Klimawandel in der Antarktis Ein Koloss taut auf

Wenn er schmilzt, könnten zahlreiche Städte überflutet werden: Der Thwaites-Gletscher hat eine wichtige Bremsfunktion in der Antarktis. Jetzt meldet ein Expeditionsteam besorgniserregende Messergebnisse.
Thwaites-Gletscher auf einem Nasa-Satellitenbild (2018): Schmelzwasser in 30 Jahren fast verdoppelt

Thwaites-Gletscher auf einem Nasa-Satellitenbild (2018): Schmelzwasser in 30 Jahren fast verdoppelt

Foto: Jeremy Harbeck/ OIB/ NASA

Es ist eine der entlegensten und unwirtlichsten Gegenden der Welt, in der sich die Forscher befinden. Bei frostigen Temperaturen und extremen Winden führen Teams aus den USA und Großbritannien seit zwei Monaten Bohrungen am Thwaites-Gletscher in der westlichen Antarktis durch. Der Koloss bedeckt 192.000 Quadratkilometer - eine Fläche mehr als doppelt so groß wie Österreich.

Doch der Riese verliert jedes Jahr an Volumen. In den letzten 30 Jahren hat sich das Schmelzwasser, das aus dem Thwaites und den angrenzenden Gletschern in die Amundsensee fließt, fast verdoppelt. Bereits jetzt macht das verlorene Eis des Thwaites rund vier Prozent des globalen Meeresspiegelanstiegs aus. Allein der Zusammenbruch dieses Gletschers würde den Pegel der Meere um etwa 65 Zentimeter anheben.

"Wir wissen, dass erwärmtes Ozeanwasser viele Gletscher der Westantarktis erodiert, aber über den Thwaites sind wir ganz besonders besorgt."

Keith Nicholls, British Antarctic Survey

Die Forscher der "International Thwaites Glacier Collaboration" (ITGC) haben den Weg in die westliche Antarktis auf sich genommen, um herauszufinden, wie schnell ein solches Szenario eintreffen könnte. Und was sie vor Ort messen, macht ihnen große Sorgen: An der Grundlinie des Gletschers liegt die Temperatur des Wassers bereits mehr als zwei Grad über dem Gefrierpunkt. Als Grundlinie wird der Bereich bezeichnet, in dem der Gletscher von der Ruhephase auf dem Festgestein zur Ausbreitung auf dem Meer als Schelfeis übergeht.

Forschungsteam bei den Bohrarbeiten: Mit heißem Wasser durch das Eis

Forschungsteam bei den Bohrarbeiten: Mit heißem Wasser durch das Eis

Foto: David Vaughan/ British Antarctic Survey

"Wir wissen, dass erwärmtes Ozeanwasser viele Gletscher der Westantarktis erodiert, aber über den Thwaites sind wir besonders besorgt", sagt der britische Ozeanograf Keith Nicholls, der eines der Bohrungsteams leitet. Der Gletscher habe eine wichtige Funktion: Zusammen mit dem Pine-Island-Gletscher wirke er als Bremsklotz für den viel größeren westantarktischen Eisschild. Sollte dieser eines Tages schmelzen, könnten zahlreiche Küstenstädte wegen eines Meeresspiegelanstiegs von mehr als einem Meter überflutet werden. Deshalb, so Nicholls, sei es extrem wichtig, an zuverlässigen Vorhersagen für die Entwicklung des Thwaites zu arbeiten.

Roboter schwimmt zwei Kilometer unter dem Eis

Um an der Grundlinie des Gletschers Daten sammeln zu können, wurde mit heißem Wasser ein etwa 30 Zentimeter breites und 600 Meter tiefes Loch gebohrt. Allein diese Prozedur dauerte etwa 96 Stunden. Außerdem fanden Bohrungen an weiteren Stellen im Umkreis von zwei Kilometern statt.

Das Forschungsteam MELT setzte für die Messungen in der Tiefe unter dem Eis den Roboter "Icefin" ein. Mitte Januar schwamm das Gerät fast zwei Kilometer unter Thwaites umher. "Wir haben 'Icefin' so konzipiert, dass wir Zugang zu Orten erhalten, an denen Beobachtungen bisher fast unmöglich waren, an denen sich aber ein rascher Wandel vollzieht", sagt Britney Schmidt vom Georgia Institute of Technology in Atlanta.

"Das warme Wasser in diesem Teil der Welt sollte uns allen als Warnung vor den möglichen schrecklichen Veränderungen des Planeten dienen."

David Holland, New York University

Ein anderes Team entnahm fünf Meter lange Bohrkerne aus dem Sediment unter dem Gletscher, um seine Vergangenheit rekonstruieren zu können. Insgesamt sind im Rahmen der ITCG bislang fünf verschiedene Forschungsgruppen vor Ort aktiv.

Noch können die Wissenschaftler nicht mit Sicherheit vorhersagen, wie schnell Gletscher wie der Thwaites schmelzen werden. Doch schon jetzt wissen sie, dass der vom Menschen verursachte Klimawandel für den Rückgang ein Schlüsselfaktor ist. "Das warme Wasser in diesem Teil der Welt, so abgelegen er auch sein mag, sollte uns allen als Warnung vor den möglichen schrecklichen Veränderungen des Planeten dienen, die der Klimawandel mit sich bringt", sagte David Holland, einer der Expeditionsleiter, der "New York Times" .

jki
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