Antarktis Russen bohren Riesensee unter dem ewigen Eis an

Russische Forscher haben nach jahrelanger Arbeit offenbar den Wostoksee unter dem Eispanzer der Antarktis angebohrt. Das gigantische Wasserreservoir hatte vermutlich seit Hunderttausenden Jahren keinen Kontakt zur Außenwelt - und könnte bizarre Lebensformen beherbergen.

Corbis

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Die Party findet wohl auf der "Akademik Fjodorow" statt. Das russische Forschungsschiff liegt derzeit vor der Küste der Antarktis; es soll ein Forscherteam an Bord nehmen, das womöglich Geschichte geschrieben hat. Offenbar ist es Wissenschaftlern der 57. russischen Antarktis-Expedition jetzt gelungen, einen riesigen subglazialen See anzubohren. Und weil das Thermometer an der russischen Antarktis-Station "Wostok" dieser Tage zwischen minus 38 und minus 46 Grad schwankt, sich dazu die Polarnacht unerbittlich nähert, hat sich der größte Teil des Trupps anschließend sofort auf die Heimreise gemacht.

Der Wostoksee liegt fast vier Kilometer unter dem Eispanzer der Ostantarktis. Der Druck des Eises und die Erdwärme halten das gigantische Süßwasserreservoir flüssig. Jahrelang hatten sich die Russen mit der Bohrung an einem der ungemütlichsten Plätze des Planeten geplagt. Die Nachrichtenagentur RIA Novosti führt nun einen namentlich nicht genannten Mitarbeiter aus dem Dienst für Hydrometeorologie und Umwelt-Monitoring (Rosgidromet) als Quelle für die Erfolgsmeldung an. Das Bohrloch ist demnach 3768 Meter tief.

"Wir können das im Moment noch nicht bestätigen", sagt Mike Sparrow vom Scientific Committee on Antarctic Research im britischen Cambridge auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Immer wieder versucht er derzeit, seine russischen Kollegen zu erreichen. Auch John Priscu, ein Forscher an der Montana State University in Bozeman mit sonst sehr guten Kontakten zum "Wostok"-Team, probiert das. Und Valery Lukin, Chef des russischen Antarktis-Programms, sagte dem Wissenschaftsmagazin "Nature", er warte noch auf die Auswertung von Sensordaten. Erst wenn die vorlägen, werde es eine offizielle Erfolgsmeldung geben: "Wir wollen sicher sein, dass wir wirklich die Oberfläche des Wostoksees erreicht haben."

Gibt es Leben tief unter der Antarktis?

Wostok war der erste See, der unter dem Eispanzer der Antarktis aufgespürt wurde. Radarmessungen in den Jahren 1959 und 1964 hatten den Forscher Andrej Kapitsa auf die Spur des 250 Kilometer langen und 50 Kilometer breiten Gewässers gebracht. Der See könnte faszinierende Geheimnisse beherbergen - schließlich hatte sein Wasser seit Hunderttausenden, wahrscheinlich sogar Millionen von Jahren keinen Kontakt nach oben. Deswegen sind Forscher besonders interessiert an Mikroorganismen, die sich in der frostigen, stickstoff- und sauerstoffreichen Umgebung behauptet haben könnten - bei immensem Druck und minimalem Nährstoffangebot.

Ob sich die gesuchten Seebewohner tatsächlich in den obersten Schichten der Wassersäule finden und nicht doch eher tief unten im Sediment, steht auf einem anderen Blatt. Klar ist: Die Konsequenzen einer Entdeckung wären weitreichend, nicht zuletzt für Astrobiologen: Wenn es in der antarktischen Tiefe Leben gibt, warum dann nicht auch unter dem Eispanzer des Saturnmonds Enceladus oder des Jupitermonds Europa?

Doch gleichzeitig war die Bohrung auch genau deswegen umstritten. Hatten die Russen tatsächlich alles ihnen Mögliche getan, um eine Verunreinigung des Sees durch Mikroorganismen und Chemikalien von außen zu verhindern? Schon die kleinste Kontamination würde die Messungen unbrauchbar machen. Wissenschaftler und Umweltschützer äußerten sich deswegen kritisch.

Mittlerweile sind etwa 380 Seen unter dem Eis der Antarktis bekannt - und zumindest zeitweise sind viele von ihnen miteinander verbunden. Genau das könnte jetzt zum Problem werden. "Wenn ich an einer Stelle etwas einbringe, dann könnte sich das unter dem Gletscher verteilen", warnt der Geophysiker Malte Thoma vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung. "Auch andere Seen könnten kontaminiert werden".

Briten planen nächste Bohrung

Wegen der internationalen Kritik war eine erste Bohrung am Wostoksee im Jahr 1998 gestoppt worden - in 3623 Metern Tiefe. Das Bohrloch wurde damals mit Tonnen von Kerosin und Kühlmittel vor dem Zufrieren geschützt. Und die wären beim Anbohren möglicherweise ins Wasser geströmt.

Im Jahr 2005 wurde deswegen mit etwas geänderten Plänen weitergebohrt: Die Russen ersetzten zumindest im unteren Teil des Bohrlochs das Kerosin durch steriles Silikonöl. Außerdem versprachen sie, den See zunächst nur soweit anzubohren, dass Wasser aus seinem Inneren im Bohrloch aufsteigt und dort festfriert. Die so entstehenden Eiskerne sollen nach Angaben von RIA Novosti nun im kommenden Südsommer geborgen werden. Kurzfristige Schlagzeilen zu wundersamen Seebewohnern sind also eher nicht zu erwarten.

Der Glaziologe Martin Siegert von der University of Edinburgh verfolgt die Arbeiten der Russen trotzdem mit besonderem Interesse. Und auch er wartet noch auf eine offizielle Bestätigung der Erfolgsmeldung. "Das wird auch unsere Forschung voranbringen", gibt er sich sicher. Zusammen mit Kollegen will Siegert im kommenden Südsommer ebenfalls einen See in der Antarktis anbohren.

Der Lake Ellsworth liegt 3,2 Kilometer tief und ist seit mindestens 120.000 Jahren ungestört. Von den Russen erhofft Siegert zum Beispiel Informationen darüber, wie sich der Druck im Bohrloch entwickelt, wenn man die mächtige Wasserblase angestochen hat. Die Briten wollen das Eis der Westantarktis übrigens nicht aufbohren, sondern vielmehr mit heißem Wasser schmelzen.

Dabei kann man zwar nicht wie die "Wostok"-Crew einen Eiskern als wertvolles Klimaarchiv gewinnen. Wenn man es richtig anstellt, dann bietet diese Methode aber einen besseren Schutz vor Verschmutzungen. Einen solchen Heißwasser-Vorstoß hatten die Russen nach eigenen Angaben auch erwogen. Dann ließen sie aber wissen, es fehle ihnen dafür einfach die nötige Energie.



insgesamt 119 Beiträge
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Seite 1
KonsulOtto 07.02.2012
1. Die Deutschen Forscher...
... stehen daneben und staunen. Wie immer.
BüroCowboy 07.02.2012
2. Leihenfrage
Zitat von sysopRussische Forscher haben nach jahrelanger Arbeit offenbar*den Wostoksee unter dem Eispanzer der Antarktis angebohrt. Das gigantische Wasserreservoir hatte vermutlich seit Hunderttausenden*Jahren keinen Kontakt*zur Außenwelt*- und könnte bizarre Lebensformen beherbergen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,813862,00.html
Ist diese "Unterwasserwelt" vergleichbar mit dem kürzlich aufgefundenen Exo-Planeten, der, ähnlich wie der Wostoksee, unter einer Eisschicht riesige Wassermengen beherbergt? Vielen Dank im Voraus.
Jasro 07.02.2012
3. Stoff für einen Horrorfilm
Zitat von sysopRussische Forscher haben nach jahrelanger Arbeit offenbar*den Wostoksee unter dem Eispanzer der Antarktis angebohrt. Das gigantische Wasserreservoir hatte vermutlich seit Hunderttausenden*Jahren keinen Kontakt*zur Außenwelt*- und könnte bizarre Lebensformen beherbergen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,813862,00.html
Wer weiß, was für Godzillas oder andere bis dato unbekannte Lebensformen jetzt auf die Menschheit losgelassen werden...
caraya 07.02.2012
4. Energie für das
heisse Wasser gäbe es ausreichend! Man könnte ja steril wie sie eh sind auch die Brennelemente aus Gorleben da nutzen, -und gleich im See einlagern anschließend. Tolle Idee, oder?
gerd33 07.02.2012
5. Vorsicht ....
Zitat von sysopRussische Forscher haben nach jahrelanger Arbeit offenbar*den Wostoksee unter dem Eispanzer der Antarktis angebohrt. Das gigantische Wasserreservoir hatte vermutlich seit Hunderttausenden*Jahren keinen Kontakt*zur Außenwelt*- und könnte bizarre Lebensformen beherbergen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,813862,00.html
Da unter den Seen liegt Neuschwabenland und die jetzigen Bewohner dürften keinen Spass verstehen, wenn jemend deren Refugium durch die Decke anbohrt und überflutet.
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