Massensterben Die meisten Arten verschwinden völlig spurlos

Was muss alles passieren, damit selbst ein Elefantenschädel Chancen hat, zum Fossil zu werden?
AFP

Was muss alles passieren, damit selbst ein Elefantenschädel Chancen hat, zum Fossil zu werden?

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Von den meisten Tierarten, die aussterben, sind keine Fossilien zu finden. Was bedeutet das in Bezug auf die großen Aussterbewellen? War alles noch viel schlimmer als bisher gedacht?

Wenn Wissenschaftler geologische Epochen benennen, machen sie das - wo es möglich ist - gern an sogenannten Faunenschnitten fest. Gemeint ist damit, dass ab einem bestimmten Zeitpunkt bestimmte Tiere nicht mehr im Gestein zu finden sind.

Meist geht es dabei nicht um einzelne Arten, sondern um viele: Rund ein Dutzend mal starben bei katastrophalen Ereignissen oder Veränderungen bis zur Hälfte oder mehr der zur jeweiligen Zeit lebenden Wesen aus. Bisher fünfmal kam das Leben an den Rand der Auslöschung, mit Extinktionsraten von 75 Prozent und mehr.

Manche dieser Ereignisse gehören heute zum Allgemeinwissen: Vor 66 Millionen Jahren endete die Zeit der Dinosaurier. Mammut, Säbelzahntiger und Co verschwanden mit dem Ende der letzten Eiszeit. Und dass am Ende des Perm 95 Prozent aller Meeresbewohner und über 65 Prozent der Landtiere ausstarben, hat der eine oder andere auch schon mal gehört.

Wie verlässlich sind solche Zahlen eigentlich? Natürlich sind sie Schätzungen, und sie beruhen auf den Vergleichen von fossilen Befunden vor und nach einer vermuteten Katastrophe. Möglich, dass genau das aber ein völlig verfälschtes Bild ergibt, behauptet eine aktuelle Studie, die Forscher der University of Illinois (Chicago) Ende März vorlegten.

Vom Wind wieder freigelegtes Saurierskelett
Corbis

Vom Wind wieder freigelegtes Saurierskelett

Ihr Interesse galt dabei vornehmlich dem letzten Massen-Aussterben der Erdgeschichte - dem aktuell gerade laufenden. Viele Wissenschaftler nennen es das "sechste Massensterben", und seine Ursache sind wir Menschen und die Veränderungen, die der gesamte Planet aufgrund unserer Aktivitäten durchläuft.

Roy Plotnick und seine Kollegen wollten wissen, wie sich das im Vergleich zu Massensterben der Vergangenheit darstellt: Wie schlimm ist es wirklich? Um zu einer vergleichbaren Datenbasis zu kommen, glichen sie die Rote Liste der bedrohten Tierarten mit verschiedenen Datenbeständen lebender Tiere und drei paläontologischen Datensammlungen ab, in denen Fossilfunde katalogisiert werden. Alle aber untersuchten sie anhand ihres fossilen Befundes, um zu einer vergleichbaren Datenbasis zu kommen: Natürlich, müsste man annehmen, hinterlassen ja auch meist seit Jahrmillionen lebende Arten fossile Spuren.

Über das, was sie dabei herausfanden, seien sie laut Plotnick "schockiert" gewesen: Für 85 Prozent der aktuell bedrohten Säugetierarten gibt es gar keine erfassten fossilen Befunde. Gerade einmal drei Prozent der bedrohten Vögel haben fossile Spuren hinterlassen, und nur 1,6 Prozent der bedrohten Reptilien. Der ganze, riesige Rest wird im Boden wohl niemals Spuren hinterlassen.

Was, wenn das immer schon so war?

Es gibt eine ganze Reihe Faktoren, die zusammenkommen müssen, damit aus einem toten Körper irgendwann ein Fossil wird. Größe hilft, eine hohe Individuenzahl, vor allem aber eine weite Verbreitung.

Optimal ist es, wenn der Körper bald nach dem Tod vollständig in Schlamm versinkt oder von dichten Materialschichten überdeckt wird. Das ist offensichtlich nicht unbedingt häufig: In der Regel liegen Körper irgendwo herum oder versinken im Wasser. Sie werden von Wind, Wellen oder anderen Wesen bewegt, auseinandergenommen, verstreut, zerrissen und verdaut. Oder - profaner - von der Müllabfuhr entsorgt.

Prozentsätze lebender Tiere, für die ein fossiler Befund bekannt ist
Roy E. Plotnick

Prozentsätze lebender Tiere, für die ein fossiler Befund bekannt ist

Tendenziell haben eher große Körper eine Chance auf Fossilisation. Sie sind schwer zu bewegen, die einzelnen Knochen findet man öfter nah beieinander als bei kleinen Wesen. Auch von den Dinosauriern wurden zuerst die großen, monströsen Exemplare gefunden. Es hat lang gedauert, bis die Erkenntnis einsickerte, dass die meisten wohl erheblich kleiner waren.

Das Prinzip erkennt man auch im fossilen Befund noch lebender Arten: Die Tiere, die am seltensten gefunden werden, sagt Plotnick, seien "kleine, niedliche und fellige, so wie Nagetiere oder Fledermäuse". Die aber gehören zu den zahlenmäßig häufigsten Säugetierarten überhaupt: Nagetiere stellen rund 40 Prozent aller Säugerarten, Fledertiere weitere circa 20 Prozent. Wenn sie sterben, verschwinden sie in der Regel spurlos.

Bei Ausgrabungen in etlichen Tausend Jahren würde man sie nicht finden - es wäre so, als hätten sie nie gelebt. Nach hinten gedacht wirft das Fragen auf: Wie viele vergangene Arten haben wir nie gefunden? Und was bedeutet das für die Schätzungen über vergangene Artenvielfalt und das Ausmaß der großen Aussterbe-Events?

Zumindest, dass sie nicht genau sind, glaubt Plotnick. Was die Zahl vernichteter Arten angeht, waren die Katastrophen der Vergangenheit mit einiger Wahrscheinlichkeit noch weit schlimmer, als bisher gedacht.

Unsere Fossile taugen nichts: Der Wert des Wissens im Stein

Plotnick schließt an all das einen weiteren Gedanken an: Dass auch unsere modernen "Fossile" wenig daran ändern werden, dass unsere Nachkommen oder Nachfolger wenig über das Leben unserer Zeit erfahren werden.

Prinzipiell werden ja auch unsere Aufzeichnungen im übertragenen Sinn irgendwann nichts anderes als "fossile" Überlieferungen sein - Spuren vergangenen Lebens. Von einigen in den letzten Jahrhunderten ausgestorbenen Arten haben wir nur erfahren, weil sie jemand gemalt oder beschrieben hat.

Trotzdem, sagt Plotnick, werden Fossilien auch in weit entfernter Zukunft die einzige verlässliche Informationsquelle über vergangenes Leben bleiben: "Im Verlauf der menschlichen Entwicklung sind unsere Methoden, Informationen aufzuzeichnen, immer flüchtiger geworden. Tontafeln halten länger als Bücher. Und wer kann heute noch eine 8-Zoll-Floppydisk lesen? Wenn wir alles auf elektronische Medien packen, werden diese Aufzeichnungen in einer Million Jahren noch existieren? Die Fossilien schon."



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