Wärmere Meeresströmungen Antarktis verliert mehr Eis als befürchtet

Das Eis in der Antarktis geht dramatisch zurück - soviel ist sicher. Doch bisher dachten Experten: Der Osten des Kontinents ist recht stabil. Ein Irrtum, stellt nun eine Untersuchung fest.

Eiskante am Getz-Schelfeis in der Westantarktis (Archivbild)
NASA Operation IceBridge 2016 / DPA

Eiskante am Getz-Schelfeis in der Westantarktis (Archivbild)


Die Antarktis verliert deutlich mehr Eis als bisher angenommen. Ein internationales Forscherteam kommt zu dem Schluss, dass sich der jährliche Eisverlust seit den Achtzigerjahren etwa versechsfacht hat. Betroffen ist demnach nicht nur die Westantarktis, sondern überraschenderweise auch der bislang als eher als stabil geltende Osten des Kontinents. Ursache sind vor allem wärmere Meeresströmungen, wie das Team um Eric Rignot von der University of California in Irvine in den "Proceedings" der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften ("PNAS") berichtet.

Schon aus früheren Studien ist bekannt, dass die Antarktis viel Eis verliert, das trägt zum Anstieg des Meeresspiegels bei. Bisher gingen Forscher aber davon aus, dass vor allem die Westantarktis betroffen ist sowie die schmale Antarktische Halbinsel, die sich weit nach Norden Richtung Südamerika erstreckt.

Das Team um Rignot berechnete nun unter anderem aus Daten zu Eisdicke, Fließgeschwindigkeit und Schwerkraft eine Bilanz für 176 Becken am Rande des Antarktischen Eisschilds. Mit Hilfe dieser Ergebnisse ermittelten die Forscher dann den Masseverlust des gesamten Eisschildes von 1979 bis 2017. Demnach verlor er

  • im ersten Jahrzehnt (1979-1990) jährlich etwa 40 Milliarden Tonnen (Gigatonnen).
  • Im folgenden Jahrzehnt (1989-2000) waren es demnach etwa 50 Gigatonnen,
  • in der Dekade danach (1999-2009) sogar 166 Gigatonnen.
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Eisschmelze in der Antarktis: Am Taupunkt

Im letzten Zeitraum (2009-2017) geht das Team sogar von einem Masseverlust von 252 Milliarden Tonnen pro Jahr aus. Zum Vergleich: Der Bodensee enthält knapp 50 Milliarden Tonnen Wasser. Der aktuelle Wert übersteigt die Zahlen, die eine Forschergruppe im vorigen Juni im Fachblatt "Nature" vorgestellt hatte, deutlich. Dieses Team ging im Zeitraum von 2012 bis 2017 von einem Verlust von 219 Milliarden Tonnen pro Jahr aus.

Die Forscher um Rignot kalkulieren in der neuen Studie, dass der Eisverlust den Meeresspiegel von 1979 bis 2017 um etwa 14 Millimeter ansteigen ließ. Davon entfallen 6,9 Millimeter auf die Westantarktis, 2,5 Millimeter auf die Antarktische Halbinsel und 4,4 Millimeter auf die Schmelze in der Ostantarktis.

"Das ist sozusagen erst die Spitze des Eisbergs", sagte Rignot. Nehme der antarktische Eisschild weiterhin ab, sei in den kommenden Jahrhunderten ein Meeresspiegelanstieg von mehreren Metern allein durch die Antarktis zu erwarten. Der Zeitraum, auf den sich die Studie bezieht, sei der bislang längste zur Eismasse der Antarktis.

Stabil und gegen Veränderung gefeit?

Insgesamt konzentriere sich der Eisverlust auf jene Areale, die von warmem, salzreichen und tiefem Wasser erreicht würden. In der Ostantarktis ist demnach insbesondere der Bereich von Wilkesland betroffen.

"Unsere Beobachtungen stellen die traditionelle Sichtweise infrage, derzufolge der ostantarktische Eisschild stabil und gegen Veränderung gefeit ist", schreiben die Forscher. Daher solle man auch diesem Gebiet größere Aufmerksamkeit widmen. Insbesondere für die Region Wilkesland würden bessere Daten dringend benötigt, betonen sie.

"Die Studie bestätigt, dass sich in einigen Regionen die Gletscher beschleunigt haben. Dies verstärkt den Eisausfluss," sagt Martin Horwath von der Technischen Universität Dresden. Der Experte für Erdsystemforschung, der nicht an der Studie beteiligt war, hält die Untersuchung für die bisher umfassendste Abschätzung von Massenänderungen des Antarktischen Eisschilds mit der von den Forschern angewandten Methode. Allerdings sieht er in darin auch Schwächen. So blieben die Autoren Angaben schuldig, wie nah ihre aus den Hochrechnungen ermittelten Zahlen zur Eisbilanz den tatsächlichen Werten kommen.

joe/dpa



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