Anthropozän Geologen halten neues Erdzeitalter für erreicht

Klimawandel, Abholzung, Städtebau - die Menschheit verändert den Planeten Erde. Und zwar so stark, dass britische Geologen bereits von einem neuen Erdzeitalter sprechen - dem Anthropozän. Sie diskutieren jetzt über den sinnvollsten Zeitpunkt, der den Beginn der neuen Epoche markieren soll.

Erdgeschichtlich gesehen leben wir im Holozän. Diese Epoche begann vor etwa 11.000 Jahren und schloss sich an das Eiszeitalter an, das Pleistozän. 2002 erklärte der Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen, dass die Erde längst ein neues Zeitalter erreicht hat - das sogenannte Anthropozän. Die Menschheit habe die Erde so stark verändert, sagte der Niederländer, dass ein neues Erdzeitalter angemessen sei.

Nun hat eine Gruppe britischer Geologen Crutzens Vorschlag aufgegriffen und diskutiert im Fachblatt "GSA Today" mehrere Vorschläge, auf welchen Zeitpunkt oder welches Ereignis man den Beginn des Anthropozän legen könnte. So sei das Überschreiten eines bestimmten Levels der CO2-Konzentration ein möglicher in Frage kommender Punkt, schreiben Mark Williams von der University of Leicester und seine Kollegen.

Dass die Erde längst ein neues Zeitalter erreicht hat, ist für die Forscher klar. Sie verweisen unter anderem auf den Klimawandel, den dramatischen Anstieg der menschlichen Bevölkerung, das Verschwinden diverser Tier- und Pflanzenarten und massive geologische Eingriffe durch Flussbegradigung und Landwirtschaft. An den derzeit stattfindenden radikalen Veränderungen zweifelt kaum ein Forscher. Mancher fürchtet bereits den baldigen Verlust kompletter Klimazonen.

Wann aber sollte das Anthropozän, das vom Menschen dominierte Erdzeitalter, genau begonnen haben? Mit der Industrialisierung? Oder erst im 20. Jahrhundert? Man könnte das Jahr 1800 nehmen, schlagen Williams und seine Kollegen vor. Aus praktischer Sicht kämen aber auch singuläre Ereignisse in Frage, die ihre Spuren in Eiskernen und Sedimenten hinterlassen hätten. Als Beispiel nennen die Wissenschaftler die überirdischen Atomtests, die im 20. Jahrhundert stattfanden. Dabei wurden ganz bestimmte Isotope freigesetzt, die man auch noch in Jahrtausenden präzise nachweisen und so das Alter geologischer Schichten bestimmen kann.

Vulkanausbruch, CO2 oder Atombombentests?

Es gebe auch einen natürlichen Marker für den Beginn des Industriezeitalters, schreiben die Geologen. Im April 1815 brach der Vulkan Tambora in Indonesien in einer so gewaltigen Eruption aus, dass auf der Nordhalbkugel sogar der Sommer ausfiel. Ursache dafür war die in großen Mengen in die Atmosphäre geschleuderte Asche, die das Sonnenlicht und damit auch die Wärmestrahlung stark abschwächte. Auch dieser Auswurf lässt sich leicht identifizieren.

Was Crutzen 2002 anregte und britische Kollegen nun ganz konkret beschreiben, ist bei weitem nicht der erste Versuch, den menschlichen Einfluss stärker in der Nomenklatur der Geoforschung zu berücksichtigen. Erst im November hatten amerikanische Forscher eine radikale Neugestaltung geografischer Weltkarten gefordert. Sie sollen nicht mehr die herkömmlichen Vegetations- und Ökozonen zeigen, sondern auch den Einfluss des Menschen auf den Globus.

Die Einführung eines neuen Erdzeitalters ist unter Geologen durchaus umstritten. Die Diskussion darüber sei "überspitzt", sagte Thomas Litt von der Universität Bonn im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Der Mensch beeinflusst die Erde nicht erst seit 200 Jahren." Dramatische Einschnitte lägen teils Jahrtausende zurück, etwa die Abholzung der Wälder um das Mittelmeer. Dort gebe es schon lange keinen naturnahen Wald mehr.

Menschlicher Einfluss nicht neu

"Die Einführung eines Anthropozäns erscheint mir auch deshalb übertrieben, weil der Einfluss des Menschen regional sehr verschieden ist", sagte Litt. Es sei zudem nicht sinnvoll, das neue Erdzeitalter allein an den gestiegenen CO2-Werten festzumachen. "Betrachtet werden müssen auch Faktoren wie Bodenerosion und Versiegelung."

Für den Bonner Geologen besteht kein Bedarf zur Schaffung eines neuen Erdzeitalters. Das Holozän beinhalte den menschlichen Einfluss auf die Geo-Biosphäre ja bereits. "Das Holozän ist durch den modernen Menschen geprägt. Das gilt für frühere Warmzeiten innerhalb des Pleistozäns nicht."

Mit seiner Skepsis in Bezug auf das Anthropozän ist Litt nicht allein. Der Bonner Forscher arbeitet in der International Commission on Stratigraphy (ICS), die über die Definition geologischer Epochen entscheidet. Er ist Mitglied jener ICS-Komission, die sich mit dem Quartär beschäftigt, also dem jüngsten Zeitabschnitt der Erdgeschichte, zu dem auch das Anthropozän gehören würde. Litt: "Dort wurde das Thema noch nicht thematisiert."

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