Explosiver Vulkan Die mysteriöse Wandlung des Ätna

Lava, Asche, Erdbeben - der italienische Vulkan Ätna wird immer explosiver. Forscher erkennen am Berg eine bedrohliche Veränderung.

Ausbruch des Ätna am 26. Dezember
AFP

Ausbruch des Ätna am 26. Dezember

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Seit Heiligabend bricht der Vulkan Ätna auf der italienischen Insel Sizilien aus. Aschewolken und Lava schossen aus dem Berg, der an mehreren Stellen aufriss. Aufsteigendes Magma lässt den Boden zittern - Erdbeben erschüttern die Region.

Sind Menschen in Gefahr?

Bei Erdbeben verletzten sich mindestens 28 Menschen an fallenden Trümmern. Skifahrer wurden vom Berg geholt.

Zerstörtes Haus in der Ortschaft Fleri
ORIETTA SCARDINO/EPA-EFE/REX

Zerstörtes Haus in der Ortschaft Fleri

Hunderte Anwohner übernachteten vorsichtshalber im Auto, in Notunterkünften oder im Freien. Nicht nur mit Beben, auch mit Ascheregen muss bei weiteren Ausbrüchen gerechnet werden.

An 1600 Wohnungen sind Schäden gemeldet worden, vor allem in der Ortschaft Zafferana Etnea. Putz bröckelte von Fassaden, Mauern von Häusern stürzten ein. Stark beschädigt wurde eine Kirche aus dem 17. Jahrhundert.

Zerstörte Statue am Ätna
AFP

Zerstörte Statue am Ätna

Der Flugverkehr auf Sizilien wurde zeitweise eingeschränkt, aufgerissene Straßen wurden gesperrt.

Lava bedroht die Ortschaften bislang nicht. Nur wochenlanger Ausfluss könnte sie ins Tal in bewohnte Gegenden treiben.

Ist der Ausbruch besonders?

In den vergangenen Jahren schleuderte der Ätna alle paar Monate Asche und Lava. Der aktuelle Ausbruch sorgt für Spekulationen: Ist es das erste Mal seit fast elf Jahren, dass der Vulkan aus seiner Flanke ausgebrochen ist, wie Bilder vermuten lassen? Noch verdecken Aschewolken die Sicht, sodass eine Bilanz schwerfällt.

Hat sich ein neuer Krater gebildet?

Möglich wäre, dass bei der aktuellen Eruption ein neuer Krater nahe des Gipfels entstanden ist. Es wäre der Erste seit 2007, als sich der Neue Südostkrater bildete. Alle paar Jahrzehnte findet das Magma einen neuen Weg nach oben, ein neuer Schlot entsteht - und damit ein neuer Krater, aus dem Lava und Asche schießen.

1911 entstand neben dem Zentralkrater der Nordostkrater. 1945 öffnete sich der Voragine (zu Deutsch: Riesenmaul), 1968 der Bocca Nuova und 1971 der Südostkrater.

Jüngste Krater des Ätna
Francesco Ciancitto

Jüngste Krater des Ätna

Die Aktivität unter dem Südostkrater ist erloschen, seit 2007 brodelte es vor allem im Neuen Südostkrater. Offenbar habe sich der Schlot des Südostkraters nach Osten verbogen, meint Boris Behncke vom Istituto Nazionale di Geofisica e Vulcanologia (INGV), dem Überwachungszentrum des Ätna in Catania.

Diesmal beobachtete er überraschend Ausbrüche am Bocca Nuova und am Nordostkrater. Zwischen dem Neuen Südostkrater und dem Nordostkrater riss der Berg auf, Spalten öffneten sich.

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Vulkane: Wenn die Erde explodiert

Wie lange wird der Ausbruch dauern?

Am Mittwoch hat sich die Eruption abgeschwächt, doch Unruhe bleibt: Weiterhin gibt es Erdbeben, und weitere Ausbrüche sind jederzeit möglich. Wie lange die erhöhte Aktivität des Vulkans anhält, lässt sich nicht vorhersagen.

Atmet der Ätna schneller?

Radarmessungen von Satelliten offenbarten, dass der Berg regelrecht atmet - sein Dach bewegt sich rhythmisch auf und nieder. Vor Ausbrüchen schwillt der Vulkan um mehr als zehn Zentimeter. Sind Lava und Asche herausgeschossen, schrumpft er wieder.

Auch Bebendaten schienen einen gleichbleibenden Rhythmus des Ätna zu belegen: Mit einer Frequenz gleich der des menschlichen Herzens von etwa 70 Schlägen pro Minute vibrierte der Vulkan, hatten Forscher bereits in den Siebzigerjahren entdeckt.

NASA

Doch mit der Gemächlichkeit des Ätna scheint es vorbei zu sein.

Ist es vorbei mit "dem Gutmütigen"?

Früher waren explosive Ausbrüche des Ätna seltener, der Vulkan wurde "der Gutmütige" genannt: Gas konnte leicht aus dem Berg entweichen, sodass Lava meist behutsam aus den Flanken quoll. Forscher deuten die Eruptionen der vergangenen Jahre als Zeichen für einen Wandel des Ätna.

Warum häufen sich die Ausbrüche?

Vulkanologen melden die explosivste Phase des Ätna der vergangenen 2000 Jahre. Der Aufstieg von Magma verlaufe effizient wie seit Jahrhunderten nicht, staunen die Experten. Weil das Magma so schnell hochströmt, verliert es auf dem Weg weniger Gas - der am Gipfel ankommende Gesteinsbrei ist wohl deshalb explosiver.

Im Video - Wärmebild zeigt Ausmaß der Lavaströme:

Guardia Costeria
insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
permissiveactionlink 27.12.2018
1. Die Wandlung des Ätna
vom eher harmlosen Hotspotvulkan zum höchst gefährlichen, explosiven Subduktionsvulkan wurde bereits vor 17 Jahren in Fachzeitschriften thematisiert, entsprechende Warnungen sind also schon längere Zeit bekannt. Die Änderung der Magmazusammensetzung, insbesondere der Gasgehalt und der Wassergehalt, lassen sich in Lavagestein der letzten 500.000 Jahre beim Ätna eindeutig nachweisen. Er wird zunehmend gefährlicher, auch ohne Einbeziehung einer möglichen katastrophalen Abrutschung am Kraterrand des Ätna.
bartsuisse 27.12.2018
2. Voragine
heisst Schlund auf Deutsch
brux 27.12.2018
3. Na ja
Alles nur Ablenkung. Der Vesuv ist viel gefährlicher und schon lange überfällig. Was sagt eigentlich Salvini dazu? Der ist immerhin für den Zivilschutz zuständig.
vox veritas 27.12.2018
4.
Vielleicht haben die Prepper doch Recht, in dem sie sich auf alle Eventualitäten vorbereiten.
steuerzahler1972 27.12.2018
5. Der Mensch hat einen eingeschränkten Horizont
Schon in meinem Geographiestudium durfte ich lernen, dass die Oberfläche der Erde nie gleich ist, war und bleiben wird. In größeren Zeitabständen kommt es immer wieder zu Vulkanausbrüchen, Erdbeeben und anderen natürlichen Katastrophen. Dies geschieht allerdings in so großen Zeitabständen, dass es den Menschen einfach nicht in den Kopf will, dass es auch während ihres Lebens passieren kann. Deshalb relativieren sie die Gefahr einfach oder machen sich über diese wie kleine Kinder lustig. Ob die Leute am Fuß des Vulkans jetzt auch lachen? Die letzten großen Vulkanausbrüche und ihre Folgen lassen sich sehr einfach auf Wikipedia nachlesen. Einige waren so heftig, dass es zu einem weltweiten Ausfall des Sommers und Hungersnöten kam. Wer sich wie die Prepper auf alle Eventualitäten vorbereitet, kann sich dann wenigstens zum Teil selbst helfen. Bei einer wirklich großen Katastrophe wie z. B. einem großen Vulkanausbruch in Italien sind alle unseren Hilfsdienste überfordert.
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