Abkommen über Rettungseinsätze Annäherung im arktischen Eis

Ein neues internationales Abkommen soll Hilfseinsätze in der Arktis auf eine bessere Grundlage stellen. Politiker und Umweltschützer feiern das Vertragswerk - zu Recht. Doch neue WikiLeaks-Dokumente beweisen auch, dass es in der Region nicht immer harmonisch zugeht.

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Es war beinahe ein Himmelfahrtskommando. Weil selbst ein voller Haupt- und Reservetank nicht ansatzweise reichten, wurde der "Super Puma"-Helikopter mit mehreren zusätzlichen 200-Liter-Fässern Treibstoff beladen. Die Crew pumpte den Sprit dann während des Flugs um. Nur so konnte die Rettungsmission im Juni 2009 überhaupt ihr 1100 Kilometer entferntes Ziel erreichen.

Ein 34-jähriger Abenteurer aus Dänemark hatte auf einer Expedition im Norden Grönlands schwere Blinddarmprobleme - und der Hubschrauber von der norwegischen Arktisinsel Spitzbergen war seine einzige Hoffnung. Eine grönländische Crew hatte den Rettungsjob zuvor nicht erledigen können. Die von den Norwegern flugs improvisierte Heli-Mission wurde zum Erfolg. Mit einiger Mühe karrte man den maladen Extremsportler nach Spitzbergen, wo er schließlich in einem Krankenhaus operiert wurde.

Nun soll ein neues internationales Abkommen solche Hilfseinsätze in der Arktis auf eine bessere Grundlage stellen. Darauf haben sich Russland, Kanada, Norwegen, Schweden, Finnland, Dänemark und Island bei einem Außenministertreffen des Arktischen Rats in der grönländischen Hauptstadt Nuuk geeinigt. Gleichzeitig sorgten neue WikiLeaks-Dokumente zum Wettlauf in der Arktis am Rande der Veranstaltung für Diskussionen.

Dänemarks Außenministerin Lene Espersen lobte den 18-seitigen Vertrag zur Notfallrettung als "einen wichtigen Schritt in Richtung einer sicheren Schifffahrt in der Arktis". Darum geht es vor allem, weil der Klimawandel neue Schifffahrtsrouten im hohen Norden zumindest einige Monate im Jahr nutzbar macht. Das Eis zieht sich zurück und wird dünner. Kapitäne wagen sich auch in unwirtliche Regionen vor. Erste spektakuläre Schiffsreisen am Eisrand hat es bereits gegeben.

Und nicht nur Frachter zieht es in die Arktis, sondern nicht zuletzt auch eine große Zahl von Kreuzfahrtriesen. Erste Schiffe sind schon auf Grund gelaufen - zum Glück ohne größere Probleme. Experten treibt die Frage um, was eigentlich passiert, sollte ein Touristendampfer etwa vor der Eiswüste Ostgrönlands leckschlagen. Das neue Abkommen soll die Ressourcen der Arktisstaaten zur Antwort auf solche Herausforderungen bündeln.

"Ein riesiger Sprung vorwärts"

Es ist das erste Mal, dass sich der 1996 gegründete Arktische Rat auf ein verbindliches Abkommen einigen konnte. "Das ist kein Schritt vorwärts für den Rat, sondern ein riesiger Sprung", lobte Alexander Schestakow von der Umweltschutzorganisation WWF. "Er beweist, dass die politischen Führer rund um den Pol in der Lage sind, bei gemeinsamen Herausforderungen zusammenzuarbeiten." Bisher hatte das Gremium nur Empfehlungen abgegeben und wissenschaftliche Studien zur Umweltsituation in der Arktis veröffentlicht, zuletzt eine zum Transport des giftigen Quecksilbers aus den Industriestaaten in den hohen Norden.

Ob der Rat, in dem Deutschland den Status eines permanenten Beobachters hat, in Zukunft nun weitere rechtlich bindende Verträge auf den Weg bringen kann, muss sich noch zeigen. US-Außenministerin Hillary Clinton stellte jedenfalls in Nuuk in Aussicht, genau das anstreben zu wollen. Umweltschützer Schestakow erklärte, es seien "noch mehrere Sprünge" nötig, um sich den Herausforderungen in der wandelnden Arktis zu stellen.

Bisher ist der Arktische Rat aber noch immer sehr schwach. Das Gremium darf sich laut seinem Gründungsvertrag offiziell nicht mit politischen und militärischen Fragen befassen. Die Präsidentschaft des Gremiums rotiert, so wie es auch in der Europäischen Union der Fall ist. Als nächstes ist Schweden dran - und das Land möchte weitere drängende Themen wie den Kampf gegen mögliche Ölunfälle höher auf die Agenda des Rats setzen, wie Außenminister Carl Bildt erklärte. Eine Task Force soll ein mögliches Abkommen vorbereiten. In Zukunft soll der Rat auch ein festes Sekretariat bekommen, denn auch das fehlt ihm bis jetzt. Nicht klar ist, wo das Sekretariat angesiedelt sein wird.

Um sich mit politisch sensibleren Fragen wie den konkurrierenden Gebietsansprüchen am Nordpol zu befassen, haben die fünf Anrainerstaaten des Arktischen Ozeans - also Russland, Kanada, Norwegen, Dänemark und die USA - ein eigenes Gesprächsformat gegründet, die Gruppe der Arktischen Fünf. Deren Treffen sorgten aber wiederholt für Ärger, weil zum Beispiel Vertreter der Inuit nicht eingeladen wurden. Im Arktischen Rat finden sie dagegen zumindest Gehör, auch wenn sie formell nicht mitentscheiden dürfen.

insgesamt 2 Beiträge
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Rübezahl 13.05.2011
1. Bodenschätze
Wenn es an die Ausbeutung der Bodenschätze geht, wird sich das politische klima noch mächtig verschlechtern. Selbst einen Krieg halte ich dann nicht für ausgeschlossen!
Zero Thrust 13.05.2011
2. re
Zitat von sysopEin neues internationales Abkommen soll Hilfseinsätze in der Arktis auf eine bessere Grundlage stellen. Politiker und Umweltschützer feiern*das Vertragswerk - zu Recht. Doch neue WikiLeaks-Dokumente beweisen auch, dass es in der Region nicht immer harmonisch zugeht. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,762401,00.html
Und dafür wird es doch auch mal höchste Zeit. *Diese* Form von Annäherung jedenfalls ist immer erfreulich, vor allem, weil man sich so ja die Hoffnung machen darf, dass dort tatsächlich auch mal miteinander gesprochen wird. Dass es auch dort oben nicht immer harmonisch zugeht, das ist klar doch. Wo ist das anders? Derlei Abkommen sind, für mein Gefühl, jedoch eher im Hinblick auf die fernere Zukunft zu begrüßen, selbst wenn es dann heißen sollte "kümmert uns nicht mehr". Zumindest wird da mal was "gewesen" sein. Und, gerade wenn es um die Zukunft geht, halte ich das Thema "Arktis" für ungemein wichtig. Ja, wichtiger als viele andere Regionen der Erde, auch einige, denen gegenwärtig noch mehr "Sprengstoff" unterstellt oder globalstrategisches Gewicht beigemessen wird. Was mich in puncto Arktis insbesondere und bis jetzt immer verwunderte, um nicht zu sagen irritierte, ist das wenigstens gefühlte und - vergleichsweise - Desinteresse von Seiten der USA. Und das nicht zuletzt, weil's gespielt sein konnte, oder aber, weil es dann irgendwann auf längere Sicht nicht selten heißt: Back with a vengeance! Spätestens, wenn sie, oder sollten sie (mal) merken, dass sie "woanders" nicht mehr recht zum Zuge kommen. Wenn es dann heißt, dass sogar China mittlerweile gemächlich gen Norden schielt, haben wir eine Konfluenz von drei Groß-/Supermächten (die EU nehm' ich davon jetzt mal aus, wobei die Frage sein wird, ob man das kann), die einen kaum kalt lassen darf. Deshalb ist es immer beruhigend zu wissen, dass miteinander gesprochen wird und sogar ein paar Abkommen dabei herumkommen. Mal unabhängig davon, was die im Einzelnen bewirken und/oder wie bindend sie letztlich wirklich sind, insbesondere in Phasen, in denen es "drauf ankommt" und man sich national, bzw. im nationalen Eigeninteresse nun mal in Stellung bringen *muss*. Was auch mir hingegen einmal mehr übel aufstößt: Aber das ist halt einfach typisch.
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