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Meeresspiegelanstieg Grönland-Eis schmilzt langsamer als erwartet

Die Schmelze in Grönland entscheidet wesentlich darüber, wie schnell der Meeresspiegel steigt. Nun zeigt die Forschung an fünf Gletschern des Landes: Die nordische Eiskappe wird wohl gemächlicher tauen als angenommen.

Hamburg - Die Eismassen Grönlands gelten als wesentlicher Unsicherheitsfaktor für den Meeresspiegelanstieg. Vielfach war ein beschleunigtes Abschmelzen im Zuge der Erderwärmung befürchtet worden. Eine neue Studie aber zeigt: Die tauenden Gletscher Grönlands lassen den Meeresspiegel zumindest in den nächsten 200 Jahren wohl weniger stark ansteigen als befürchtet. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass sich der in den vergangenen Jahrzehnten beschleunigte Eisverlust nicht in gleichem Maße fortsetzen wird.

Bei starker Erderwärmung würden vier große Gletscher den Meeresspiegel bis zum Jahr 2200 um maximal fünf Zentimeter steigen lassen, berichten  Forscher um den Glaziologen Faezeh Nick von der Université Libre in Brüssel in der Zeitschrift "Nature". Auf ganz Grönland übertragen rechnen sie mit einem Anstieg bis zum Jahr 2100 um höchstens 18 Zentimeter. Die neuen Schätzungen liegen im Rahmen der Prognose des Uno-Klimarats IPCC. Manche Studien hatten die Befürchtung genährt, der IPCC könnte die Schmelze in Grönland unterschätzen.

Die Eiskappe Grönlands liefert nach der thermischen Ausdehnung des Wassers aufgrund der Erwärmung und dem Schmelzwasser der Hochgebirgsgletscher den drittgrößten Beitrag für den Meeresspiegelanstieg. Der Beitrag der Hochgebirgsgletscher dürfte in der zweiten Jahrhunderthälfte abnehmen, weil viele Gletscher dann verschwunden sein könnten.

In den vergangenen Jahren haben mehrere große grönländische Gletscher zeitweilig stark an Volumen verloren. Vom Petermann-Gletscher im Norden der Insel waren in den Sommern 2010 und 2012 riesige Eisberge mit Flächen von etwa 270 und 120 Quadratkilometern abgebrochen. Daher versuchen Forscher vorherzusagen, wie sich höhere Wasser- und Lufttemperaturen auf das Grönlandeis auswirken und was das für den Meeresspiegel bedeutet. Dies ist allerdings sehr schwierig, da die Entwicklung der Gletscher sehr unterschiedlich ist und zudem von Jahr zu Jahr stark schwanken kann.

Banger Blick in die Erdgeschichte

Diese Dynamik versuchten die Forscher um Nick zu berücksichtigen. Mit verschiedenen Klimaszenarien simulierten sie bis zum Jahr 2200 die Entwicklung von vier großen, ins Meer mündenden Gletschern - Petermann, Kangerdlugssuaq, Helheim und Jakobshavn Isbræ. Dabei berücksichtigten sie nicht nur verschiedene Temperaturentwicklungen, sondern auch die unterschiedlichen Oberflächenstrukturen wie etwa Breite und Tiefe dieser Gletscher, die zur Entwässerung des gesamten grönländischen Eisschilds etwa 22 Prozent beitragen.

Manche reagieren stärker auf die Lufttemperatur, andere eher auf die Meerestemperatur - wie der Petermann-Gletscher, dessen Zunge etwa 50 Kilometer weit und 20 Kilometer breit ins Meer hineinreicht. Geeicht wurden die Simulationen an den Entwicklungen der Gletscher während der Jahre 2000 bis 2010.

Sämtliche angewandten Modelle kommen zwar erwartungsgemäß zu dem Schluss, dass die Gletscher deutlich an Masse verlieren werden. Allerdings werde sich die starke Zunahme des Eisschwunds der vorigen Jahre nicht linear fortsetzen, sondern tendenziell eher abschwächen, vermuten die Wissenschaftler.

Beim konservativen Szenario, bei dem sich die Erde bis Ende des Jahrhunderts um maximal 2,8 Grad Celsius erwärmt, würden die vier Gletscher zusammen pro Jahr bis zu 47 Gigatonnen Masse verlieren, im folgenden Jahrhundert jährlich bis zu 54 Gigatonnen. Dies entspräche einem Anstieg des Meeresspiegels bis Ende des 21. Jahrhunderts um maximal rund 13 Millimeter und bis Ende des nächsten Jahrhunderts um insgesamt höchstens 30 Millimeter.

Insgesamt, so rechnen die Forscher hoch, werde das Schmelzwasser aller grönländischen Gletscher das Meeresniveau bis zum Jahr 2100 um 65 bis 183 Millimeter steigen lassen. Allerdings, so betonen die Autoren, sei dies nur eine grobe Schätzung, die angesichts der individuell stark unterschiedlichen Dynamik weiter verfeinert werden müsse. Berechnungen über die Schmelze in Grönland schwanken, weil nur wenige Gletscher über viele Jahre systematisch beobachtet wurden. Der Blick in die Erdgeschichte aber hatte gezeigt, dass eine extreme Erwärmung über lange Zeit den Meeresspiegel mehrere Meter heben könnte. Der maximale Beitrag Grönlands: zwei Meter.

boj/dpa
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