Evolutionsrätsel Warum Orca-Männchen bei der Mama bleiben

Schwertwale sind Muttersöhnchen, sie pflegen lebenslang eine enge Bindung zur Mama. Seit langem rätseln Forscher über den evolutionären Sinn der merkwürdigen Beziehung. Nun zeigt sich: Orca-Weibchen verhelfen ihren Söhnen zu mehr Nachwuchs.

David Ellifrit/ Centre for Whale Research

Von


Hamburg - Mütter leben länger - diese Eigenschaft haben Menschen und Schwertwale gemeinsam. Nun analysierte ein internationales Forscherteam eine Gruppe Orcas, um herauszufinden, welchen biologische Nutzen das lange Leben der Weibchen erfüllt. Während männliche Menschen und Orcas bis ins hohe Alter fortpflanzungsfähig bleiben, tragen die alten Weibchen in dieser Hinsicht nichts zur Erhaltung der Art bei.

Die Auswertung zeigt, dass vor allem die erwachsenen Söhne - älter als 30 Jahre - von der Anwesenheit ihrer Mütter profitieren. Ihre Überlebenschancen waren um knapp das 14fache erhöht, solange ihre Mutter noch lebte, berichten Biologen im Wissenschaftsmagazin "Science". Auch bei den Weibchen macht sich die Steigerung bemerkbar - mit einer um den Faktor 5,4 erhöhten Überlebenswahrscheinlichkeit.

Die Gesellschaftsordnung lässt das Phänomen sinnvoll erscheinen: Orcas leben in Schulen - Gruppen aus bis zu 50 Tieren. Söhne und Töchter bleiben ein Leben lang in der Schule, in der sie geboren wurden. Die Nachkommen der Töchter werden in der Gruppe großgezogen, sie konkurrieren also mit den Gruppenmitgliedern um Futter. Die Jungtiere der Söhne dagegen, wachsen in einer anderen Gruppe auf, bei ihrer Mutter. Über die Söhne lässt sich das Erbgut einer Schwertwalfamilie also verbreiten, ohne dass es die Heimatschule Ressourcen kostet.

Daten aus 40 Jahren

"Orcas sind außerordentliche Tiere, und ihre sozialen Gruppen mit Müttern und ihren Söhnen als lebenslange Gefährten ungewöhnlich", sagt Studienleiterin Emma Foster von der University of Exeter. Orca-Weibchen werden bis zu 90 Jahre alt. Doch schon in ihren dreißiger und vierziger Jahren lässt die Fortpflanzungsfähigkeit nach. Damit sind sie - neben dem Menschen - die Tiere mit der längsten Lebensspanne ohne Fortpflanzung.

"Biologisch betrachtet ist die Post-Menopause ein wirklich bizarres Konzept", sagt Foster. Es gibt zwei Theorien, warum es sie gibt: Entweder sei die Post-Menopause eine normale Begleiterscheinung einer hohen Lebenserwartung. Oder aber sie bringe einen evolutionären Vorteil mit sich, der dazu führe, dass die Weibchen mehr Nachwuchs haben und sich das Merkmal deswegen durchsetzen konnte - die aktuelle Studie spricht für diese These.

Vor der Küste des US-Bundesstaates Washington und des kanadischen Staates British Columbia sammelten die Wissenschaftler mehr als 40 Jahre Daten von 589 Orcas, die auch Schwertwale genannt werden. Im Beobachtungszeitraum starben 297 Tiere. Über die Daten konnten die Wissenschaftler nun analysieren, welchen Einfluss die Muttertiere auf die Überlebenschancen ihrer Töchter und Söhne haben.

Was die Mütter für ihre Söhne tun, bleibt allerdings unklar. Die Forscher vermuten, dass sie ihnen bei der Futtersuche und Gefahrenabwehr helfen. Um mehr darüber zu erfahren, wollen sie die großen Delfine weiter beobachten.

Mit Material von dapd und dpa



© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.