Jair Bolsonaros Feldzug gegen die Wissenschaft Zahlenkrieg um den Amazonas

Die verheerenden Brände im Amazonas-Regenwald schockieren Bevölkerung wie Forscher gleichermaßen. Doch wer als Wissenschaftler die Zerstörung dokumentiert, legt sich mit Brasiliens Präsidenten Bolsonaro an. Mit gravierenden Folgen.
Feuer im Tenharim Marmelos Indigenous Land, Amazonas, Brasilien

Feuer im Tenharim Marmelos Indigenous Land, Amazonas, Brasilien

Foto: BRUNO KELLY/ REUTERS

72 ist die Zahl, die aus einem braunen einen grünen Präsidenten machen soll. Das jedenfalls schien der Plan des brasilianischen Außenministeriums gewesen zu sein, als deren Mitarbeiter Ende August ein Rundschreiben an alle Vertretungen des Landes in der Welt adressierten. Die Abholzung, hieß es da, sei von von 27.000 Quadratkilometern im Jahr 2004 auf nur noch 7500 Quadratkilometer im Jahr 2018 gefallen - mithin um 72 Prozent zurückgegangen. Damit sollten die Diplomaten für den internationalen Streit über die Brandrodungen im Amazonasgebiet mit Argumenten munitioniert werden. Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro, so die Botschaft, tauge also nicht für den Titel des Umweltfrevlers.

Die Zahlen stammen vom staatlichen Raumfahrtinstitut INPE, das für die Auswertung der Satellitenaufnahmen zuständig ist. Allerdings verschwieg die Regierung ein wichtiges Detail: Die Abholzung ging nur in den Jahren von 2004 bis 2012 signifikant zurück, also unter der Regierung des linken Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva sowie während der ersten beiden Jahre seiner Nachfolgerin Dilma Rousseff.

Illegaler Holzeinschlag im Amazonas, in der Nähe von Humaita: "Die Regierung will das Warnsystem für die Abholzung zerstören, das unter Präsident Silva eingeführt wurde"

Illegaler Holzeinschlag im Amazonas, in der Nähe von Humaita: "Die Regierung will das Warnsystem für die Abholzung zerstören, das unter Präsident Silva eingeführt wurde"

Foto: Ueslei Marcelino/ REUTERS

Seit dem Amtsantritt Bolsonaros am 1. Januar hat die Zerstörung des Regenwalds dagegen sprunghaft zugenommen. Von August 2018 bis Juli 2019 ist sie im Vergleich zum Vorjahr um 49,5 Prozent angestiegen. Im August wurde sogar 222 Prozent mehr Urwald zerstört als im selben Monat des Vorjahres. "Unter Bolsonaro ist die Abholzung explodiert", sagt Tasso Azevedo von der Umweltschutzorganisation Observatorio do Clima.

Unversehens sind die Mitarbeiter der INPE damit in einen politischen Zahlenkrieg hineingezogen worden. Durch die große mediale Aufmerksamkeit für die Brandkatastrophe am Amazonas und die darauffolgende Debatte über die Verantwortung für den Schutz des Regenwalds als Kohlendioxidspeicher, bekamen wissenschaftlich unabhängige Fakten mit einem Mal politische Bedeutung.

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Weil ihm die Zahlen nicht passen, entließ Bolsonaro Ende Juli denn auch kurzerhand Ricardo Galvão, den Leiter des INPE. Der Präsident unterstellte dem international anerkannten Physiker, dass er mit gefälschten Daten arbeite. Experten verteidigen dagegen die Arbeit des Instituts: "Keine andere Institution hat so viel Erfahrung in der Satellitenüberwachung der Abholzung wie das INPE", sagt Umweltschützer Azevedo.

Die Studien des INPE gelten weltweit als wissenschaftliche Referenz, sie werden unter anderem vom Max-Planck-Institut und der US-Raumfahrtbehörde Nasa zitiert, die mit den Brasilianern zusammenarbeitet.

Doch Bolsonaro hat ein ambivalentes Verhältnis sowohl zur Bedeutung der Ökologie als auch der Wissenschaft im Allgemeinen. So glaubt der neue Präsident nicht an den Klimawandel und will vor der UN-Vollversammlung Ende September seine Amazonaspolitik verteidigen. Seine wichtigsten Minister hat er in die Offensive gegen die "Klima-Hysterie" geschickt. Sie sollen nicht die Urheber, sondern die Überbringer der schlechten Nachrichten diffamieren: Journalisten und Wissenschaftler.

Den Auftakt machte Mitte September Außenminister Ernesto Araújo. Vor der konservativen Heritage Foundation in Washington kritisierte er den "Klima-Alarmismus" der Medien und des "politischen Systems". Sie würden damit auf den Wahlsieg Bolsonaros im vergangenen Jahr reagieren. Kritiker, die wegen der Abholzung zum Boykott brasilianischer Produkte aufrufen, bezichtigte er "stalinistischer Justiz".

Araújo glaube, dass "der Klimawandel eine marxistische Verschwörung ist", twitterte Ishaan Tharoor, Kolumnist der "Washington Post". Die wirre Rede des Ministers bezeichnete er als "Gelaber", das allein dazu diene, die Regierung "zum Opfer zu stilisieren".

Auch Wirtschaftsminister Paulo Guedes, den deutsche Unternehmer wegen seiner ultraliberalen Wirtschaftspolitik als Pol der Vernunft und Besonnenheit in der Bolsonaro-Regierung hofieren, entpuppt sich neuerdings als Wissenschaftsskeptiker. Über die Erwärmung des Planeten "bestehe wissenschaftlich gesehen keine absolute Sicherheit", bekräftigte er vor einigen Tagen im Beisein von Auslandskorrespondenten in Rio de Janeiro.

"Die internationalen Medien reden nur mit Regierungsgegnern", klagte Guedes. Er pflichtete Bolsonaro in seiner Kritik an der internationalen Umweltbewegung bei. Schutzgebiete für Indigene, die "nur 0,4 Prozent der brasilianischen Bevölkerung" stellten, umfassten 14 Prozent des nationalen Territoriums: "Dort toben sich die europäischen NGOs aus", schimpfte der Minister. Wirtschaftssanktionen gegen Brasilien würden "die Brände weiter anheizen", glaubt er.

Die ehemalige Umweltministerin Marina Silva sieht in dem Zahlenstreit eine "Nebelkerze". "In Wirklichkeit will die Regierung das Warnsystem für die Abholzung zerstören, das unter Präsident Silva eingeführt wurde", sagte der von Bolsonaro entlassene INPE-Direktor Galvão dem SPIEGEL.

Zwar wird die Abholzung des Amazonasgebiets bereits seit 1989 per Satellit überwacht, doch erst 2004 installierte das INPE auf Betreiben Silvas ein System, das die Zerstörung in Echtzeit dokumentiert. Das erleichterte die Identifizierung und Bestrafung der Verantwortlichen. Zugleich ermöglicht es dem INPE, die Regierung rechtzeitig auf Brandherde hinzuweisen.

In den darauffolgenden acht Jahren ging die Abholzung denn auch um 84 Prozent zurück. "Brasilien galt international als umweltpolitische Erfolgsstory", sagt Galvão. "Bolsonaro hat diesen Ruf zerstört."

44.000 Brandwarnungen gab das INPE allein in den vergangenen zwölf Monaten heraus. "Seit Januar haben wir das Umweltministerium regelmäßig über die Zunahme der Abholzung informiert", so Galvão. "Der Minister hat nicht reagiert."

Auch die Umweltschutzbehörde Ibama, die für die Bekämpfung des Raubbaus und die Bestrafung der Brandstifter zuständig ist, wurde nicht aktiv. "Bolsonaro hat das Ibama demontiert und entmachtet", so Galvão.

Wenn die Abholzung in den kommenden Jahren im selben Rhythmus zunimmt wie in diesem Jahr, könnte der Amazonasurwald nach Ansicht von Experten bereits Ende dieses Jahrzehnts unwiederbringlich verloren sein. Der Klimawissenschaftler Carlos Nobre vom World Ressources Institute und der Biologe Thomas Lovejoy schätzen, dass der "Tipping Point", an dem sich der Urwald in Savanne verwandelt, erreicht ist, wenn 25 Prozent zerstört sind. Knapp 20 Prozent sind bereits vernichtet.

"Der Regenwald ist ein geschlossenes System", sagt Galvão. "Er muss eine große Fläche bedecken, damit er existieren kann". Wenn der Wald zur Steppe wird, falle auch im dichtbesiedelten Südosten Brasiliens weniger Regen, so Galvão: "Wenn wir den Amazonas verlieren, gibt es auch keine Landwirtschaft mehr."

Brasiliens Regierung tut alles dafür, den Warnungen der Wissenschaftler Paroli zu bieten. Umweltminister Ricardo Salles bricht diese Woche zu einer Reise in die USA auf, um Bolsonaros Kurs zu verteidigen. Auf seiner Agenda stehe unter anderem ein Treffen mit dem "Competitive Enterprise Institute", einem Sprachrohr der Klimaskeptiker, so die Zeitung "Folha de São Paulo". Anschließend will Salles nach Europa fahren, Ende des Monats wird er in Berlin erwartet.

Salles hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihm die Agroindustrie näher steht als der Umweltschutz. Der Anwalt aus São Paulo war unter anderem Präsident der "Sociedade Rural", einer Lobbyorganisation von Großgrundbesitzern. Ende vergangenen Jahres wurde er in erster Instanz wegen Amtsmissbrauch verurteilt: Während seiner Amtszeit als Umweltminister des Bundesstaats São Paulo soll er bei der Einrichtung eines Schutzgebiets Vorschriften missachtet haben. Er bestreitet die Vorwürfe.

Salles will dem INPE nun gleich ganz die Verantwortung für die Satellitenaufnahmen der Abholzung entziehen und eine Firma aus den USA anheuern, die hochauflösende Bilder der Zerstörung liefert. Experten kritisieren die Entscheidung: "Die Aufnahmen des INPE sind absolut ausreichend, um die Abholzung zu dokumentieren", sagt Tasso Azevedo vom "Observatorio do Clima".

Ex-INPE-Direktor Galvão treibt noch eine andere Sorge um: "Die amerikanische Firma hängt von Aufträgen des Umweltministeriums ab", sagt er. "Damit steht ihre Unabhängigkeit infrage."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es: "Die Abholzung, hieß es da, sei von von 27.000 Hektar im Jahr 2004 auf nur noch 7500 Quadratkilometer im Jahr 2018 gefallen - mithin um 72 Prozent zurückgegangen." Das ist ein Fehler. Richtig muss es heißen: "Die Abholzung, hieß es da, sei von von 27.000 Quadratkilometern im Jahr 2004 auf nur noch 7500 Quadratkilometer im Jahr 2018 gefallen - mithin um 72 Prozent zurückgegangen."

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