Sexleben von Anglerfischen Das abhängigste Männchen im Ozean

Fremdgehen ausgeschlossen: Wenn Anglerfisch-Männchen ein Weibchen finden, wachsen sie an ihm fest und verkümmern. Nun haben Forscher herausgefunden, wie der Sexualparasitismus funktioniert.
Der kleine Zipfel am Bauch dieses Anglerfisch-Weibchens ist - das Männchen.

Der kleine Zipfel am Bauch dieses Anglerfisch-Weibchens ist - das Männchen.

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Edith A. Widder / DPA

Das Paarungsverhalten mancher Tiefsee-Anglerfische wirkt grotesk: Sehr kleine männliche Tiere verschmelzen vorübergehend oder für immer mit wesentlich größeren weiblichen Exemplaren, Haut und Blutkreislauf der Fische wachsen zusammen. Ein außergewöhnlicher Prozess, ist doch das Immunsystem der meisten Lebewesen darauf gepolt, körperfremdes Material abzustoßen. Deshalb bekommen Patienten nach einer Organtransplantation auch Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken.

Anglerfische umgehen den Abstoßungsprozess jedoch mit einem Trick, berichten Forscher im Fachmagazin "Science" . Demnach ist das Immunsystem der Fische im Vergleich zu anderen Wirbeltieren massiv umgebaut.

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Foto: Kolm et al./ Current Biology

Tiefsee-Anglerfische kommen in allen Ozeanen der Erde in einer Tiefe unterhalb von 300 Metern vor. Sie haben zahlreiche bemerkenswerte Anpassungen entwickelt, um das Leben in der Dunkelheit zu meistern, etwa bei der Partnersuche.

Treffen zwei Tiere aufeinander, was nur selten der Fall ist, heftet sich das sehr viel kleinere Männchen an das Weibchen. Entweder nur vorübergehend, bei manchen Anglerfisch-Arten wie dem Seeteufel aber auch dauerhaft. Verschmelzen Haut und Blutkreislauf miteinander, wird das Männchen komplett vom Weibchen abhängig und bezieht Nährstoffe nur von ihm. Im Gegenzug liefert das Männchen Spermien zur Befruchtung der Eier. Das erspart die aufwendige erneute Partnersuche in der Tiefsee. Diese Form des Sexualparasitismus ist im Tierreich einzigartig.

Forscher untersuchten nun das Genom von 31 Tieren, die zu insgesamt zehn Arten von Tiefsee-Anglerfischen mit unterschiedlichen Verschmelzungsstrategien gehören. Die Forscher schauten dabei vor allem auf genetische Merkmale, die mit dem Immunsystem in Verbindung stehen und entdeckten deutliche Unterschiede zwischen verschmelzenden und nicht verschmelzenden Arten.

Einige Anglerfisch-Männchen finden niemals eine Partnerin, die Tiefsee ist zu groß

Einige Anglerfisch-Männchen finden niemals eine Partnerin, die Tiefsee ist zu groß

Foto: Theodore W. Pietsch/ University of Washington/ DPA

So fanden sie bei Arten, die nur vorübergehend miteinander verschmelzen, keine funktionsfähigen Gene aus der Gruppe der aicda-Gene. Diese spielen bei der Reifung von Antikörpern eine Rolle. Einigen Anglerfisch-Arten, die eine dauerhafte Verbindung miteinander eingingen, fehlten darüber hinaus sogenannte rag-Gene, die mit der Ausbildung von Antigen-Rezeptoren in Verbindung stehen.

Menschen mit einem Immunsystem wie Anglerfische würden sterben

Antikörper und Antigen-Rezeptoren sind zentrale Bestandteile des sogenannten erworbenen Immunsystems, das auf eindringende Fremd-Eiweiße reagiert und einen zentralen Teil der Immunabwehr der Wirbeltiere ausmacht. Die Fische zahlen also einen hohen Preis für ihr Paarungsverhalten. Durch die Umprogrammierung des Immunsystems dürfte es ihnen schwerfallen, krankmachende Eindringlinge zu erkennen.

"Für den Menschen würde der kombinierte Verlust solch wichtiger Funktionen der erworbenen Immunantwort zu einer tödlichen Immunschwäche führen", sagt Thomas Boehm vom Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg. Nun rätseln Forscher, wie die Tiere es dennoch schaffen zu überleben.

Sie vermuten, dass der zweite Arm der Immunabwehr, der angeboren ist, die Schwächen wettmacht. Dazu gehören etwa Haut und Schleimhäute als Barrieren gegen Keime und Fresszellen, die eingedrungene Erreger verschlingen. "Wir wissen noch nicht genau, welche Lektionen uns Seeteufel lehren werden", sagte Boehm der "New York Times" . "Aber wir wissen, dass sie etwas geschafft haben, von dem man nicht dachte, dass es möglich ist."

koe/dpa
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