SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

18. Oktober 2018, 08:21 Uhr

Versunkene Khmer-Metropole

Warum Angkor unterging 

Angkor in Kambodscha war einst die größte Stadt der Welt. Aber irgendwann wurde sie verlassen. Forscher haben nun entdeckt, wie der Kollaps des komplexen Kanalsystems dazu beitrug.

Die Ruinen von Angkor gehören zu den eindrucksvollsten der Welt. Selbst heute, viele Jahrhunderte nach ihrer Erbauung, lassen die Bauten noch erahnen, was für eine gigantische Metropole die Khmer-Herrscher im Dschungel Südostasien ab dem Jahr 800 nach Christus errichteten.

Nach Schätzungen lebten in der Region um den berühmten Haupttempelkomplex Angkor Wat im Norden des heutigen Kambodschas einst zwischen 600.000 und einer Million Menschen. Doch ab dem 14. Jahrhundert begann ein rätselhafter Niedergang in Angkor - es wurden keine neuen Tempel mehr errichtet.

Schon länger vermuten Forscher, dass klimatische Veränderungen zu dem Kollaps geführt haben könnten. In einer neuen Studie kommen sie nun zu dem Schluss: Klimaveränderungen haben zumindest stark dazu beigetragen.

Demnach schädigten ungewöhnlich heftige Niederschläge nach längeren Dürrephasen das verzweigte Kanalnetz und führten so zum Zusammenbruch der vor der Industrialisierung größten Stadt der Erde. Das schreibt ein australisch-französisches Forscherteam im Fachblatt "Science Advances".

Essenziell für Organisation und Struktur der Stadt war ein verzweigtes und ausgeklügeltes System aus Flüssen, Kanälen und riesigen Rückhaltebecken, das etwa zur Kontrolle von Hochwasser und zur Bewässerung der Reisfelder diente. Das Netzwerk wurde im Lauf von sechs Jahrhunderten ständig ausgebaut und verändert.

Im 15. Jahrhundert verlor die Stadt den Großteil ihrer Bevölkerung, die Verwaltung wurde in die Umgebung der heutigen Hauptstadt Phnom Penh verlegt. "Kein anderes zeitgenössisches Staatswesen auf dem südostasiatischen Festland erlebte einen sozialen Umbruch dieser Größenordnung oder Dauer", schreiben die Forscher.

Der Grund für den Niedergang ist umstritten. Untersuchungen zeigen jedoch, dass Angkor Mitte des 14. und Anfang des 15. Jahrhunderts zwei jahrzehntelange Trockenzeiten erlebte, auf die jeweils eine Phase ungewöhnlich heftiger Monsunregen folgte.

Das Team um Dan Penny von der University of Sydney prüfte nun anhand mathematischer Modelle die Auswirkungen dieser Niederschlagsschwankungen auf das Kanalnetz - in Form von Erosion einerseits und Verschlammung andererseits. In den Simulationen berücksichtigten die Forscher mehr als tausend Komponenten des Systems, darunter Kanäle, Dämme, Straßen und Uferbefestigungen. Ihre Modelle glichen sie mit archäologischen Daten ab.

Die Analyse ergab, dass insbesondere die höher gelegenen Verzweigungen, von wo das Wasser weitergeleitet wurde, anfällig für Schäden waren. Dies betraf vor allem die nördlichen Areale der Stadt und dort die zentralen Verteilungsknotenpunkte. Oberhalb eines kritischen Fließvolumens überschreite der Schaden an dem Netzwerk eine Schwelle. Dies führe zu einer Zentralisierung des Wasserflusses und schließlich zu einem kaskadenförmigen funktionellen Zusammenbruch des Netzwerks, berichten die Wissenschaftler.

"Das Bewässerungssystem hatte eine zentrale Bedeutung für die Stadt"

Dies habe die Funktionsfähigkeit der Stadt im 14. und 15. Jahrhundert beeinträchtigt. "Der abrupte Übergang in der Mitte des 14. Jahrhunderts von verlängerter Dürre zu besonders nassen Jahren bedeutete, dass das Netzwerk aus dem Gleichgewicht gebracht wurde", schreibt das Team.

"Das Bewässerungssystem hatte eine zentrale Bedeutung für die Stadt", sagt Michael Winckler vom Interdisziplinären Zentrum für wissenschaftliches Rechnen der Universität Heidelberg, der nicht an der Studie beteiligt war.

"Die Studie klingt plausibel und bietet einen Hinweis dafür, dass eine ungewöhnliche Regenverteilung starke Auswirkungen auf das lebenswichtige Kanalsystem hatte." Das müsse aber nicht die alleinige Ursache für den Niedergang der Metropole gewesen sein, betont der Mathematiker.

Im Video: Mit dem Selfie-Stick durch Südostasien

Von Walter Willems/dpa/joe

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung