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10. September 2019, 20:54 Uhr

Amazonas

Forscher entdecken Rekord-Zitteraal

So viel Spannung schafft sonst keiner: Forscher haben eine neue Zitteraal-Art identifiziert, sie erzeugt eine elektrische Spannung von bis zu 860 Volt. Ein Rekord im Tierreich.

Dreifacher Schock im Amazonasgebiet: Anders als bislang gedacht, gibt es nicht eine, sondern gleich drei Arten elektrischer Aale, schreiben Wissenschaftler im Fachjournal "Nature Communications". Der Zitteraal (Electrophorus electricus) war über mehr als zwei Jahrhunderte der einzige bekannte Vertreter seiner Gattung (Electrophorus).

Nun konnte eine Gruppe um C. David de Santana vom Smithsonian Institut in Washington (USA) anhand von DNA-Tests zeigen, dass die Fische trotz ihrer äußerlichen Ähnlichkeit tatsächlich zu drei verschiedenen Spezies gehören. Die beiden neuen Arten nannten die Forscher Electrophorus voltai und Electrophorus varii.

Electrophorus voltai gibt Stromstöße ab. Dabei entsteht eine elektrische Spannung von bis zu 860 Volt. Damit ist der Zitteraal das Lebewesen, das die höchste Spannungsentladung hervorbringt. Zum Vergleich: Die übliche Netzspannung in Deutschland liegt bei 230 Volt.

Elektrische Aale gehören, anders als der Name und ihr Aussehen vermuten lassen, nicht zur Ordnung der Aalartigen, sondern zu den Neuwelt-Messerfischen. Fast ihr gesamter Körper ist mit stromerzeugenden Organen besetzt, sogenannten Elektroplax.

Vorherige Studien haben gezeigt, dass die Tiere mit einer ausgeklügelten Technik vorgehen und sogar Landtiere angreifen. Ein Biologe setzte sich freiwillig den Stromstößen aus, um zu prüfen, wie intensiv sie sind.

Was könnte noch alles entdeckt werden?

Dank ihrer wellenförmigen Flosse können sich die Tiere gezielt durchs Wasser bewegen. Die elektrischen Aale nutzen Stromstöße zum Jagen und um Feinde abzuwehren.

Die verschiedenen elektrischen Aalarten unterscheiden sich nicht nur genetisch, sie präferieren auch jeweils unterschiedliche Lebensräume. E. electricus ist im nördlichen Teil des Hochlands von Guayana zu finden, wohingegen E. voltai das brasilianische Bergland bevorzugt. Beide leben in klaren Gewässern, die von Stromschnellen durchzogen sind. E. varii hält sich bevorzugt im Flachland des Amazonasbeckens auf und fühlt sich im trüben, langsam fließenden Wasser wohl.

Die Forscher um de Santana analysierten in den vergangenen sechs Jahren 107 Exemplare elektrischer Aale aus Brasilien, Französisch-Guayana, Guyana und Suriname.

Die Studie zeigt, dass der Amazonas-Regenwald noch viele Geheimnisse birgt: "Wenn ein bis zu 2,5 Meter langer Fisch nach 250 Jahren wissenschaftlicher Untersuchungen gefunden wird, können Sie sich dann vorstellen, was in der Region noch alles entdeckt werden könnte?", fragte de Santana.

Für Menschen kaum gefährlich

Bereits vor mehr als 200 Jahren widmete sich der berühmte deutsche Naturforscher Alexander von Humboldt den Zitteraalen. Im März 1800 beobachtete er während eines Forschungsaufenthalts am Amazonas, wie die Tiere aus dem Wasser sprangen und potenzielle Angreifer mit Stromstößen attackierten.

De Santana, der selbst schon mehrmals einen elektrischen Stoß abbekommen hatte, betont aber: Der Schock eines elektrischen Aals besitzt zwar eine hohe Spannung, aber eine niedrige Stromstärke. Damit sei er für Menschen kaum gefährlich.

koe/dpa

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