luft Treibhausgase entziehen. Doch wo soll der Plan umgesetzt werden?

Geden hat vorgerechnet, welche Landfläche benötigt würde: rund 500 Millionen Hektar, die eineinhalbfache Fläche Indiens. "Viele Entwicklungsländer würden einen Aufstand machen, wenn von ihnen verlangt würde, nicht Nahrung anzubauen, sondern Bäume für die Speicherung von CO2", sagt Geden.

"Ich lasse mich von diesem Negativismus nicht anstecken", entgegnet Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Womöglich revolutionierten erneuerbare Energien schneller die Welt als erwartet, hofft die Ministerin. "Dass wir anderen Ländern vorschreiben, wie sie ihr Land nutzen sollen, ist ohnehin völlig abwegig." Klar sei, dass die CO2-Emissionen möglichst schnell sinken müssen. "Akademische Nörgeleien helfen da wenig", sagt Hendricks.

Hoffnung 3: So schlimm ist die Erwärmung nicht

Sollten sich die ersten beiden Hoffnungen zerschlagen, bleibt nur noch eine: Selbst eine Erwärmung von mehr als zwei Grad zeitigt nicht allzu schlimme Folgen. Zwar wäre etwa ein deutlicher Anstieg der Ozeane unausweichlich, Gletscher würden schmelzen, Hitzewellen zunehmen (Kälteopfer hingegen würden weniger). Doch unklar ist bisher, ob Stürme schlimmer, Dürregebiete größer oder wie stark die Eismassen der Pole schwinden würden.

Viele Klimaforscher halten das Pokern mit der Zukunft gleichwohl für zu riskant, weshalb sie bereits vor mehr als 20 Jahren zwei Grad als Ziel für die internationalen Verhandlungen vorgegeben hatten. Doch mittlerweile hat das numerische Kunstprodukt viele Gegner in der Wissenschaft.

Immer wieder waren Klimapolitiker deshalb kurz davor, das Zwei-Grad-Ziel abzuschaffen. Doch die Wirkung der simplen Zahl war zu stark - und die Sorge zu groß, dass der Klimaschutz ganz ohne Zielmarke vollends zum Erliegen kommt.

Zusammengefasst: Das Ziel, die Erwärmung des Klimas auf zwei Grad zu begrenzen, ist umstritten. Erreichbar ist es kaum noch - es sei denn, der Menschheit gelingen gigantische Projekte zur Eindämmung des Treibhausgas-Ausstoßes, oder der Klimawandel fällt milde aus.

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