Animalisches Alarmsystem Insekten flüchten vor dem Atem von Weidetieren

Die Nasen von Kühen und Schafen können für Kleintiere zur Todesfalle werden - denn manche Weidetiere atmen Insekten einfach ein. Doch viele Winzlinge sind der Gefahr nicht hilflos ausgeliefert: Sie erkennen die Gefahr am Luftstrom.
Todesfalle für Insekten: Kühe atmen mitunter Kleintiere ein.

Todesfalle für Insekten: Kühe atmen mitunter Kleintiere ein.

Foto: A3417 Ulrich Perrey/ dpa

Cambridge - Weidetiere sind eine Bedrohung für Insekten: Mitunter atmen Kühe und Schafe die Kleintiere ein und verschlucken sie. Doch Insekten können die tödliche Gefahr rechtzeitig erkennen: Sie bemerkten den Atem ihrer Feinde, berichten Wissenschaftler.

Die Forscher um Moshe Inbar von der University of Haifa haben festgestellt, dass der Luftstrom von Säugetieren Insekten von Pflanzen abspringen lässt. Sie setzten Futterpflanzen, die mit Erbsenlaus-Kolonien besiedelt waren, dem Atem von Schafen aus. Prompt fielen zwei Drittel der Insekten von der Pflanze ab.

Tests mit verschiedenen Arten von Luftströmen aus einem künstlichen Atemapparat brachten Klarheit über den Auslöser der Massenflucht: Eine bestimmte Menge an Wärme und Feuchtigkeit im Luftstrom von grasenden Tieren schlage Insekten in die Flucht, berichten Inbar und seine Kollegen im Fachblatt "Current Biology" . Auf ein Schütteln der Pflanzen oder das Erscheinen eines Schattens reagierten die Insekten hingegen nur unwesentlich oder gar nicht. Das radikale Fluchtverhalten zeige die große Bedrohung der Insekten, die von weidenden Tieren ausgeht, schreiben die Wissenschaftler.

Insekten erkennen auch menschlichen Atem

Um festzustellen, wie die Insekten auf pflanzenfressende Säugetiere reagieren, ließen die Wissenschaftler ein Schaf aus fünf Zentimetern Entfernung für zehn Sekunden auf eine Bohnenpflanze mit Lauskolonien atmen. In den Versuchen plumpsten im Schnitt 58 Prozent der Insekten zu Boden. "In einem Fall ließen sich sogar 65 Prozent der Läuse quasi genau in dem Moment fallen, als sie Gefahr liefen, mit der Pflanze gefressen zu werden", berichtet Inbar.

Zwei weitere mögliche Gründe für die Massenflucht konnten ausgeschlossen werden: Wurden die Pflanzen heftig bewegt, riskierte nur ein Viertel der Läuse den synchronen Absturz, ein plötzlich auftauchender Schatten rief keinerlei Reaktionen hervor.

Nach dem Auslöser der Flucht wurde mit einem Apparat gefahndet, der einen künstlichen Atemstrom erzeugt. Die Läuse reagierten kaum auf Kohlendioxid und überhaupt nicht auf fünf weitere chemische Bestandteile der Säugetierausatmung. Nur wenn der kontrollierte Luftstrom aus dem Apparat 36 Grad Celsius warm war und eine Feuchtigkeit von 90 bis 100 Prozent besaß, wurde eine beeindruckende Fallrate von 87 Prozent bei den Erbsenläusen erreicht.

"Kleine Insekten auf Pflanzen erkennen also an der für die Ausatmung großer Säugetiere typischen Wärme und Feuchtigkeit rechtzeitig die Gefahr, gefressen zu werden", sagt Inbar. Die Wissenschaftler meinen, "dass dieses Fluchtverhalten als Reaktion auf Säugetieratem auch von anderen Insekten praktiziert wird, die sich von Pflanzen ernähren".

Insekten reagieren auch auf menschlichen Atem. In einem Experiment sprangen nach wenigen Sekunden über 20 Prozent der angehauchten Erbsenläuse von der Pflanze ab, nach einer Minute weitere zehn Prozent. Zu einem ähnlichen Ergebnis führte das Ansetzen von Marienkäfern als den natürlichen Fressfeinden. Frühere Studien hatten bereits gezeigt, dass auch Moskitos und Zecken bei ihrer Suche nach Blut auf den menschlichen Atem reagieren: auf das im Luftstrom enthaltene Kohlendioxid, sowie auf die Wärme und Feuchtigkeit.

boj/ddp
Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.