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14. Dezember 2009, 17:49 Uhr

Anstieg der Treibhausgase

Forscher fordern Säure-Limit für Ozeane

Aus Kopenhagen berichtet Christian Schwägerl

Es ist das CO2-Problem, an das kaum einer denkt: Kohlendioxid macht die Ozeane sauer - Lebewesen mit Kalkschalen sind akut gefährdet und damit die gesamte Nahrungskette im Meer. Wissenschaftler schlagen jetzt auf der Weltklimakonferenz Alarm.

Dass CO2 zur Erderwärmung beiträgt, hat sich inzwischen herumgesprochen. Doch es gibt eine zweite, ähnlich dramatische Gefahr, vor der am Montag beim "Ocean Day" auf der Weltklimakonferenz in Kopenhagen Meeresforscher eindringlich warnten. Die Ozeane nehmen in gigantischen Mengen Kohlendioxid auf, das die Menschheit aus Schornsteinen, Autos und brennenden Wäldern in die Luft pumpt.

Das verlangsamt zwar den Anstieg der CO2-Konzentration in der Luft - doch es führt dazu, dass im Meer Kohlensäure entsteht. Das ist der Stoff, der auch Mineralwasser leicht säuerlich macht. Im Meer kann zu viel Kohlensäure eine katastrophale Wirkung haben.

Die Uno-Agentur für biologische Vielfalt und das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) stellten am Montag in Kopenhagen eine Studie vor, der zufolge die Ozeane bis 2050 um 150 Prozent saurer werden könnten, wenn es zu keiner dramatischen Reduktion der CO2-Emissionen kommt. "Unsere Analyse zeigt uns, dass die Versauerung für Ökosysteme und die Lebensvielfalt im Meer extrem negative Folgen haben könnte ", sagte Ahmed Djoghlaf, Generalsekretär der Uno-Konvention für biologische Vielfalt.

Am Montag berieten Meeresforscher und Politiker auf dem "Ocean Day" über Folgen steigender CO2-Emissionen für das Meer. Ohnehin seien die Meere durch Überfischung und chemische Verschmutzung belastet. Nun komme die Gefahr der Versauerung hinzu. Bis 2032 könnte in den arktischen Gewässern durch den CO2-Anstieg schon ein massiver Kalkmangel eingetreten sein, bis 2100 könnten die Gewässer für Kaltwasserkorallen weitgehend unbewohnbar geworden sein, heißt es in der neuen Studie. Die chemische Veränderung durch Kohlensäure wäre dann für Tausende Jahre womöglich irreversibel, erklärten die Uno-Agenturen.

Ozeane an der Grenze der Aufnahmefähigkeit

Die Warnungen machte sich auch Jane Lubchenco zu eigen, die Chefin der National Oceanic and Atmospheric Administration der USA (NOAA), der wichtigsten Regierungsagentur für Meeres- und Klimaforschung. Die Meeresökologin sagte am Montag, die Versauerung zähle zu den gravierendsten Folgen des Klimawandels. Sie helfe, die Erwärmung der Luft zu bremsen, aber der Preis sei extrem hoch.

"Wir sind in Sorge um die Lebensvielfalt im Ozean und die Nahrungsgrundlage von sehr vielen Arten, die auch für den Menschen bedeutsam sind, etwa Lachse und Muscheln", sagte Lubchenco. Die Ozeane seien bereits an der Grenze ihrer Fähigkeit angelangt, CO2 ohne Schäden für die Artenvielfalt aufzunehmen.

Lubchenco sagte SPIEGEL ONLINE, es gebe bereits den Vorschlag, die maximale Meeresversauerung als Ziel festzulegen - genau wie dies bei der Erderwärmung auf höchstens zwei Grad Celsius bereits geschehen sei. "Das wäre ein Vorhaben, das ich sicherlich unterstützen würde", sagte Lubchenco.

"Das Meer ist schon um 30 Prozent saurer geworden", sagte Andrew Dickson von der renommierten Scripps Institution of Oceanography in Kalifornien, "und das bedroht das Meeresleben massiv." Am Ende des Jahrhunderts könnten die Ozeane für Korallen weitgehend unwirtlich geworden sein, sagte Dickson.

Sehr viele Meeresorganismen besitzen eine Kalkschale, entweder im Larven- oder im Erwachsenenstadium. "Wenn man einen Organismus mit Kalkschale in saures Wasser legt, dann hört er zuerst auf zu wachsen und irgendwann löst er sich einfach auf", sagte Dickson.

Verlust von Korallen katastrophal

"Vom Plankton über Seesterne bis zu Krabben sind sehr viele Organismen auf eine Kalkschale angewiesen", sagte Victoria Fabry von der Scripps Institution. Das Hauptproblem sieht sie bei vielen Korallenarten, die besonders empfindlich auf die Versauerung reagieren. "Der Rückgang von Korallen am Great Barrier Riff kann schon teilweise auf die Versauerung, teilweise auf die Erwärmung des Meeres zurückgeführt werden", sagte Fabry.

Es gebe zwar auch Organismen wie etwa Seegräser, die mit mehr Wachstum auf Versauerung antworteten. Aber unter dem Strich seien deutlich mehr Organismen bedroht. Ein Verlust von Korallen wäre für Küstengebiete und die Lebensvielfalt im Meer katastrophal, warnte Fabry. Schon eine leichte Versauerung führe dazu, dass Lebewesen mehr Energie für den Bau ihrer Kalkschalen aufwenden müssten, also weniger für Wachstum zur Verfügung hätten. Für eine biologische Anpassung an die saurere Umgebung verlaufe der CO2-Eintrag ins Meer viel zu schnell.

Carol Turley vom Plymouth Marine Laboratory berichtete, dass es aus natürlichen Gründen vor 55 Millionen Jahren eine ähnliche Versauerung der Meere geben hat, als große Mengen Methanhydrate sich im Ozean auflösten. "Man kann in den Gesteinsschichten von damals sehen, wie die Kalkbildung ziemlich abrupt abbricht und erst lange Zeit später wieder einsetzt", sagte Turley.

Noch gebe es großen Forschungsbedarf, wie die zusätzliche Kohlensäure den Kohlenstoff- und Stickstoffhaushalt der Ozeane verändere. Klar sei aber, dass ab einer Konzentration von 400 ppm (Teilchen pro eine Million Teilchen) CO2 in der Atmosphäre massive Auswirkungen auf die Meereswelt zu erwarten seien. Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre ist von rund 280 ppm vor der Industrialisierung auf über 380 ppm heute gestiegen.

"Unglaublicher Stress für Lebewesen"

Die Versauerung könnte bald auch für den Menschen direkte Folgen haben. Denn wenn Organismen wie das Plankton an der Basis der Nahrungskette im Ozean verschwinden, haben letztlich Fische weniger Nahrung. "Fisch ist für Milliarden Menschen eine essentielle Nahrungsquelle, für die ärmsten Menschen stellt er die Hälfte des Proteins", sagte Michael Hirshfield von der Umweltorganisation Oceana. Auch Industrieländer seien "sehr verletzbar, wenn die Versorgung mit Fisch unterbrochen wird".

Hirshfield und andere Meeresadvokaten sehen nur eine Lösung: Eine massive und schnelle Minderung der CO2-Emissionen. Zudem sei es nötig, Anstrengungen gegen die Überfischung der Ozeane zu unternehmen und die Biodiversität im Meer durch Schutzgebiete stärker vor anderen negativen Einflüssen zu schützen, sagte NOAA-Chefin Lubchenco. "Wir verursachen im Meer durch das zusätzliche CO2 einen unglaublichen Stress für Lebewesen", warnte sie, "deshalb ist es dringend nötig, nicht nur die Emissionen zu reduzieren, sondern alle Anstrengungen zum Meeresschutz massiv zu verstärken."

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