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27. August 2019, 05:01 Uhr

Feuer in Südamerika

Das müssen Sie zu den Bränden in Brasilien wissen

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Wird durch die Katastrophe in Brasilien der Sauerstoff knapp? Und brennt dort nur unberührter Regenwald? Die neuesten Entwicklungen zur Lage in Südamerika.

Aus der Luft gibt Rondônia ein trauriges Bild ab. Feuerwände fressen sich durch riesige Waldflächen, dichter schwarzer Rauch liegt über dem nordbrasilianischen Bundesstaat. Wo die Brände nicht mehr wüten, sind schwarze Baumstümpfe - umgeben von Asche - zurückgeblieben.

Rondônia gehört zu den Gebieten, die von den derzeitigen Feuern im Amazonasgebiet am schwersten betroffen sind. Nach jüngsten Angaben des Forschungsinstituts Inpe gab es in Brasilien seit Jahresbeginn 79.513 Feuer, davon mehr als die Hälfte in der Region. Allein seit Freitag seien 1130 neue Brandherde dazugekommen, hieß es (hier lesen Sie mehr zum Thema). Die Flammen wüten auch in den Bundesstaaten Roraima sowie Mato Grosso, Pará und in den Nachbarländern Paraguay und Bolivien.

Forscher der Nasa haben die Inpe-Angaben am Montag bestätigt. Beide Institutionen nutzen Daten der Satelliten "Terra" und "Aqua". "Derzeit gibt es mehr Feuer als in allen sieben Bundesstaaten des brasilianischen Amazonas zum selben Zeitpunkt im vergangenen Jahr", sagte Nasa-Forscher Douglas Morton. Das ist für die Ökosysteme ein großes Problem. Zudem verschlechtern die Brände die CO2-Bilanz enorm.

Die wichtigsten Fragen zu den Bränden:

Brennt nur unberührte Natur?

Nein. Laut den Auswertungen lodern die meisten Brände auf Flächen, die bereits landwirtschaftlich genutzt werden und auf denen der Wald bereits gerodet wurde. Dort verbrennt Holz, das zum Trocknen auf den Flächen lag. Feuchter Tropenwald brennt dagegen nicht so schnell.

Derzeit herrscht Trockenzeit in der Region, dabei kommt es immer mal wieder zum Ausbruch von Bränden. Aber die große Mehrheit der kontrollierten Feuer wurde durch Menschen gelegt - vor allem, um landwirtschaftliche Flächen zu erschließen: Brasilien ist der größte Exporteur für Rindfleisch weltweit. Ein Großteil der waldfreien Regionen wird als Weideland genutzt. Auch der Anbau von Soja spielt eine wichtige Rolle: 2018 exportierte Brasilien nach Angaben des Wirtschaftsministeriums 83,3 Millionen Tonnen Soja, ein Anstieg von 22,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Rund 6,5 Prozent der abgeholzten Fläche im Amazonasgebiet wird für den Ackerbau genutzt, der Anteil von Sojabohnen ist zuletzt allerdings zurückgegangen.

Werden nun die Sauerstoffvorräte der Erde knapp?

Zuletzt verbreitete sich in sozialen Netzwerken die Sorge, dass der Erde durch die Brände zu wenig Sauerstoff zur Verfügung stehen könnte. 20 Prozent der Weltproduktion würden durch die "grüne Lunge der Erde" produziert, hieß es. Allerdings stimmt die Zahl nicht, berichtet aktuell auch der Umweltforscher Jonathan Foley. Nach Schätzungen sind es eher sechs Prozent. Tagsüber, wenn die Sonne scheint, setzen Pflanzen durch Fotosynthese Sauerstoff frei. Aber nachts kehrt sich der Prozess um - dann wird von ihnen Sauerstoff eingeatmet und Kohlendioxid freigesetzt. Die Sauerstoffproduktion der Erde ist also nicht in Gefahr.

Sind Waldbrände grundsätzlich problematisch?

Dass es im Regenwald brennt, ist für die Natur grundsätzlich kein Problem, solange die Feuer ein gewisses Ausmaß nicht überschreiten. Die Urbevölkerung in Süd- und Mittelamerika nutzt seit Jahrhunderten zur Trockenzeit den Brandrodungsfeldbau, um im Regenwald kleine Parzellen für die Selbstversorgungswirtschaft freizulegen. Dabei profitiert das Ökosystem sogar, denn der Wald erhält eine Chance zur Verjüngung, neue Pflanzen können nachwachsen. Das derzeitige Ausmaß der Brände gefährdet jedoch die Stabilität des ganzen Ökosystems. Forscher befürchten, dass sich der Wald vielleicht nie mehr erholt (mehr dazu lesen Sie hier).

Die Asche aus den Bränden liefert Nährstoffe für das Wachstum und wirkt als natürlicher Dünger. Zusätzlich werden Schädlinge vernichtet. Das System der "shifting cultivation" ist auch deshalb nachhaltig, weil eine günstige Kombination aus verschiedenen großen und kleinen Pflanzen angebaut und Monokulturen vermieden werden. Zudem werden die Flächen in einem Zyklus bewirtschaftet: Nach einigen Jahren der Ernte roden die Bauern eine neue Parzelle. Die Böden der alten haben Zeit, sich zu regenerieren, bevor sie erneut bestellt werden.

Wie intensiv werden die Brandstifter verfolgt?

Mit dieser Form der Versorgung haben die aktuellen Rodungen und Brände aber nichts zu tun. Unter Brasiliens neuem Präsidenten Jair Bolsonaro, der seit Januar im Amt ist, hat sich die Zerstörung des Waldes beschleunigt. Bolsonaro hatte angekündigt, dass unter seiner Regierung wirtschaftliche Interessen vor Umweltschutz stehen (mehr zu Bolsonaros Agenda lesen Sie hier). Zwar entsandte der rechtspopulistische Staatschef die Armee ins Amazonasgebiet, damit die Truppen gegen das Feuer kämpfen. Doch die Maßnahmen gegen illegale Brandstiftung haben offenbar deutlich nachgelassen. Nach einem Bericht der "New York Times" ermitteln Brasiliens Umweltbehörden in einem Fünftel weniger Fällen wegen Umweltdelikten als im Vorjahreszeitraum. Umweltschützer werfen Bolsonaro vor, ein politisches Klima geschaffen zu haben, in dem sich Bauern zu immer mehr Abholzung und Brandrodung ermutigt sehen.

Dazu passt, dass sich die Brandstifter offenbar in großen Gruppen zusammenschließen. Laut einem Bericht der Zeitschrift "Globo Rural" sollen sich im Bundesstaat Pará zuletzt über 70 Personen in einer WhatsApp-Gruppe dazu verabredet haben, große Flächen entlang der Landstraße BR-163 in Brand zu stecken. "Kriminelle Brandstiftung im Amazonasgebiet" werde hart bestraft, schrieb Justizminister Sérgio Moro zu dem Fall auf Twitter.

Was ist an einigen Bilder der Katastrophe problematisch?

Im Zusammenhang mit den Bränden tauchen in Medien und sozialen Netzwerken immer wieder Bilder auf, die nicht von der aktuellen Katastrophe stammen. So posteten zahlreiche Prominente, darunter auch Fußballprofi Cristiano Ronaldo, unter dem Hashtag #prayforamazonia in sozialen Netzwerken Bilder, die teils aus früheren Jahren sind.

Auch ein Foto, das Leonardo DiCaprio und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron posteten, erweckte einen falschen Eindruck. Es war von einem 2003 verstorbenen Fotojournalisten gemacht worden.

mit Material von dpa und AFP

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