Satellitenbild der Woche Drohender Mega-Tsunami vor Alaska

Ein schmelzender Gletscher in Alaska könnte durch einen Erdrutsch einen Tsunami auslösen. Forscher befürchten Monsterwellen von mehreren Hundert Metern. Vom Himmel aus wirkt die Zeitbombe friedlich.
Fjord in Alaska: Der Barry-Gletscher in der Mitte könnte einen Mega-Tsunami auslösen

Fjord in Alaska: Der Barry-Gletscher in der Mitte könnte einen Mega-Tsunami auslösen

Foto: Lauren Dauphin / NASA Earth Observatory

Eigentlich wollte Chunli Dai nur ihre neuesten Forschungsgeräte zur Erkennung von Erdrutschen testen. Doch dann stieß die Postdoktorandin der Ohio State University in Alaska auf eine in absehbarer Zeit bevorstehende Katastrophe, von der allerdings niemand genau weiß, wann sie geschieht.

Als Dai in der Bucht Prinz-William-Sund den Barry-Gletscher  untersuchte, konnte sie es nicht glauben: Ein riesiger Berghang nahe dem Gletscher bewegte sich langsam, fast unmerklich nach vorn. Ihr wurde schnell klar: Wenn die Erdmassen plötzlich in den schmalen Fjord hinunterstürzen, wird das einen extrem großen Tsunami erzeugen. Die Form des Fjords würde die Welle dabei verstärken.

Links zu sehen ist der Gletscher im Jahr 2013, rechts sechs Jahre später 2019
Links zu sehen ist der Gletscher im Jahr 2013, rechts sechs Jahre später 2019

Links zu sehen ist der Gletscher im Jahr 2013, rechts sechs Jahre später 2019

Foto: Lauren Dauphin / NASA Earth Observatory / Lauren Dauphin / NASA Earth Observatory

Auch nach mehrmaligem Nachrechnen blieben die Zahlen schwindelerregend: Die Fallhöhe, das Volumen der Erdmassen und der Neigungswinkel ergaben, dass der beim Herabrutschen ausgelöste Tsunami eine Welle von mehreren Hundert Metern Höhe auslösen wird.

Fischerdorf zerstört

Das könnte sogar den größten jemals beobachteten Tsunami übertreffen: Im Jahr 1958 löste in der alaskischen Lituya Bay ein Erdbeben einen Tsunami aus, weil Millionen Kubikmeter Fels aus einer Höhe von 600 Metern in den Fjord stürzten. Die Welle des Tsunamis gilt mit 500 Metern als eine der größten überhaupt.

Augenzeugen sprachen damals von einem Ereignis wie nach einem Atombombeneinschlag, weil die Wucht auch noch in Kilometern Entfernung Bäume entwurzelte. Die Lituya Bucht liegt nur rund 500 Kilometer südöstlich des aktuellen Tsunami-Hotspots.

Tsunamis gibt es in der Arktis immer mal wieder. Erst vor wenigen Jahren zerstörte in Grönland eine gewaltige Welle ein Fischerdorf und tötete mehrere Menschen.

Klimawandel als Ursache von Erdrutschen

Die Erdmassen am Barry-Gletscher bewegen sich auch deshalb schneller Richtung Fjord, weil der Gletscher seit Jahren schrumpft. Durch steigende Durchschnittstemperaturen ist nur noch rund ein Drittel der früheren Eisbedeckung übrig geblieben. Die Sommer in der Arktis werden länger, die Winter sind milder mit teilweise hohen Rekordtemperaturen.

Übrig bleibt das lose Geröll des Berghanges, das nur noch wenig Halt hat. Kommen nun noch Extremwetter wie Hitzewellen oder Starkregen hinzu, könnte das Abrutschen des Hanges beschleunigt werden.

Die Forscherin Chunli Dai hat deshalb im Frühjahr die lokalen Behörden alarmiert. Seitdem arbeiten mehrere Forschungsgruppen an dem Tsunami-Gletscher. Sie kamen zur gleichen Erkenntnis wie die Postdoktorandin und veröffentlichen im Mai einen offenen Brief , um Aufmerksamkeit zu schaffen.

Zeitspanne von 20 Jahren

Innerhalb von 20 Jahren werde es sehr wahrscheinlich zu einer Tsunami-Katastrophe kommen, heißt es darin. Da viele Touristen die Bucht besuchen und es in der Gegend mehrere kleinere Ortschaften gibt, müssten Vorkehrungen getroffen werden.

Potenzieller Schauplatz des Tsunamis: Die Bucht Prinz-William-Sund in Alaska.

Potenzieller Schauplatz des Tsunamis: Die Bucht Prinz-William-Sund in Alaska.

Foto: Valisa Higman / NASA Earth Observatory

Anhand von älteren Satellitenbildern konnten die Forscher rekonstruieren, dass sich der Hang schon seit einer ganzen Weile bewegt. Allerdings habe sich das zwischen 2009 und 2015 merklich beschleunigt, als die Vorderseite des Barry-Gletschers zu schmelzen begann.

Mittlerweile sind Behörden, Forscher und auch Institutionen wie das U.S. Geological Survey und die National Atmospheric and Oceanic Administration (NOAA) dabei, ein Überwachungssystem aufzubauen. Mit Satelliten und Radar soll jede Bewegung des Erdhanges überwacht werden.

Alaskas Ministerium für Natürliche Ressourcen  befürchtet "verheerende Auswirkungen für Fischer und Erholungssuchende", wenn es zu dem "immer wahrscheinlicher werdenden Tsunami" kommen sollte. Besucher und Anwohner werden gewarnt, die Gefahrenzonen in der Nähe des Gletschers zu meiden.

sug
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