Abbruch riesiger Eisberge Wie warme Luftströme das Antarktis-Schelfeis bedrohen

Warum es in der Vergangenheit zum Abbruch der gigantischen Eisplatten kam, konnten sich Forscher lange nicht erklären. Nun bringt eine Studie die Ereignisse mit einem bestimmten Wetterphänomen in Verbindung.
Abgebrochene Scholle des Larsen-Schelfeises treibt im Meer

Abgebrochene Scholle des Larsen-Schelfeises treibt im Meer

Foto: Blickwinkel / IMAGO

Die Zusammenbrüche der Schelfeise Larsen A und Larsen B an der Antarktischen Halbinsel hängen wahrscheinlich mit der intensiven Einwirkung warmfeuchter Luftströme zusammen. Diese atmosphärischen Flüsse könnten etwa durch Hitzewellen, Eisschmelze und hohen Seegang das Eis destabilisieren und so auch zum Abbruch großer Eisberge beitragen, schreibt ein internationales Forschungsteam im Fachmagazin »Communications Earth & Environment« . Die Klimatologen warnen vor den Auswirkungen solcher Luftströme auf das noch bestehende Larsen-C-Schelfeis, das größte noch erhaltene Eisschelf der Antarktischen Halbinsel.

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Als Eisschelf gelten dickere Eisplatten, die auf dem Meer schwimmen, aber noch mit dem Eis auf dem Festland verbunden sind. Sie bremsen den Fluss von Gletschereis vom Inland ins Meer und halten damit den Verlust an Eismasse auf. Große Schelfeisgebiete dienen für die dahinter gelagerten Eismassen deshalb als eine Art Stabilisator. An den Rändern von Schelfeis brechen immer wieder Eisberge ab – beim sogenannten Kalben.

Der Eis-Kollaps von Larsen A bis D

Sorgen bereitet Forschern seit Jahrzehnten insbesondere das Larsen-Schelfeis an der Ostseite der Antarktischen Halbinsel, die sich weit Richtung Südamerika erstreckt. Dieses Schelfeis umfasst mehrere Areale, die von Nord nach Süd mit den Buchstaben A bis D durchgezählt werden.

Riss im Larsen-C-Eisschelf

Riss im Larsen-C-Eisschelf

Foto: NASA /John Sonntag / picture alliance

Das im Norden der Halbinsel gelegene Eisschelf Larsen A kollabierte bereits Anfang 1995 während des antarktischen Sommers auf einer Fläche von 2000 Quadratkilometern und zerbarst in tausende kleine Eisberge. Sieben Jahre später zerfiel das wesentlich größere Eisschelf Larsen B ebenfalls innerhalb kurzer Zeit.

Was zum Zusammenbruch der beiden Eisschelfe führte, war bislang unklar. In der aktuellen Studie untersuchte das Team um den Klimatologen Jonathan Wille von der Université Grenoble Alpes den Einfluss sogenannter atmosphärischer Flüsse. Diese Bänder von Luftströmungen transportieren feucht-warme Luftmassen aus den Subtropen und gemäßigten Breiten über weite Distanzen polwärts – und können zu Extremwetter wie Hitzewellen, Starkniederschlägen, Sturm und hohem Seegang führen. So hing etwa die im Februar 2020 gemessene Rekordtemperatur von 18,3 Grad Celsius an der Forschungsstation Esperanza auf der Antarktischen Halbinsel mit diesem Phänomen zusammen.

Eisschelf-Zusammenbrüche korrelieren mit Luftströmungen

In den vergangenen 20 Jahren identifizierten die Forscher an der Antarktischen Halbinsel 21 Abbrüche großer Eisberge. Anhand von Klimamodellen und Satellitenbildern prüften sie den Einfluss atmosphärischer Flüsse. Demnach gingen solche warmen Luftströmungen 13 der 21 Ereignisse voraus – also etwa 62 Prozent. Auch an den beiden Zusammenbrüchen von Larsen A und Larsen B hatte das Phänomen einen Anteil.

Erst Ende März kollabierte das Conger-Eisschelf in der Ost-Antarktis. Der größte Teil des früheren Eisschelfs treibt nun Satellitenbildern zufolge als Eisberg mit dem Namen C-38 im Südpolarmeer vor der antarktischen Region Wilkesland. Er folge dem Eisberg C-37, der eine Woche zuvor aus dem benachbarten Glenzer-Eisschelf gekalbt war. Auch vom nahe gelegenen Totten-Gletscher, dem größten Gletscher der Ostantarktis, wurde ein Abbruch berichtet.

Die Luftströme sorgen den Forschern zufolge für hohe Schmelzraten auf der Oberfläche des Schelfeises. Auf dem Eis sammelt sich das Wasser in Seen oder sickert durch Spalten. Zudem dünne die feuchtwarme Luft das Meereis an den Rändern des Schelfeises aus, sodass dieses direkt dem Meerwasser ausgesetzt sei – zumal bei starkem Seegang.

Die Autoren betonen jedoch, man habe die Prozesse, die zum Kollaps eines Eisschelfs führen, seien noch nicht vollständig verstanden. Intensive Luftströmungen seien vermutlich ein Faktor von mehreren. Mit Blick auf das verbliebene Eisschelf Larsen C warnen die Wissenschaftler, dieses könnte noch empfindlicher auf starke Luftströme reagieren als Larsen A und B.

sug/dpa
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