Angola bis Zypern Die hundert Verlierer des Klimawandels

Mehr Sonne in Hamburg, mediterranes Leben in München - mancher Deutsche kann dem Klimawandel nur Gutes abgewinnen. Anderswo auf der Welt werden die Folgen der Erderwärmung katastrophal sein: Zu den hundert größten Verlierern des Klimawandels gehören fast nur arme Länder.
Von Volker Mrasek

Sie tragen keine Schuld, doch es trifft sie am härtesten: Jene Länder, die in naher Zukunft voraussichtlich am stärksten unter den Folgen des Klimawandels leiden, haben ihn am allerwenigsten verursacht. Darauf verweisen das International Institute for Environment and Development ( IIED ) und die Londoner School of Economics kurz vor dem Start des Welt-Klimagipfels in Bali in einem gemeinsamen Arbeitspapier. Experten der beiden Institutionen listen darin die "100 Verlierer des Klimawandels" auf. Zusammen kommt die Ländergruppe demnach nur auf einen Anteil von knapp fünf Prozent an den globalen Treibhausgas-Emissionen – ein Klacks im Vergleich zu dem, was allein die USA (23 Prozent), die Mitglieder der Europäischen Union (25 Prozent) und China (15 Prozent) nach dem Stand von 2002 auf dem Kerbholz haben.

"Falls die Länder und Regionen, die am meisten ausstoßen, es nicht hinbekommen, starke Klimaschutzmaßnahmen zu ergreifen, könnten die Folgen für die meistverwundbaren Länder schon in den nächsten beiden Jahrzehnten katastrophal sein", warnen die Autoren. In den Verliererstaaten lebten mehr als eine Milliarde Menschen. "Häufigere und stärkere Extremwetterereignisse, die vorhergesagt werden, könnten zu chronischen Hungersnöten oder zu Auswanderungswellen führen", heißt es in dem Bericht. Auch in anderen Studien hatten Forscher jüngst vor den geradezu apokalyptischen Folgen des Klimawandels und der Ausbeutung des Planeten gewarnt.

Wer in der IIED-Liste der potentiellen Klimaopfer erwähnt ist, fällt mindestens in eine von drei Kategorien:

  • Die Ärmsten der Armen: Die am schwächsten entwickelten Länder haben nicht die Mittel, um Schutzmaßnahmen zu ergreifen.
  • Kleine Inselstaaten: Sie liegen oft nur knapp über dem Meeresspiegel, der weiter steigt, was zu einer existentiellen Bedrohung werden kann.
  • Länder Afrikas: Der Kontinent gilt dem Zwischenstaatlichen Ausschuss über Klimaänderung (IPCC) der Vereinten Nationen als der "gegenüber dem Klimawandel am stärksten verwundbare", aufgrund seiner "mangelnden Fähigkeit, sich anzupassen".

Manche der hundert Verlierer des Klimawandels gehören auch zwei oder sogar allen drei Gruppen an. Letzteres gilt zum Beispiel für die Kapverdischen Inseln vor der Westküste Afrikas. Gut vertreten in der Liste sind auch beliebte Urlaubsziele von Ferntouristen in Übersee, etwa Haiti, die Malediven, Mauritius, die Dominikanische Republik, Jamaika und die Bahamas. Und auch Mittelmeerländer wie Malta, Zypern, Algerien und Ägypten finden sich in der Liste des International Institute for Environment and Development.

Das Wasser wird vielerorts knapp

Mit welchen konkreten Bedrohungen die Klimaerwärmung die genannten Länder konfrontiert, lässt sich einem neuen Bericht des Roten Kreuzes und Roten Halbmonds entnehmen. Die beiden Hilfsorganisationen unterhalten das Climate Centre  im niederländischen Den Haag, und dieses legt jetzt einen aktuellen "Klimaführer" für Länder vor, in denen Rotes Kreuz und Roter Halbmond tätig sind.

Beispiel Samoa: Auf der polynesischen Inselgruppe existiert eines der ältesten Wetterarchive des gesamten Pazifikraums. Es zeigt nicht nur eine Zunahme der Temperatur in den letzten Jahrzehnten sondern auch einen kontinuierlichen Rückgang der Niederschlagsmengen. "Wasserknappheit ist ein beherrschendes Thema auf Samoa geworden", konstatiert der Bericht.

Ein anderes Beispiel aus dem "Klimaführer": Die Philippinen erlebten 2006 eine "beispiellose Häufung" von verheerenden Taifunen. Gleich fünf starke Wirbelstürme suchten die Inselgruppe heim und forderten laut Rotem Kreuz und Rotem Halbmond mehr als 2.000 Todesopfer. Weitere 1100 Menschen seien gestorben, als Erdrutsche infolge extremen Monsunregens ganze Ortschaften unter sich begruben. Die Philippinen stehen zwar nicht in der Liste der hundert Verlierer des Klimawandels, benachbarte Staaten wie Palau und Papua Neuguinea aber schon.

"Ungeheuer zynisch"

Für einen "fairen Lastenausgleich" im Kampf gegen den Klimawandel sprach sich kürzlich Rajendra Pachauri aus, der Vorsitzende des IPCC. "Jedes Land der Erde muss sich zu Zielen und Maßnahmen bekennen, die es uns allen erlauben, zu viel geringeren Treibhausgas-Emissionen zu kommen", sagte der Inder Anfang des Monats in Valencia, wo der IPCC die Zusammenfassung seines neuen Welt-Klimareports 2007 präsentierte. Dabei müssten aber, so Pachauri, "Kriterien wie Fairness und Ethik" berücksichtigt werden. Mit anderen Worten: Die Hauptverursacher des Problems, die Länder mit den höchsten Emissionen, haben einen entsprechend stärkeren Beitrag zu leisten als die Verlierer des Klimawandels mit ihrem eher geringen Treibhausgas-Ausstoß.

Auch einer der profiliertesten deutschen Klimaforscher, der Hamburger Physiker Hartmut Graßl, vermisst bei vielen die Einsicht, "dass der Klimawandel die größte Bedrohung für die Gerechtigkeit auf dieser Welt ist". Nach Einschätzung des früheren Direktors am Max-Planck-Institut für Meteorologie "tut man immer so, als ob alles nur aus Hamburg und München bestünde auf dieser Welt". Reden solle man lieber "über den Bauern in Burkina Faso, der im nördlichen Sahel seit Jahrzehnten dauerhaft weniger Regen bekommen hat" und nun zuschauen müsse, wie ihm Nomaden in die Hirsefelder eindrängen, "weil die weiter im Norden überhaupt nichts mehr für ihr Vieh zu fressen finden", so Graßl gegenüber SPIEGEL Online.

"Diejenigen, die sagen, wir können uns anpassen, lassen die Leute in anderen Ländern über die Klinge springen", formuliert der Forscher bewusst drastisch: "Aus meiner Sicht ist das ungeheuer zynisch."

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