Aletschgletscher Eisschmelze lässt Hang dramatisch abrutschen

Ein Hang am Aletschgletscher rutscht ungewöhnlich schnell Richtung Tal. Nun zeigen Messungen: Dem Fels fehlt zunehmend das stützende Eis.

Aletschgletscher im Jahr 2010
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Aletschgletscher im Jahr 2010


Ein Hang am Aletschgletscher ist durch den Rückzug des Gletschers dramatisch ins Rutschen geraten. Der Hang, Moosfluh genannt, bewege sich inzwischen mit 30 Zentimetern im Jahr Richtung Tal, berichten Forscher der ETH Zürich.

Andrew Kos und Kollegen haben den Gletscher immer wieder mit Laserscannern aus der Luft und vom Boden vermessen. Zudem werteten sie Satellitendaten und Landkarten aus. Nun sind sie sich sicher: Die Instabilität des Hangs hänge direkt mit dem Rückgang des Gletschereises und somit mit der Erderwärmung zusammen, schreiben sie im Fachmagazin "Geophysical Research Letters".

Der Aletschgletscher zieht sich über 23 Kilometer von der Jungfrauregion auf 4000 Meter in die 2500 Meter tiefer gelegene Massaschlucht rund 100 Kilometer Luftlinie südwestlich von Zürich. Dass Hänge durch den Gletscherrückgang in Bewegung geraten, wissen Geologen seit Langem. Sie waren aber bislang von einem langsamen, kaum wahrnehmbaren Prozess ausgegangen.

Blick von der Moosfluh auf den Aletschgletscher am 23.01.2017
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Blick von der Moosfluh auf den Aletschgletscher am 23.01.2017

Plötzlich gelangt der gesamte Hang ins Rutschen

Bis Mitte der Neunzigerjahre rutschte die Moosfluh noch weniger als einen Zentimeter im Jahr. Auch der Gletscher schrumpfte konstant, aber mäßig stark. Nach 1995 verschlechterte sich die Situation deutlich: Das Gletschereis zog sich immer schneller zurück. Und auch der Hang hinter dem Gletscher beschleunigte seine Bewegung, heute ist er 30 Mal schneller als noch vor 20 Jahren.

"Für Geologen ist die Geschwindigkeit, mit der sich die Ereignisse an der Moosfluh entwickelt haben, extrem", sagt Kos' Kollege Florian Amann. Die Gletscherbahn Moosfluh, deren Bergstation auf dem etwa einen Quadratkilometer großen Hang liegt, war 2016 aus Sicherheitsgründen geschlossen worden.

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Der Fels bricht

Sorge bereitet den Wissenschaftlern auch, dass immer häufiger größere Felsen am Fuß des Hanges abbrechen. Bis 2005 registrierten die Geologen einen einzigen Abbruch von rund 5000 Kubikmeter Felsmaterial, bis 2011 zwei Abbrüche von ähnlichem Umfang. Anschließend häufen sich die Ereignisse:

  • Von 2011 bis 2012 gab es sieben Felsstürze
  • 2012 bis 2015 sind zwei Vorfälle bekannt. Sie rissen jedoch 10 beziehungsweise 30 Mal mehr Felsmaterial ins Tal als die Felsstürze zwischen 2011 und 2012
  • 2016 brachen in einem Rutsch 2,5 Millionen Kubikmeter Fels ab.

Die Wissenschaftler befürchten, dass das langfristig die Stabilität des gesamten Felsens beeinträchtigt. Denn schmilzt am Fuß des Hanges das Eis, fehlt dort das Widerlager. In der Folge können sich tiefe Risse bilden, die sich immer weiter fortpflanzen. Eine genaue Prognose für die Moosfluh wollen die Forscher aber nicht abgeben.

jme/dpa



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