Antarktis Farbiger Eisberg entdeckt

Spektakuläres Foto aus der Antarktis: Einem Meeresforscher ist ein bunter Eisberg vor die Kameralinse getrieben. Wie genau die farbigen Streifen in den gefrorenen Riesen entstehen, stellt Forscher vor Rätsel.


Oyvind Tangen hatte Fotografenglück, an diesem Montag Anfang März. Sein Schiff, die "G.O. Sars", fährt in der Nähe der Antarktischen Küste durch den südlichen Ozean. Der 62-jährige Meeresforscher, der eigentlich im norwegischen Bergen zu Hause ist, suchte die Wasserfläche ab, als sein Blick an einem wundersamen, im Wasser treibenden Etwas hängenblieb.

Wie ein riesiges wundersames Wesen aus der Tiefsee sah das Objekt aus. Ein abgerundeter weißer Körper, von verschiedenfarbigen schrägen Streifen durchzogen: manche grün, manche blau, manche braun. Vor Tangen trieb ein marmorierter Eisberg im Wasser, der unregelmäßig abgeschmolzen war.

"Es kommt immer wieder vor, dass man so einen Eisberg sieht", bestätigt der Glaziologe Hans Oerter vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Er habe vor vier Jahren im Antarctic-Sund, also vor der nordwestlichen Spitze der Antarktischen Halbinsel, solch einen spektakulären Eisberg beobachten können.

Wie genau die farbigen Eisriesen entstehen, ist jedoch nicht abschließend geklärt. Klar sei immerhin, sagt Oerter, wie die verschiedenen Farbtöne zustande kommen. Zum Beispiel die blauen Eisbereiche: "Bläuliches Eis enthält keine Luftblasen, wie sie in Eis vorkommen, das durch die Metamorphose von Schnee entsteht." Wird Luft eingeschlossen, entsteht im Eis ein weißlicher Farbton; fehlt sie, schimmert es blau.

Blaues Eis, so erklärt Oerter, entsteht zum Beispiel durch direkt gefrierendes Wasser, etwa wenn bestimmte Eisbereiche zunächst auftauen und später wieder gefrieren. Doch in der Antarktis gibt es noch einen anderen, etwas komplizierteren Mechanismus, der zur Entstehung von blauem Eis führen kann. In manchen Bereichen unter dem Schelfeis kann die Last der oben liegenden Eismassen so groß werden, dass sich darunter flüssiges Wasser bildet. Sein Schmelzpunkt wird durch den Druck verschoben - und das Wasser kann unter dem Schelfeis nach Norden in den Ozean strömen. Lässt dann entlang des Wegs der Druck von oben nach, bilden sich Kristalle, die sich als blaues Eis von unten an das Schelfeis anlagern.

Doch nicht nur blaue Streifen finden sich in den marmorierten Eisbergen, sondern auch grüne und braune. Diese, so erklärt Oerter, kommen durch verschiedene Einschlüsse zustande. Dabei lassen grüne Streifen allerdings nicht automatisch auf Algen schließen, wie sich vielleicht denken ließe. Auch andere Schwebstoffe, etwa Sedimente, können im Eis grünlich wirken.

Um die Geheimnisse der bunten Eisberge zu klären, müssen Glaziologen wohl noch zahlreiche Proben in der Antarktis nehmen. Bis dahin kann man sich einfach an Fotos erfreuen, wie sie Oyvind Tangen und Hans Oerter gemacht haben.

chs



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