Alte Wunden Angeknabberte Arme beschleunigten die Evolution

Weil ihnen Raubfische immer die Fangarme abgebissen haben, entwickelten Seelilien vor knapp 400 Millionen Jahren besonders effektive Abwehrmechanismen. Die tierische Verteidigung initiierte ein Wettrüsten, das die Artenvielfalt enorm ankurbelte.


Seelilien-Fossil aus Kanada: Verlorene Tentakel durch neue ersetzt
Science/ Forest James Gahn

Seelilien-Fossil aus Kanada: Verlorene Tentakel durch neue ersetzt

Vor rund 380 Millionen Jahren setzte die Evolution zum großen Sprung an: Plötzlich entstanden zahlreiche neue Haiarten. Auch andere Raubfische entwickelten innerhalb kurzer Zeit neue Angriffswerkzeuge und Jagdtechniken. Gleichzeitig veränderten sich auch die wirbellosen Tiere. Seelilien zum Beispiel schützten sich auf einmal mit Stacheln und dickeren Panzern gegen Angriffe.

Seit langem rätseln Biologen, ob zwischen den beiden Entwicklungen ein ursächlicher Zusammenhang besteht und was den Evolutionssprung in den urzeitlichen Meeren letztlich ausgelöst haben könnte. Denn die Beweisführung ist nicht einfach: Bislang konzentrierten sich die Forscher auf die Suche nach versteinerten Muscheln, die Spuren eines Heilungsprozesses aufweisen mussten. Entsprechende Entdeckungen hätten darauf hingedeutet, dass das wirbellose Opfer einen Angriff überlebt, die schützende Hülle repariert und seine offensichtlich widerstandsfähigen Gene an die nächste Generation weitergegeben hatte.

Arme aus dem Ersatzteillager

Doch Forest Gahn vom amerikanischen National Museum of Natural History in Washington und Tomasz Baumiller von der University of Michigan haben jetzt einen anderen Weg eingeschlagen. Wie die Paläontologen im Fachblatt "Science" berichten, konzentrierten sie sich auf die Tentakel fossiler Seelilien, robuster Meeresbewohner, die die Fähigkeit haben, im Kampf verlorene Fangarme durch neue Tentakel zu ersetzen.

Bis zu 100 Millionen Jahre vor dem Evolutionssprung passierte das recht selten. Gahn und Baumiller entdeckten nur bei fünf Prozent der entsprechenden Seelilien-Fossilien Ersatzarme. Doch als im Laufe der tierischen Revolution die Zahl und die Gefährlichkeit der Angreifer zunahm, änderte sich das schlagartig: Mehr als zehn Prozent der Seelilien wiesen vor rund 380 Millionen Jahren Verletzungen auf.

Tierisches Wettrüsten

Seelilien-Fossil (Fundort USA): Stacheln und Panzer entwickelt
Science/ Forest James Gahn

Seelilien-Fossil (Fundort USA): Stacheln und Panzer entwickelt

Offensichtlich waren es einige hoch entwickelten Raubfische, die die Meeres-Revolution erst möglich machten: Die Fische wurden evolutionsbedingt zu besseren Jägern - die wirbellose Beute konnte nicht mehr allein auf die Regenerationsfähigkeit ihrer Körperteile vertrauen. Stattdessen legte sie sich Stacheln und dicke Panzer zu. Die Angreifer ihrerseits mussten reagieren und entwickelten noch schärfere Zähne. Fortschritt durch Wettrüsten.

Gahn und Baumiller wollen ihre Untersuchungen nun auf andere spannende Zeiten der Evolution ausdehnen. Besonders interessiert die beiden die "mesozoische Revolution". Damals entwickelten die Beutetiere im Kampf gegen die übermächtigen Angreifer eine ganz besondere Strategie: Sie lernten erstmals wegzulaufen.



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