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19. Februar 2008, 12:56 Uhr

Antarktis

Krabbeninvasion bedroht Unterwasser-Fauna

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Die Küstenzonen der Antarktis beherbergen uralte Lebensgemeinschaften, die sich Millionen Jahre lang weitgehend frei von räuberischen Tierarten entwickeln konnten. Nun droht ihr Ende. Das Wasser wird wärmer - die Krabben kommen.

Am Meeresgrund unweit der Küste der Thurston-Insel ist das Leben eine beschauliche Angelegenheit. Mögen oben an der Wasseroberfläche Wale, Robben und Pinguine agil durch die Fluten kreuzen, hier unten herrscht Trägheit. Ein Millionenheer von Seelilien und Schlangensternen braucht zum Nahrungserwerb nur die Tentakel auszustrecken. Die filigranen Glieder fangen Plankton und organische Schwebstoffe ein und transportieren diese über lange Reihen sogenannter Ambulakralfüßchen zu den ständig mahlenden Mündern. Der Schlickboden ist auch Heimat für zahlreiche Schwämme, Muscheln, Seescheiden und anderes unbewegliches Getier. Dazwischen staksen bizarr anmutende Asseltiere umher.

Behäbige Lebensgemeinschaften wie diese bewohnen sämtliche Schelfmeere des Südpolgebiets. "Sie sind einzigartig auf der Welt", schwärmt der deutsche Meeresbiologe Sven Thatje von der britischen University of Southampton gegenüber SPIEGEL ONLINE. Ihr Artenreichtum ist erstaunlich. Derzeit sind mehr als 4100 antarktische bodenlebende Spezies bekannt, Experten schätzen ihre Gesamtzahl auf mehr als 15.000. Die Wissenschaftler haben also noch viel Arbeit vor sich. Doch die Vielfalt ist bedroht. Zukünftige Umwälzungen könnten die faszinierenden Ökosysteme bald bis zur Unkenntlichkeit verändern, warnten Thatje und Kollegen im Rahmen einer in Boston stattfindenden Wissenschaftskonferenz. Schuld ist – mal wieder – die globale Klimaerwärmung.

Eisfische haben Frostschutzmittel im Blut

Die bodenlebenden Tierarten der Südpolgewässer mögen unterschiedlichsten zoologischen Gruppen angehören, eines ist allen gemeinsam: Die extreme Kälteresistenz. Das Meerwasser der Küstengebiete Antarktikas wird nicht wesentlich wärmer als null Grad Celsius. Oft liegt die Temperatur sogar unter dem Gefrierpunkt. Solch harsche Lebensbedingungen erfordern besondere Anpassungen im Stoffwechsel. Die Bildung neuer Arten wurde so begünstigt, aber nicht nur dadurch.

Als das Weltklima vor etwa 40 Millionen Jahren nach einer längeren Wärmeperiode abzukühlen begann, startete am Südpol ein gnadenloser Ausleseprozess. Wer mit der Kälte nicht klar kam, musste auswandern oder starb aus. Zwei Tiergruppen waren besonders betroffen: Fische und Krabben. Erstere verschwanden weitgehend. Nur die hochspezialisierten, eher kleinen Eisfische tummeln sich heute zahlreich in antarktischen Küstengewässern. Ihr Blut enthält Glykoproteine als Frostschutzmittel.

Krabben fehlen in den antarktischen Schelfmeeren komplett. Ursache ist das im Meerwasser reichlich vorhandene Magnesium. Die Scherenträger verfügen im Gegensatz zu anderen Krebstieren nicht über eine physiologische Pumpe, mit welcher sie die in ihrem Körper eindringenden Magnesium-Ionen wieder ausscheiden können. Der Stoff übt eine betäubende Wirkung auf das Nervensystem der Krabben aus. Je niedriger die Temperatur, desto geringer die erforderliche Dosis. Bei null Grad Celsius reicht die natürliche Konzentration des Meerwassers aus, um die Tiere ins Koma zu versetzen.

Das Verschwinden der Krabben und der meisten Fischarten barg für die verbleibenden Tierspezies einen erheblichen Vorteil: Nun fehlten die wichtigsten Räuber. Keine panzerbrechenden Scheren, keine mahlenden Gebisse mehr weit und breit. Am Meeresgrund machte sich Entspannung breit, eine Abrüstung begann. Muschelarten reduzierten zum Beispiel die Dicke ihrer Schalen und Schnecken verzichteten zusätzlich auf Dornen an ihren Gehäusen. Schlangensterne und andere sich von Schwebstoffen ernährende Organismen konnten praktisch ungestört riesige Kolonien aufbauen. Diese heutigen antarktischen Lebensgemeinschaften, betonen Fachleute, ähneln in vielerlei Hinsicht marinen Ökosystemen aus dem Paläozoikum, einer Zeit noch vor dem Erscheinen der Dinosaurier.

Wasser in der Tiefe ist wärmer als an der Oberfläche

Mit dem Frieden könnte es bald vorbei sein. Sven Thatje und seine Wissenschaftlerkollegen vom British Antarctic Survey machten im vergangenen Jahr eine beunruhigende Entdeckung. Die Experten fuhren mit dem Forschungsschiff "James Clark Ross" auf der Bellingshausensee vor die Küste der Antarktis und schickten dort das unbemannte Tauchboot "Isis" auf Jungfernfahrt. In 1400 bis 1100 Metern Tiefe stieß das Gefährt auf mehrere Königskrabben der Art Paralomis birsteini. Man fand sowohl Jungtiere als auch ausgewachsene Exemplare. P. birsteini lebt normalerweise in den deutlich tieferen Gewässern des südlichen Pazifiks. Wie alle Königskrabben ist die Spezies perfekt an ein Leben in der finsteren, kalten Tiefsee angepasst.

Im Südpolarmeer ist das Wasser ab 1000 Meter Tiefe "wärmer" als an der Oberfläche. Die Temperatur beträgt dort etwa ein Grad Celsius, für P. birsteini durchaus noch angenehm. Nur Frostkälte vertragen Königskrabben nicht. Ein geringer Temperaturanstieg dürfte ausreichen, um die Scherentiere höher wandern zu lassen. "Sie sind nur noch 500 bis 600 Tiefenmeter von den einzigartigen Lebensgemeinschaften im Schelfbereich entfernt", berichtet Sven Thatje. Dort fänden die allesfressenden Krabben ein wahres Schlaraffenland vor. Die Schäden wären verheerend.

P. birsteini wäre wohl nur die Vorhut einer wahren Invasion. Meeresbiologen vermuten, dass der Klimawandel vielen Räuberarten das Tor zu den antarktischen Schatzkammern öffnen könnte - selbst Haie könnten sich eines Tages auf den Weg in den nahrungsreichen Süden machen. Und natürlich wären die Fressfeinde nicht das einzige Problem der spezialisierten Bodenbewohner. Die steigenden Temperaturen würden auch einen erheblichen physiologischen Stress auslösen. Sven Thatje: "Wir werden diese Lebensgemeinschaften verlieren, wenn sich der Trend ungehindert fortsetzt." Ein herber Verlust für die Vielfalt unseres Planeten.

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