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Prognose: Müllausstoß wird noch Jahrzehnte weiter wachsen

Foto: CHINA DAILY/ REUTERS

Abfall-Prognose Forscher warnen vor gigantischen Müllbergen

Die Welt droht an ihrem Müll zu ersticken. Die globale Abfallproduktion wächst laut einer neuen Studie noch mindestens bis ins Jahr 2075, aller Öko-Initiativen zum Trotz. Besonders beunruhigend: Die Zusammensetzung des Unrats verändert sich. Je reicher ein Land, desto giftiger sein Müll.

Der Globus, eine große Müllhalde? Wer die Zahlen in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts "Nature" liest, fühlt sich an den Animationsfilm "Wall-E" erinnert, in dem ein putziger kleiner Roboter im Alleingang eine von Menschen verlassene, von Müll bedeckte Erde aufzuräumen versucht. Laut "Nature" hat die Weltbevölkerung schon im Jahr 2010 rund 3,5 Millionen Tonnen Müll produziert - pro Tag. Doch dieser Wert dürfte längst überholt sein, schreiben Daniel Hoornweg von der kanadischen University of Ontario und seine Kollegen. Denn die Tendenz kennt nur eine Richtung: steil aufwärts.

Generell sei Müll vor allem ein Problem urbaner Regionen. Ein Städter verursache doppelt bis viermal so viel Müll wie ein Landbewohner, und die Verstädterung nehme weltweit zu. Im Jahr 1900 hätten die Städter weltweit etwa 300.000 Tonnen Müll pro Tag produziert. Ein Jahrhundert später habe sich die Menge auf drei Millionen Tonnen verzehnfacht, bis 2025 werde sie sich noch einmal auf sechs Millionen Tonnen verdoppeln. Damit könne man eine 5000 Kilometer lange Kolonne von Müllautos befüllen - jeden Tag. Wenn der Trend ungebrochen weitergehe, so rechnen die Wissenschaftler vor, würden im Jahr 2100 täglich mehr als elf Millionen Tonnen feste Abfälle anfallen.

Schon jetzt seien die Auswirkungen auf den Planeten immens, warnen die Forscher. Mögliche Ansatzpunkte für eine Trendwende seien gebremstes Bevölkerungswachstum, verbessertes Ressourcenmanagement der Städte und technologische Fortschritte etwa für leichtere Verpackungen. "Der Gewinn für Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft wäre enorm."

Das Problem: Es gibt nur wenige Anzeichen, dass dies geschehen wird. Hoornweg und seine Kollegen stellen drei Szenarien vor (siehe Grafiken). Selbst in dem optimistischen erreicht die Rate der Müllproduktion erst im Jahr 2075 ihren Höhepunkt. Setzten sich die heutigen Trends dagegen fort (Szenario zwei) oder verschlimmerten sich gar (Szenario drei), werde die Welt auch über das Jahr 2100 hinaus in stetig steigendem Tempo Müll produzieren. "Solche Prognosen sind zwar mit großen Unsicherheiten behaftet", betont Christoph Wünsch, Experte für Abfall- und Kreislaufwirtschaft an der TU Dresden. Insgesamt aber wiesen die Berechnungen in eine plausible Richtung.

Starkes Müll-Wachstum in Asien und Afrika

Derzeit verursachen noch die Industrieländer in Europa und Nordamerika den meisten Müll. Im "Business as usual"-Szenario erwarten Hoornweg und seine Kollegen, dass der tägliche Ausstoß ab dem Jahr 2050 langsam sinken wird. Die Gründe sind vor allem das geringere Bevölkerungswachstum, gepaart mit stärkerem Umweltbewusstsein und technologischen Fortschritten. In einzelnen Städten könne dies schon früher geschehen: So habe sich die kalifornische Metropole San Francisco das Ziel gesetzt, bis 2020 ihren Abfall auf null zu reduzieren. Derzeit würden dort bereits 55 Prozent aller Abfälle recycelt oder wiederverwendet.

Leider aber stehen dieser guten zwei schlechte Nachrichten gegenüber.

  • Die erste: Während in den Industrieländern Besserung in Sicht ist, zieht die Müllproduktion anderswo stark an; derzeit etwa in Ostasien, vor allem in China. Ab 2025 werde voraussichtlich Südasien nachziehen, ab 2050 dann Afrika - und das so heftig, dass die Forscher die Entwicklung in Afrika als entscheidend dafür ansehen, wie hoch der Gipfel der weltweiten Müllerzeugung ausfallen wird und wann er erreicht wird.
  • Die zweite: Ab einem gewissen Wohlstandsniveau verringert sich zwar die Menge des Mülls, doch schon lange vorher ändert sich seine Zusammensetzung - und das nicht gerade zum Besseren.

Je mehr Geld vorhanden sei, desto mehr Verpackungen, Elektroschrott, kaputtes Spielzeug und Haushaltsgeräte landeten im Müll, heißt es in dem "Nature"-Beitrag . Wünsch sieht das ähnlich: "Mit der Industrialisierung steigt der Anteil an toxischen Abfällen." Insbesondere was die Folgen für die Umwelt betreffe, "zählt nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität des Mülls".

"Wohlstand an der Zahl der weggeworfenen Handys ablesbar"

Es ist vor allem der typische Wohlstandsmüll, der Ökologen die größten Sorgen bereitet. Kunststoffe etwa bilden in den Ozeanen gewaltige Müllstrudel, werden zu winzigen Partikeln zerrieben und dann von Fischen, Seevögeln, Schildkröten und anderen Meeresbewohnern geschluckt. Forscher hegen auch den Verdacht, dass die Kleinstteilchen das Wachstum von Algen hemmen, und die bilden die Basis für fast alles Leben im Wasser.

An Land sind Müllkippen eine Gefahr für das Grundwasser; und auch die Verbrennung des Abfalls macht Ärger. Hoornweg und seine Kollegen gehen von weltweit rund 2000 Müllverbrennungsanlagen aus, von denen die größten bis zu 5000 Tonnen täglich verarbeiten können. Das verursache nicht nur hohe Kosten: Die Abgase könnten die Luft, die Asche den Boden belasten.

Auch hier sorgen Stoffe aus der industriellen Fertigung für die meisten Probleme - und ihre Verbreitung dürfte mit der steigenden Industrialisierung bevölkerungsreicher Regionen in Asien und Afrika künftig zunehmen. "Den Wohlstand eines Landes", schreiben Hoornweg und seine Kollegen, "kann man auch an der Zahl der weggeworfenen Handys ablesen."

Mit Material von dpa
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