Verfärbung in der Antarktis Ach du grüner Schnee!

Weiß war gestern: Der Schnee in der Antarktis zeigt an vielen Stellen plötzlich eine andere Farbe. Forscher haben eine Erklärung für das ungewöhnliche Phänomen.
Grüner Schnee auf Adelaide Island: "Entscheidender Fortschritt in unserem Verständnis vom Landleben in der Antarktis"

Grüner Schnee auf Adelaide Island: "Entscheidender Fortschritt in unserem Verständnis vom Landleben in der Antarktis"

Foto: Dr. Matt Davey/ University of Cambridge/ AFP

"Schneeflöckchen, Weißröckchen", heißt es in einem bekannten Kinderlied. Weiß, das ist die Farbe, die wohl jeder mit Schnee verbindet - und deshalb auch mit der Region um die Polkappen. Umso mehr dürften sich die Forscher in der Antarktis gewundert haben, als sie plötzlich etwas ganz anderes sahen: giftgrüne Flocken.

Wissenschaftler von den britischen Universitäten Cambridge und Edinburgh beschreiben das ungewöhnliche Phänomen jetzt im Fachmagazin "Nature Communications"  - und liefern gleich eine Erklärung dazu: Demnach breiten sich im Zuge des Klimawandels Algen aus, die den Schnee verfärben. Die grünen Tupfer in der weißen Schneelandschaft dürften künftig also noch zunehmen.

Verfärbter Schnee auf der antarktischen Halbinsel

Verfärbter Schnee auf der antarktischen Halbinsel

Foto: Dr. Matt Davey/ University of Cambridge/ SAMS/ AFP

Die Forscher hatten mit Hilfe von Satellitendaten und Vor-Ort-Erkundungen eine Karte erstellt, die das derzeitige Ausmaß des Phänomens auf der antarktischen Halbinsel erfasst. Die mit grünen Algen bewachsenen Schneeflächen fänden sich derzeit vor allem an der Küste sowie in der Nähe zu Pinguin-Kolonien und den Nistplätzen anderer Vögel. Mit der Erwärmung würden sie sich vermutlich in höher gelegene, kühlere Gebiete ausweiten, schreiben die Forscher.

Grüne Algen sind mikroskopisch klein

"Das ist ein entscheidender Fortschritt in unserem Verständnis vom Landleben in der Antarktis und wie es sich in den kommenden Jahren im Zuge der Erwärmung verändern wird", sagte Matt Davey von der Universität Cambridge. "Schnee-Algen sind ein Schlüsselbestandteil, wenn es um die Kapazität des Kontinents geht, über Photosynthese Kohlendioxid aus der Atmosphäre zu ziehen."

Grüne Algen wachsen sowohl unter als auch auf dem Schnee. Sie sind mikroskopisch klein, wenn sie aber in ausreichend großer Zahl auftreten, können sie die Schneelandschaft verfärben. Diese Farbteppiche erstrecken sich teilweise über Hunderte Quadratmeter und sind sogar vom Weltall aus sichtbar. Bereits seit Langem bekannt sind außerdem rote Algenblüten in der Antarktis.

Forscher Andrew Gray kartiert ein Algenfeld auf der antarktischen Halbinsel

Forscher Andrew Gray kartiert ein Algenfeld auf der antarktischen Halbinsel

Foto: Dr. Matt Davey/ University of Cambridge/ AFP

Das Team um Davey wertete Aufnahmen der Sentinel-2-Satelliten der europäischen Weltraumagentur Esa aus, die zwischen 2017 und 2019 gemacht worden waren. Zudem untersuchten sie die Ausbreitung des grünen Schnees an zwei Standorten der antarktischen Halbinsel, an der Ryder Bay an der Südostküste von Adelaide Island sowie auf der zur King George-Island gehörenden Halbinsel Fildes.

Algen lagern tonnenweise Kohlenstoff ein

"Wir identifizierten 1679 einzelne Teppiche von grünen Algenblüten auf der Schneeoberfläche, die zusammen eine Fläche von 1,9 Quadratkilometern bedeckten", sagte Davey. Sie würden in der sommerlichen Wachstumssaison rund 479 Tonnen Kohlenstoff einlagern. Das entspreche etwa der Menge, die bei rund 875.000 durchschnittlichen Autofahrten in Großbritannien frei werde. Die Algen seien dort gewachsen, wo die Temperatur im Sommer im Schnitt über 0 Grad Celsius bleibe.

Die räumliche Verteilung der Algen hing vor allem mit dem Vorkommen von Seevögeln und Säugern zusammen, deren Exkremente als Dünger das Wachstum der Algen beschleunigen. 60 Prozent der Algenblüten fanden die Wissenschaftler im 5-Kilometer-Umkreis einer Pinguin-Kolonie. Auch dort, wo Robben an Land kommen und Raubmöwen brüten, traten die Algen gehäuft auf.

Etwa zwei Drittel der Algenflächen finden sich den Forschern zufolge auf kleinen, tief gelegenen Inseln. Dort würden die Algen vermutlich verschwinden, wenn sich das Klima weiter erwärme und der Schnee im Sommer abschmilze. Dennoch gehen die Wissenschaftler davon aus, dass die Algenmasse insgesamt in den kommenden Jahren zunehmen wird. Der Verlust in den flachen Inselregionen werde ausgeglichen durch die Ausbreitung der Algen in höher gelegene, kühlere Bereiche.

jki/dpa
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