Aggressive Ameisen In der Heimat wird gespuckt und gebissen

Ein eingebautes Navigationssystem verrät streunenden Wüstenameisen, ob sie sich in der Nähe des heimatlichen Baus aufhalten. Und wehe, Vertreter einer anderen Kolonie kommen den Tieren in diesem Augenblick in die Quere.

In der Fremde ist die Tunesische Wüstenameise eine äußerst friedfertige Kreatur: Bis zu hundert Meter entfernen sich die Tiere auf der Suche nach Futter von ihrem Bau - und das ganz ohne böse Absichten. Doch je näher die Ameisen ihrer Heimat kommen, desto aggressiver werden sie: Wenige Meter vom Nest entfernt, attackieren die Tiere sofort alle Eindringlinge. Selbst Ameisen derselben Art, die lediglich aus einer anderen Kolonie kommen, werden bedroht, gebissen und sogar mit ätzender Säure bespritzt.

Schweizer Zoologen haben nun entdeckt, woher das seltsam angriffslustige Verhalten kommt. Wie die Wissenschaftler im Fachmagazin "Science" berichten, verfügen die Wüstenameisen über ein eingebautes Navigationssystem, das ihnen immer genau sagt, wo sich der Ort ihres Nestes befindet. Somit wissen die Tiere genau, wann das Zusammentreffen mit anderen Ameisen zu einer Gefahr wird und die Heimat verteidigt werden muss.

Um die Unabhängigkeit des Navigationssystems zu testen und auszuschließen, dass sich die Tieren an markanten Punkten in der Landschaft, am Geruch des Nestes oder seinem Aussehen orientieren, haben Markus Knaden und Rüdiger Wehner von der Universität Zürich ihre Testameisen in eine Falle gelockt: Angezogen von einer künstlichen Futterquelle, mussten die Arbeiterinnen zunächst von ihrem Bau aus 20 Meter genau nach Norden laufen.

Dort wurden sie eingefangen und auf einem leeren Feld wieder ausgesetzt. Sofort machten sich die Tiere, die offenbar Richtung und Entfernung ihres Hinweges exakt gespeichert hatten, auf den Weg nach Süden. 20 Meter später, am Ort des ursprünglichen Nestes, starteten die überraschten Ameisen eine systematische Suche nach ihrem fehlenden Bau.

Lange Wege, blanke Nerven

Zum Studium des Aggressionsverhaltens ließen die Forscher manche Ameisen den gesamten Weg bis zu ihrem Nest zurücklegen, andere nur die ersten fünf Meter. Anschließend wurden alle Tiere im Labor mit Artgenossen aus anderen Kolonien konfrontiert, auf Video aufgezeichnet und von einem unabhängigen Beobachter beurteilt. Dabei zeigte sich, dass in der Regel die Ameisen, die sich scheinbar in der Nähe ihres Nestes aufhielten, mit den Drohgebärden begannen und Kämpfe provozierten, die schnell eskalierten.

Bisher war ein ähnliches Verhalten vor allem bei Schmetterlingen und Flusskrebsen beobachtet worden. Diese Tiere orientieren sich aber an Düften oder Umgebungsinformationen - einen Sinn für die zurückgelegte Wegstrecke haben sie, anders als die Wüstenameisen, allerdings nicht.

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