Amputiertes Reptil Schildkröte soll Flossen-Prothese bekommen

Sie hat drei ihrer vier Flossen verloren - und soll nun die erste bionische Reptil der Welt werden: Spezialisten wollen der verstümmelten Meeresschildkröte Allison eine Prothese verpassen. Aber die technischen Hürden sich hoch.


Als Touristen die 13 Zentimeter lange Schildkröte fanden, bot sich ihnen ein Bild des Jammers: Dem blutenden Tier fehlten drei Flossen. Sie brachten sie in eine Klinik für gefährdete Tiere. Doch als deren Mitarbeiter die Grüne Meeresschildkröte sahen, gaben sie ihr kaum eine Überlebenschance.

Ein Praktikant aber wollte Allison, wie die Schildkröte inzwischen heißt, unbedingt retten - und das tapfere Reptil hat sich durchgebissen. Sie bekam Antibiotika, eine Zwangsernährung mit Tintenfisch und überlebte. "Die Wunden sind gut verheilt", sagt Jeff George, Kurator der Sea Turtle Inc. auf South Padre Island im US-Bundesstaat Texas. "Das Problem ist, dass sie nicht besonders gut schwimmt."

Allison lebt zwar, bewegt sich aber recht hilflos durchs Wasser. Mit ihrer einzigen verbliebenen Flosse kann sie nur im Kreis schwimmen, und zum Atmen muss sie ihren viereinhalb Kilo schweren Körper mit dem Kopf vom Boden ihres Beckens abdrücken. Deshalb soll Allison nun die erste Schildkröte der Welt mit Flossen-Prothesen werden.

Erste bionische Schildkröte der Welt

Bei Sea Turtle Inc. hat man Erfahrung mit verletzten Meeresschildkröten: Seit 31 Jahren werden die Reptilien dort geheilt und wieder in die Natur entlassen. Mit zwei Flossen, so stellte sich heraus, können sie in freier Wildbahn überleben. Doch Prothesen für eine Schildkröte mit nur einer Flosse wären auch für die Texaner eine neue Herausforderung - zumal Grüne Meeresschildkröten, landläufig auch als Suppenschildkröten bekannt, ein Körpergewicht von 200 Kilogramm erreichen und ein Jahrhundert alt werden können.

"Mit nur einer Flosse wäre Allison dazu verurteilt, den Rest ihres Lebens im flachen Wasser zu verbringen", sagt George. "Das wäre keine besonders hohe Lebensqualität." Wahrscheinlicher wäre, dass Allison schon bald sterben würde.

Nun soll Allison zur ersten bionischen Schildkröte werden. Ein Team von Experten, unter ihnen die international renommierte Prothesen-Spezialistin Sudarat Kiat-amnuay von der University of Texas, hat sich freiwillig gemeldet, um eine künstliche Flosse hinten links an Allison zu befestigen. Dort hat sie einen kleinen knöchernen Stumpf, der die Prothese halten könnte und gleichzeitig weit genug vom Kopf entfernt wäre, sodass Allison die Prothese nicht abbeißen kann.

Material aus der Humanmedizin

Kiat-amnuay will die künstliche Flosse aus dem gleichen Silikon fertigen, das sie benutzt, um vom Krebs entstellte menschliche Gesichter wiederherzustellen. Zur Befestigung könnten die kleinen Bauteile zum Einsatz kommen, die bei Menschen für Zahnimplantate benutzt werden. Ist die Flosse fertig, soll sie im Meerwasser auf Haltbarkeit getestet werden, ehe sie der Schildkröte angepasst wird. Die Medizinerin will die Prothese sogar per Hand bemalen, damit sie aussieht wie eine echte Flosse. In einigen Wochen soll die erste Versuchsprothese fertig sein.

Zwar erscheint der Aufwand zur Rettung einer Schildkröte recht groß, doch Kiat-amnuay ist begeistert von ihrer Aufgabe. "Es wird interessant sein und Spaß machen", sagt die Medizinerin. "Und wenn es an Allison funktioniert, könnte es auch an anderen Schildkröten funktionieren."

Zwar wäre Allison die erste Schildkröte, nicht aber das erste Tier mit einer Prothese. Mindestens zwei Delfine, einer in Japan und einer in Florida, haben bereits künstliche Körperteile bekommen. Auch eine Pandabärin in China ist eine Kandidatin für eine künstliche Tatze.

Lucia Guillen, Biologin von Sea Turtle Inc., wollte Allison zunächst einschläfern. Doch inzwischen hält auch sie das Flossen-Projekt für eine gute Sache. Denn schon mit nur einer fehlenden Flosse sinke die Wahrscheinlichkeit, dass die betroffene Meeresschildkröte sich vermehre, deutlich. Und obwohl sich die Bestände der Grünen Meeresschildkröte jüngsten Erkenntnissen zufolge in manchen Gebieten erholt haben, bleibt ihre Art gefährdet. "Wenn wir etwas für andere Schildkröten tun können", meint Guillen, "ist es wert, dass wir Allison am Leben erhalten."

mbe/AP

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