Kampf um Vjosa-Nationalpark in Albanien Der unberührte Fluss

In Albanien kämpfen Forscher seit Jahren um einen einzigartigen Wildfluss - der frei ist von menschlichem Einfluss. Nun stehen sie womöglich vor einem der größten Erfolge für den europäischen Umweltschutz.
Die Vjosa fließt von ihrer Quelle in Griechenland bis in die Adria

Die Vjosa fließt von ihrer Quelle in Griechenland bis in die Adria

Foto: Thomas Roche / Getty Images

Die Vjosa ist von ganz besonders wilder Natur. Zwischen hellen Sand- und Kiesufern schlängelt sich der glasklare Fluss durch den Süden Albaniens. Das Wasser fließt in verzweigten Armen auseinander und wieder zusammen, bildet dabei unzählige kleine Inselchen. Gesäumt von sanften Hügeln ist das Flussbett an manchen Stellen breiter als zehn Fußballfelder.   

 "In der Vjosa leben Fische, die es nur hier gibt", sagt der Biologe Friedrich Schiemer. Der emeritierte Professor aus Wien arbeitet trotz seines Ruhestands noch viel in der Region. Seit einiger Zeit trägt sogar ein Forschungszentrum am Fluss seine Namen.

Lange war das dünn besiedelte Gebiet an der Vjosa und ihren Nebenflüssen ökologisch eine Art Terra incognita. Und manche Teile sind noch unbekanntes Terrain. Aber in den vergangenen Jahren haben sich Schiemer und viele Kollegen in aufwendigen Flurbegehungen bemüht, in der Natur Inventur zu machen. 2017 wiesen sie 40 Tierarten erstmals in Albanien nach. Eine Fischart und eine Steinfliegenart, die sie fanden, waren bis dahin sogar völlig unbekannt.

Während der Mensch anderswo mit Beton und Dämmen Flussläufe begradigte, darf sich die Vjosa nahezu ungestört ausbreiten. Sie ist einer der letzten Wildflüsse Europas. "Wir finden hier eine Vielfalt, die es sonst nirgendwo mehr gibt", sagt Schiemer und meint damit nicht nur Wassertiere. Auf den Schotterflächen am Ufer haben die Biologen allein mehr als hundert Laufkäferarten entdeckt. In Zeiten des Insektenschwunds eine Seltenheit.

Die Vjosa ist ungefähr 270 Kilometer lang, aber von der Quelle in Griechenland bis zur Mündung in der Adria einzigartig. Schiemer spricht von einem absoluten Referenzsystem und schließt damit auch die Nebenflüsse ein. Ständig ändere sich der Flusslauf, nach jedem Hochwasser sucht sich der Strom einen anderen Weg durch das Tal.

Andernorts hat der Mensch seit Jahrhunderten Flüsse und Bäche aus unterschiedlichen Gründen gezähmt. Sei es für Landgewinnung und Landwirtschaft, Hochwasserschutz oder die Energiegewinnung. Das alles hatte ungeahnte Folgen für das ökologische Gleichgewicht, das aus dem Takt geriet: Fließgeschwindigkeiten erhöhten sich in begradigten Flussläufen, Auen beinhalteten weniger Wasser. Dadurch veränderten sich die ökologischen Lebensräume von Flora und Fauna, manche Arten verschwanden. Deshalb bemühen sich Experten in aufwendigen Renaturierungsverfahren, möglichst wieder natürliche Flusssysteme herzustellen.

"Wie so etwas im Idealfall aussieht, sehen wir an der Vjosa" so Schiemer.

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Wildes Leben im Vjosa-Tal

Foto: Gernot Kunz

Geht es nach ihm und der Naturschutzorganisation Riverwatch, soll die Vjosa unter Schutz gestellt werden. Es könnte der erste europäische Wildfluss-Nationalpark sein. Jahrelang kämpften Wissenschaftler und Umweltschützer für so ein Projekt, immer wieder schien der Kampf aussichtslos. Doch nun verkündete Albaniens Ministerpräsident Edi Rama kürzlich per Twitter, dass er den Nationalpark befürworte.

Es ist eine Kehrtwende, die überraschte. Nahe des Örtchens Kalivaç, nur etwa 50 Kilometer Luftlinie von der Mündung entfernt, haben Arbeiter mächtige Stufen in die Bergkämme am Ufer gezogen. An dieser schmalen Stelle des Tals sollte ein Staudamm samt Wasserkraftwerk entstehen. Eine 50 Meter hohe und 350 Meter lange Betonwand hätte den Wasserstrom aufgehalten, eine Turbine der Kraft des Flusses elektrische Energie abgetrotzt.

Zwar steht die Baustelle seit Jahren still, aber inzwischen wurde das Projekt neu ausgeschrieben. Auch ein paar Flussschleifen abwärts, beim Dörfchen Poçem, war ein zweiter Damm geplant. Hier wollte ein türkisches Unternehmen Strom produzieren. Die Firma hat inzwischen auch das Projekt in Kalivaç übernommen, nachdem ein italienischer Geschäftsmann ausgestiegen war.

Unabsehbare Folgen

Die Investoren priesen die Nachricht vom Staudammprojekt als Investition in grünen Strom. Schließlich ist Wasserkraft verträglicher für das Klima als Kohlekraftwerke. Und dass Albanien, ein armes Land, seinem steigenden Energiebedarf nachkommen will, können gerade die europäischen Industrienationen der Regierung in Tirana nur schwer vorwerfen.

Dennoch wären die beiden Dämme für die einzigartige Flora und Fauna der Vjosa eine Katastrophe. Wolfsbarsche, die aus der Adria den Fluss hinauf wandern, könnten die Betonwände unmöglich überwinden. Zudem würden die Bauwerke den Transport von Sedimenten empfindlich stören. Welche Folgen das für das ökologische Gleichgewicht des Stroms hätte, ist im Detail nicht absehbar. Nur eines prognostizieren die Ökologen: Weil die Vjosa besonders viel Sediment transportiert, würden die Seen vor den Dämmen ohnehin nach 20 bis 30 Jahren verlanden. Dann wäre es mit der Energiegewinnung entweder vorbei oder die Betreiber müssten hohe Summen investieren, um das Gewässer zu vertiefen.

Alles kein Problem für die Umwelt?

Zahlreiche weitere Wasserkraftprojekte sind auf dem Balkan in Planung oder befinden sich im Bau. Aber viele lohnten sich angesichts ihrer dramatischen Ökobilanz und der hohen Investitionskosten kaum. "Im Grund müsste die Wasserkraftenergie auf dem Balkan neu bewertet werden", sagt Ulrich Eichelmann von Riverwatch. Dennoch werden die Umweltschützer etliche Wasserkraftprojekte kaum verhindern können. Aber die Vjosa will Eichelmann nicht kampflos aufgeben. "Wenn beide Staudammprojekte gekippt werden und es wirklich zu einem Nationalpark kommt, wäre das einer der größten Erfolge für den Umweltschutz in Europa", sagt der Landschaftsökologe.

Dass Wissenschaftler und Umweltschützer gegen den Bau von Wasserkraftwerken und Staudämmen sind, ist wenig überraschend. Dass sie im Fall des Kalivaç-Dammes gute Erfolgsaussichten haben, liegt nicht zuletzt an der Umweltverträglichkeitsprüfung, die von den Planern vorgelegt wurde. Sie ist gesetzlich vorgeschrieben, die Prüfung des Kalivaç-Dammes enthielt allerdings etliche qualitative Mängel. Verschiedene Umweltschutzverbände in Albanien klagten gegen das Papier.

Kürzlich folgte nun das albanische Umweltschutzministerium den Einschätzungen der Kläger – auch das teilte Ministerpräsident Rama mit. Aber feiern mag die Allianz aus Forschern und Aktivisten noch nicht, man begegnet der Entscheidung aus Tirana mit vorsichtigem Optimismus. Tatsächlich blieb eine Anfrage des SPIEGEL mit der Bitte um eine offizielle Bestätigung von Ramas Projektabsage und Fragen zum Nationalpark unbeantwortet.

Denn in Albanien können sich die Umstände schnell wieder ändern. Und man kann sogar Verständnis für die Situation der Albaner aufbringen. Dass ihnen nun ausgerechnet von Ländern, die viele ihrer Gewässer ökologisch lange ruiniert haben, erklärt wird, wie Umweltschutz geht, muss der Regierung merkwürdig erscheinen.

Einen Nationalpark gründen - kein einfaches Unterfangen

Im kommenden Jahr stehen Wahlen an, Rama strebt nach einer dritten Amtszeit. Möglicherweise will der ehemalige Basketballspieler und Künstler das Thema Vjosa gar nicht erst im Wahlkampf aufkommen lassen und gleichzeitig ein starkes Zeichen für Europa setzen. Albanien ist seit einigen Jahren Beitrittskandidat der Europäischen Union und das Thema Biodiversität sowie Klima- und Umweltschutz steht in Brüssel nun offiziell hoch im Kurs. Da würde ein Wildfluss-Nationalpark sicher wohlwollend zur Kenntnis genommen.

Kürzlich hatte zudem die Europäische Energiegemeinschaft, eine Organisation, die den südosteuropäischen Energiemarkt zwischen der EU und einigen Drittländern fördern will, einen Streitfall wegen des Dammprojekts in Poçem eröffnet. Die Organisation hatte wohl Verstöße gegen EU-Vorschriften ausgemacht. Inzwischen hat die Energiegemeinschaft positiv auf die Nachricht von Rama reagiert. "Wir unterstützen die albanische Regierung bei dieser Entscheidung voll und ganz", teilte der stellvertretende Direktor Dirk Buschle mit.

Aber selbst wenn es Albanien ernst meint mit dem Park, bleiben Hürden. "Ich bin sicher, dass niemand dort genau weiß, was es heißt, so einen Nationalpark zu schaffen", sagt Schiemer. Der kleine Balkanstaat, der fast eine Million weniger Einwohner hat als Berlin, würde nach seiner Einschätzung internationale Unterstützung für so ein Projekt benötigen.

Kriterien für Nationalparks sind von der Weltnaturschutzunion IUCN genau definiert. Um sie umzusetzen, dürfte ein mehrstelliger Millionenbetrag nötig sein. Experten müssen Kernschutzzonen definieren, Bildungszentren planen und Besucherströme lenken, die Albanien Ökotouristen bescheren würden. Das alles wird mehrere Jahre in Anspruch nehmen.

Immerhin hat die Arbeit der Biologen bereits eines ermöglicht: Den Menschen am Fluss ist klar geworden, was sie für einen ökologischen Schatz vor der Haustür haben. Als Zeitungen in Albanien über den wilden Fluss berichteten und auch internationale Medien zitierten, habe das viel verändert. Inzwischen redeten manche stolz vom blauen Herz Europas, wenn sie ihre Vjosa meinen.

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