Manganknollen-Abbau Wie Firmen in der Tiefsee neue Rohstoffe schürfen wollen

Bergbau auf dem Meeresgrund ist längst keine Science-Fiction mehr: Auf der Suche nach wertvollen Rohstoffen beginnen Konzerne schon mit der Exploration. Die Auswirkungen auf das Ökosystem untersuchen jetzt deutsche Forscher.

Manganknollen auf dem Meeresboden in der Clarion-Clipperton-Zone westlich von Mexiko
ROV KIEL 6000 / GEOMAR

Manganknollen auf dem Meeresboden in der Clarion-Clipperton-Zone westlich von Mexiko

Ein Interview von Christian Schwägerl


Von Handys über Satelliten bis zu Windrädern: Der Bedarf nach seltenen Rohstoffen für Hightech-Geräte steigt beständig, weshalb in immer entlegeneren Regionen nach ihnen geschürft wird. Vor einiger Zeit haben Konzerne sogar die Tiefsee als neue Förderstätte entdeckt und bereits damit begonnen zu erkunden, wo sich ein Abbau besonders lohnen würde.

Das Ziel von Unternehmen wie der belgischen "Global Sea Mineral Resources" und der kanadischen Firma "Nautilus Minerals": Manganknollen zu heben, die in 4000 bis 6000 Meter Tiefe am Grund des Meeres liegen und begehrte Rohstoffe enthalten. Bergbau auf dem Meeresboden wird zur Realität.

Doch wie würde sich der Abbau in großem Stil auf das Ökosystem auswirken? Um das herauszufinden, ist der Chemiker Matthias Haeckel derzeit als Expeditionsleiter mit dem Forschungsschiff "Sonne" im Auftrag des Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung im Pazifik westlich von Mexiko unterwegs. Dort liegt die Clarion-Clipperton-Zone, in der im Meeresgrund ein großer Reichtum jener Manganknollen vermutet wird.

SPIEGEL ONLINE: Herr Haeckel, was genau ist das Ziel Ihrer Mission und wer ist mit an Bord?

Matthias Haeckel: Unser Ziel ist die Untersuchung des Manganknollen-Ökosystems sowie der potenziellen Auswirkungen, die der Abbau der Knollen auf die Umwelt in der Tiefsee haben wird. An der Expedition sind 65 Experten aus verschiedenen Fachdisziplinen, wie Ozeanographie, Biologie, Mikrobiologie, Meereschemie, Geologie, beteiligt. Die Teilnehmer kommen von 30 verschiedenen europäischen Instituten.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Hunger der Menschheit nach metallischen Rohstoffen wirklich so groß und Recycling so teuer, dass mit Bergbau auf dem ökologisch sensiblen Meeresboden begonnen werden muss?

Haeckel: Das ist zumindest das häufig gehörte Argument. Sicher ist aber auch, dass wir unser derzeitiges Konsumverhalten für Rohstoffe ändern müssen, nicht nur bei den Metallen, um den Bedarf bei prognostiziertem Bevölkerungswachstum und steigendem Lebensstandard nicht weiter explodieren zu lassen. So ließe sich Tiefseebergbau vielleicht doch vermeiden.

SPIEGEL ONLINE: Was wird Ihr Team in dem Untersuchungsgebiet genau machen?

Haeckel: Die Expedition wird insgesamt über hundert Tage dauern. Die Arbeiten umfassen neben der Erhebung der Artenvielfalt in den verschiedenen Tierklassen auch Untersuchungen zu Stoffumsätzen im Ökosystem, insbesondere im Meeresboden, Vermessung der Dynamik der Bodenströmungen, In-situ-Experimente zur Ökotoxikologie, des Nahrungsnetzes und einiges mehr. Wir haben eine Vielzahl von Geräten für diese Untersuchungen dabei, zum Beispiel benthische Lander, einen Tauchroboter, Verankerungen zur Strömungsmessung sowie einige klassische Untersuchungsgeräte.

SPIEGEL ONLINE: Welche negativen Folgen könnte Bergbau am Meeresboden haben, und was sagen bisherige Simulationsversuche über das Ausmaß möglicher Schäden?

Haeckel: Zu Schäden kann es kommen, wenn Oberflächensedimente mit den Manganknollen und ihren gesamten Lebewesen entfernt werden. Ebenso, wenn der Lebensraum mit Sedimentablagerungen bedeckt wird, die beim Abbau aufgewirbelt und mit der Bodenströmung weitreichend verteilt werden. Bei Manganknollen wird die geschädigte Fläche daher beim industriellen Tiefseebergbau etwa 500 bis 1000 Quadratkilometer pro Jahr und pro Abbaufläche, die rund 300 Quadratkilometer pro Jahr in Anspruch nimmt, betragen. Das entspricht der zwei- bis dreifachen Fläche von München pro Jahr.


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Reuters

SPIEGEL ONLINE: Was sind Ihre wichtigsten Forschungsfragen, was die größten Unbekannten?

Haeckel: Wir wissen derzeit zu wenig über die Konnektivität der Arten in der Tiefsee, also wie sie quer über den Pazifik miteinander zusammenhängen. Dass Arten quer über den Pazifik vorkommen, wissen wir, aber nicht über welche Zeiträume und über wie viele Generationen der Genaustausch passiert. Wir können derzeit auch nur begrenzt Aussagen dazu treffen, ab welchen Sedimentkonzentrationen in einer Sedimentwolke durch Tiefseebergbau die Organismen geschädigt werden. Daher führen wir zum Beispiel In-situ-Experimente durch, damit sinnvolle Grenzwerte und Umweltstandards für die internationalen Regularien festlegt werden können.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Wege, den Schaden zu begrenzen?

Haeckel: Es ist zusätzlich zu technischen Vorschriften für die Abbaugeräte notwendig, Grenzwerte festzulegen oder auch Raumplanungskonzepte zu schaffen, die regeln, wie groß zusammenhängende Abbauflächen sein dürfen und wie groß Schutzzonen dazwischen sein müssen. Da der Tiefseebergbau aber die Entfernung des Habitats auf großen Flächen bedeutet, kann ein Schaden nicht verhindert, sondern nur begrenzt werden.

SPIEGEL ONLINE: Auch der Bundesrepublik Deutschland wurden von der Internationalen Meeresbodenbehörde Lizenzrechte in dem Gebiet zugesprochen. Ist das eine Art 17. Bundesland, und was sollen wir damit machen?

Haeckel: Nein, es ist kein weiteres Bundesland, da es nicht der Bundesrepublik Deutschland gehört. Laut UNCLOS (UN Seerechtskonvention) gehören der Meeresboden und seine Rohstoffe außerhalb der Außenwirtschaftszone (200-Seemeilenzone) der gesamten Menschheit und nicht einzelnen Staaten. Derzeit gibt es nur Explorationslizenzen, das heißt der Abbau der Rohstoffe ist bisher nicht erlaubt. Die Internationale Meeresbodenbehörde ist momentan dabei, die Abbauregularien zu entwerfen. Unser Forschungsprojekt liefert hierfür die wissenschaftlichen Grundlagen, um Umweltschäden minimieren zu können und Umweltstandards sowie Grenzwerte festzulegen. Es ist gut, dass Deutschland sich vor allem in diesem Bereich stark engagiert.

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SPIEGEL ONLINE: Wenn Ihre Ergebnisse vorliegen, könnte dann auch ein Moratorium oder ein Verbot des Bergbaus am Meeresboden die Folge sein?

Haeckel: Das entscheiden ja nicht wir als Wissenschaftler. Wir zeigen aber klar auf, worin die Schäden bestehen. Dann müssen wir alle als Gesellschaft entscheiden, ob wir uns diese weitere Schädigung unseres Planeten leisten wollen.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie ein paar metallische Rohstoffe mit zurück nach Deutschland bringen?

Haeckel: Wir werden Probenmaterial mitbringen, darunter werden auch eine Handvoll Manganknollen sein, um die darauf und darin lebenden Organismen zu bestimmen und zu charakterisieren. Unser Projekt beschäftigt sich aber nicht mit der Untersuchung der Rohstoffressource.



insgesamt 19 Beiträge
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jojo_jojopi 23.04.2019
1. ... die Gier frisst uns alle auf ...
raffen, in "Besitz" nehmen, Lizenzen vergeben, abbauen, den Klimawandel abstreiten und ... immmer weiter so... ... nice Generation "Handy", nice new World Order ...
herbert 23.04.2019
2. Wer sind denn die deutschen Forscher ???
oder welchem Verein gehören sie an ? Warte schon auf die ersten Aufschreie der Grünen das dies hier verboten werden muss.
cyberpommez 23.04.2019
3. Wie bei Allem
was der Mensch tut. Zitat: Schaden kann nicht verhindert, sondern nur begrenzt werden! Das trifft auf fast Alles zu was der Mensch macht. Das ist unsere Problem, wir können nichts tun ohne etwas zu zerstören. Ein Trauerspiel....
Pneumoniahawk 23.04.2019
4. Schlimmer geht immer
Es ist wahr, wir lernen nix dazu. Anstatt alle Industrienationen gemeinsam eine weltweit funktionierendes Recyle-System aufbauen und den Raubbau runterfahren sind jetzt die Ozeane dran. Das schnelle Geld machen ist wichtiger. Wann hört dieser Wahnsinn auf?
ronald1952 23.04.2019
5. Niemand muss
mehr was Untersuchen, denn es ist schon seit Jahrzehnten bekannt welche verheerenden Schäden der Abbau mit sich bringt.In der Tiefsee wurde ein ganzes Feld beackert das noch nach vielen Jahren Tod war. Man braucht dazu keine Studien mehr das ist nur Augenwischerei. Dasselbe weis man von der Schleppnetzfischerei und was wird dagegen getan das man nur völlig zerstörte Meeresboden hinterlässt? Nichts wie immer, denn der Profit geht ja schließlich vor. Nur irgendwann wird es keinen Profit mehr geben wenn alles kaputt ist. Die Erde braucht uns nicht und wird uns überleben, wir brauchen die Erde das wir immer wieder verkannt von wegen macht euch die Erde untertan das ist lachhaft. schönen Tag noch,
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