Gewässer in Äthiopien Die lebensfeindlichsten Seen der Welt

Wann immer auf fernen Planeten Wasser entdeckt wird, beginnen Spekulationen, ob es dort Leben geben könnte. Nach der Analyse von drei Extremseen auf der Erde warnen Forscher vor voreiligen Schlüssen.

Dallol-Lavadom in Äthiopien: Zu sauer, um Leben zu ermöglichen
Puri López-García/ DPA

Dallol-Lavadom in Äthiopien: Zu sauer, um Leben zu ermöglichen


In Äthiopien haben Forscher Orte ohne jegliches Leben ausgemacht. Die Untersuchung in drei Gewässern belegt, dass auf der Erde Wasservorkommen existieren, in denen kein Leben möglich ist.

Die Forschergruppe um Purificación López-García vom Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung (CNRS) in Orsay bei Paris rät deshalb zur Vorsicht, wenn Astronomen die Existenz von Wasser auf fernen Planeten als Hinweis für Leben interpretieren.

Die untersuchten Seen liegen in Dallol, einem Gebiet mit vulkanischer Aktivität im Norden des Landes, nahe der Grenze zu Eritrea. Sie sind aus unterschiedlichen Gründen extreme Orte, berichteten die Forscher bereits im Oktober im Fachmagazin "Nature Ecology & Evolution":

  • Im Gelben See und im Schwarzen See zerstören zweifach positiv geladene Magnesium-Ionen Wasserstoffbrückenbindungen und damit Biomoleküle.
  • Der See des Dallol-Lavadoms ist mit einem pH-Wert von null extrem sauer. Gleichzeitig hat das Wasser einen hohen Salzgehalt von mehr als 35 Prozent und Temperaturen von bis zu 108 Grad Celsius.
  • Dennoch hatten Wissenschaftler kürzlich berichtet, dass dort Mikroorganismen leben können.

    Einzeller auf die Seeoberfläche geweht

    Die Forscher um López-García nahmen nun nochmals Proben aus den Seen und der Umgebung und untersuchten sie unter dem Rasterelektronenmikroskop. Auch chemische und genetische Analysen waren Teil der Studie.

    Laut López-García fanden die Wissenschaftler dabei zwar vereinzelte genetische Spuren. Jedoch handele es sich dabei wahrscheinlich um Kontaminationen. Das Team geht anhand der Zusammensetzung der DNA davon aus, dass Einzeller auf die Seeoberfläche geweht wurden oder - trotz zahlreicher Vorsichtsmaßnahmen - im Labor in die Proben geraten sind.

    Die Forscher fanden auch winzige Mineralbruchstücke, die unter dem Mikroskop wie biologische Zellen aussehen, sogenannte Biomorphe. "Diese Mineralpartikel könnten in anderen Studien als versteinerte Zellen interpretiert worden sein", sagte López-García laut dem News-Portal Plataforma SINC. Tatsächlich handele es sich aber um totes Material, dass sich spontan in Salzlösungen bildet.

    Extremophile Lebensformen in der Umgebung der Seen

    Die Umgebung der Seen präsentierte sich den Forschern dagegen als Lebensraum überraschend vieler Einzeller. Meist handelte es sich um Archaeen oder Bakterien. Alle Arten zählten zu den Extremophilen, also zu einer Gruppe Lebewesen, die unter extremen Bedingungen gedeihen. Ob es anderswo auf der Erde Gewässer mit ähnlichen Bedingungen gibt, lassen die Wissenschaftler offen.

    "Unsere Analyse zeigt, dass es auf der Erdoberfläche Stellen gibt, die steril sind, obwohl sie flüssiges Wasser enthalten", so López-García. "Wir würden daher nicht erwarten, auf anderen Planeten Lebensformen in einer ähnlichen Umgebung zu finden. Zumindest nicht, wenn ihre Biochemie der auf der Erde bekannten ähnelt."

    jme/dpa



    insgesamt 33 Beiträge
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    Seite 1
    permissiveactionlink 29.11.2019
    1. Kosten-Nutzen-Rechnung
    Das Leben als extremophiler Mikroorganismus erzwingt alle möglichen Anpassungen an extreme Biotope. Dazu gehören u.a. Halophilie, Acidophilie oder alternativ Alkaliphilie, Toxitoleranz, Barophilie, Radiophilie und vor allem Thermophilie (Kryophile gibt es natürlich auch). Die Anpassung an ein Leben in über 100°C heißer wässriger Lösung mit sehr geringem pH-Wert und hohem Salzgehalt, womöglich in großer Tiefe und mit gelösten hochgiftigen Schwermetallionen und oder radioaktiven Elementen ist eine Gratwanderung, die manchmal schon deshalb nicht gelingt, weil die Schutzmaßnahmen, die zum Überleben erforderlich sind (spezielle Enzyme, energieaufwendige Transportpumpen in der Membran, Hochleistungsreparaturenzyme usw.) soviel Energie verbrauchen, dass Leben in diesen Lösungen unrealistisch ist. Im Übrigen ist hier "flüssiges Wasser" eigentlich ein Euphemismus für salzige, kochende Supersäure : ein pH-Wert von Null und Temperaturen von über 100°C bedeuten zwar eine wässrige Lösung, aber das trifft auch für die kochende wässrige Lösung von Fluorwasserstoff (Flusssäure), Stickstofftrioxid (Salpetersäure), Schwefeltrioxid (Schwefelsäure) oder Chlorwasserstoff (Salzsäure) zu. Wässrige Lösung bedeutet noch lange nicht, dass ein Überleben in ihnen möglich ist, geschweige denn dass irgendwelche Vergleiche mit reinem H2O möglich wären !
    knuty 29.11.2019
    2.
    Zitat von permissiveactionlinkDas Leben als extremophiler Mikroorganismus erzwingt alle möglichen Anpassungen an extreme Biotope. Dazu gehören u.a. Halophilie, Acidophilie oder alternativ Alkaliphilie, Toxitoleranz, Barophilie, Radiophilie und vor allem Thermophilie (Kryophile gibt es natürlich auch). Die Anpassung an ein Leben in über 100°C heißer wässriger Lösung mit sehr geringem pH-Wert und hohem Salzgehalt, womöglich in großer Tiefe und mit gelösten hochgiftigen Schwermetallionen und oder radioaktiven Elementen ist eine Gratwanderung, die manchmal schon deshalb nicht gelingt, weil die Schutzmaßnahmen, die zum Überleben erforderlich sind (spezielle Enzyme, energieaufwendige Transportpumpen in der Membran, Hochleistungsreparaturenzyme usw.) soviel Energie verbrauchen, dass Leben in diesen Lösungen unrealistisch ist. Im Übrigen ist hier "flüssiges Wasser" eigentlich ein Euphemismus für salzige, kochende Supersäure : ein pH-Wert von Null und Temperaturen von über 100°C bedeuten zwar eine wässrige Lösung, aber das trifft auch für die kochende wässrige Lösung von Fluorwasserstoff (Flusssäure), Stickstofftrioxid (Salpetersäure), Schwefeltrioxid (Schwefelsäure) oder Chlorwasserstoff (Salzsäure) zu. Wässrige Lösung bedeutet noch lange nicht, dass ein Überleben in ihnen möglich ist, geschweige denn dass irgendwelche Vergleiche mit reinem H2O möglich wären !
    Außerdem, es steht ja auch im Artikel, lässt sich am Rande solcher Seen, an denen die Bedingungen nicht ganz so extrem und schwierig sind, durchaus Leben finden.
    Sissy.Voss 29.11.2019
    3. Pars pro toto?
    Das ist schon ein interessanter Beitrag zur Diskussion über ferne Welten, die Leben hervorbringen könnten oder hervorgebracht haben. Leider vergisst Purificación López-García zu erwähnen, wieviel Milliardstel Prozent diese Seen an der Wasseroberfläche der Erde ausmachen. Und ob diese extremen vulkanischen Salz- und Säure-Laken wirklich als generelles Gewässer-Modell für einen sonst bewohnbaren Planeten sein können, darf in Frage gestellt werden. Um solche Bedingungen zu finden, muss man übrigens nicht in die Weiten des Weltalls zu reisen, man kann sie auch in der Frühzeit unseres Planeten voraussetzen, der in seinen jungen Jahren auch kein Ort für Erholungsurlaube war. Immerhin können wir mitnehmen: Vulkane und vulkanische Seen können recht ungemütlich sein. Was uns in gewisser Weise nicht überraschend vorkommt.
    permissiveactionlink 29.11.2019
    4. #2, knuty
    Das steht da, gewiß ! Aber es geht in dem Artikel ja auch in erster Linie um Schlußfolgerungen für die Astrobiologie. Und unsere bisherigen Mutmaßungen über die Entstehung von Leben gehen davon aus, dass dieses in wässrigen Lösungen auf der Erde entstanden ist. Was ich damit sagen will : Selbstverständlich gibt es Biotope in der Nähe dieser heißen Supersäurepfützen, die lebensfreundl9cher sind, aber das Leben muss ja auch erstmal vorher irgendwo entstanden sein. Und dafür braucht man wieder weniger extreme wässrige Millieus. Auf der festen Scholle ist die Entstehung jedenfalls sehr unwahrscheinlich, zumindest geht man heute nicht davon aus, dass das möglich wäre.
    PoliticalPony 29.11.2019
    5. Falsch verstanden?
    Habe noch keinen Astronomen sagen/schreiben erlebt, der vorkommen von fluessigem Wasser als Hinweis auf Leben sieht. Es geht um die Grundvorraussetzung fuer die Existenz von Leben wie wir es kennen, nicht mehr und nicht weniger. Bezweifle sehr, dass die Forscher von Paris das so gesagt haben.
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