Nachhaltige Architektur "Wir müssen wieder einfacher bauen" 

Moderne Gebäude sollen den Bedarf an bezahlbarem Wohnraum decken, gleichzeitig sollen sie aber umweltfreundlich und nachhaltig sein. Wie sieht die Architektur der Zukunft aus?

Nic Lehoux

Von


Zur Person
  • Henning Larsen
    Werner Frosch ist Architekt und Geschäftsführer der Münchner Niederlassung von Henning Larsen. Das dänische Architekturunternehmen ist international tätig und hat Gebäude wie die Oper in Kopenhagen oder das SPIEGEL-Haus in Hamburg entworfen. Bei den Projekten werden nach Unternehmensangaben Fragen der Nachhaltigkeit besonders berücksichtigt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Frosch, das SPIEGEL-Haus gilt als besonders energiesparend. Aber um ehrlich zu sein: Bei hohen Temperaturen im Sommer wünschen sich viele Kollegen eine Klimaanlage. Muss ich eigentlich bei nachhaltigem Bauen auf Komfort verzichten?

Frosch: Ich würde nicht sagen, dass man auf Komfort verzichten muss, sondern dass wir unsere Erwartungen anpassen sollten. Die Temperatursteuerung in Ihrem Büro funktioniert über Bauteilaktivierung. Das heißt: Wasserrohre in den Decken kühlen sie ab oder heizen sie auf. Das ist ein langsamer Prozess, ähnlich wie bei einer Fußbodenheizung, aber gerade dieser spart Energie. Zusätzlich gibt es noch Deckenelemente, die schneller kühlen. Aber der Nutzer muss sich erst mal auf solche Systeme einstellen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, wir sind selber schuld?

Frosch: Das ist hart ausgedrückt und trifft auch nur in Maßen zu. Das Problem bei den hoch technisierten Energiesparhäusern ist der Nutzer, der natürlich im Sommer das Bedürfnis hat, das Fenster aufzumachen. Energetisch ist das nicht optimal. Aber es gibt schon Antworten auf solche nachvollziehbaren Wünsche.

SPIEGEL ONLINE: Welche denn?

Frosch: Bei einem Bürogebäude in München haben wir eine Funktion eingebaut, die heißt "Green Leaf Button". Unter dieser Einstellung wird das Gebäude energetisch am effizientesten betrieben. Aber aus Komfortgründen können die Nutzer trotzdem mal das Fenster aufmachen oder den Sonnenschutz hochfahren. Die Gebäudesteuerung akzeptiert das, allerdings nur eine gewisse Zeit. Dann stellt sie das Gebäude wieder auf Optimalbetrieb um und der Sonnenschutz wird wieder heruntergefahren. Der Nutzer kann kurzfristig selbst das Innenklima beeinflussen, aber die Gebäudesteuerung hilft dabei, eine energieoptimierte Nutzung zu erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Dann muss ich mich also ans Schwitzen gewöhnen und mir für den Winter einfach mal einen Pulli einpacken?

Frosch: So weit würde ich nicht gehen. Aber ab und zu ist ein Winterpulli nicht schlecht - zumindest aus energetischer Sicht. Früher gab es unterschiedliche Temperaturzonen in einem Haus. Das Wohnzimmer und die Küche waren warm, im Flur und im Schlafzimmer war es eher kühl. Solche Zonen gibt es heute kaum noch. Die Erwartung, dass ein Gebäude in allen Bereichen für Bürokleidung wie Anzug und Hemd ausgelegt ist, muss man überdenken - zumindest, wenn man Energie sparen will. Aber eigentlich müssen moderne Bürogebäude im Winter kaum mehr aufgewärmt werden. Dreifachverglasung und modernes Dämmmaterial sorgen für eine sehr gute Isolierung. Durch die vielen Menschen und die Computer entsteht ein Großteil der Wärme von selbst.

SPIEGEL ONLINE: Ein anderes Thema ist Wasser. Wie lässt sich da sparen?

Frosch: Für die Toilettenspülungen kann man beispielsweise Regenwasser verwenden. Das gibt es in einigen Gebäuden schon, auch bei Ihnen im Haus. Man muss aber immer bedenken: Die Kosten müssen im Verhältnis zum Nutzen stehen. Für Regenwasserspülungen muss ich ein zweites Leitungssystem einbauen, das ist nicht bei jedem Gebäude sinnvoll. Es geht dabei nicht nur um höhere Baukosten, sondern auch um die Wartung, die unter Umständen einen Mehraufwand verursacht. Es gibt keine einfachen Musterlösungen. Jedes Gebäude muss individuell und entsprechend den Anforderungen von Auftraggebern und Nutzern geplant werden.

SPIEGEL ONLINE: Ein Bautrend derzeit sind umweltfreundliche Zertifikate. Was ist das?

Frosch: Dabei werden die Gebäude nach einem Punktesystem bewertet. Entscheidend ist nicht nur die Energiebilanz. Auch die verwendeten Materialien, ihre Langlebigkeit und Wiederverwertbarkeit sowie die Einbindung des Gebäudes in die Mobilitätsinfrastruktur spielen eine Rolle. Manche Investoren wollen so eine Zertifizierung vor allem, um ihre Gebäude besser vermarkten zu können. Der aufgeheizte Investorenmarkt ist problematisch.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Frosch: Einige Investoren denken eher kurzfristig. Ihnen geht es darum, ein Gebäude möglichst schnell zu entwickeln und hochzuziehen. Manchmal sind Häuser schon ein- oder zweimal verkauft, bevor sie überhaupt fertig sind. Da sind Zertifizierungen zunächst Marketinginstrumente. Wer aber nachhaltig plant, plant auch langfristig. Schon allein, weil sich umweltfreundliche Gebäude meist erst bei Laufzeiten von zehn, fünfzehn Jahren rechnen.

SPIEGEL ONLINE: Sie leisten sich in Ihrem Büro eine Abteilung für Nachhaltigkeitsforschung. Womit beschäftigen sich Ihre Kollegen?

Frosch: Schon bei den ersten Schritten der Gebäudeplanung ergibt sich ein hohes Energieeinsparpotenzial. Richte ich ein Gebäude auf einem Grundstück falsch aus, stelle es zu sehr gegen den Wind, kann das zu einer Erhöhung im Energieverbrauch führen. Neben solchen Fragen befassen sich die Ingenieure etwa mit dem Recycling von Materialen, den Tageslichtverhältnissen oder auch der Akustik. Teilweise ist das Grundlagenforschung. Im Prinzip planen wir für die Energieeffizienz in drei Phasen. Die erste befasst sich mit der grundlegenden Gebäudestruktur. Dann schauen wir auf technische Optimierung wie Beleuchtung oder spezielle Verglasung. An letzter Stelle steht das Produzieren von Energie - die Windkraftanlage auf dem Dach oder der Einsatz von Photovoltaik oder geothermischen Anlagen.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Beitrag kann Architektur bei globalen Umweltfragen überhaupt leisten?

Frosch: Einen sehr großen, denn weltweit wird sehr viel Energie ins Bauen gesteckt. Es geht nicht nur ums Gestalten. Wir müssen uns in der Architektur mehr mit der Frage beschäftigen: Wie lange sollen unsere Gebäude eigentlich halten? Ein Gebäude, das zwar energie- und kostenschonend ist, aber nach zehn Jahren wieder abgerissen wird, ist nicht sehr nachhaltig. Deshalb ist es wichtig, über die Lebenszyklen intensiver nachzudenken. Das passiert auch immer mehr. Aber die Herausforderungen sind weiter sehr groß. Denn nun werden auch Ressourcen wie Sand knapp, den wir für Beton benötigen. Wir brauchen Alternativen.

SPIEGEL ONLINE: Welche könnten das sein?

Frosch: Holz als Baustoff wird immer wichtiger, es kann etwa den Anteil von Beton mit seiner schlechteren Ökobilanz reduzieren. Zum Glück ändert sich das Bewusstsein bei diesem Rohstoff gerade. Man war bei Holz wegen des Brandschutzes lange skeptisch. Aber die heutigen Holzwerkstoffe sind feuerresistenter als ein Stahlbalken, wenn dieser nicht brandgeschützt ist. Das Holz glüht nur außen, das Innere ist ziemlich lange geschützt. Stahl kann dagegen plötzlich wegknicken. Heutzutage werden auch Hochhäuser in Holzbauweise errichtet. Das Material hält hohen Belastungen stand und kann sich inzwischen mit Beton und Stahl messen.

SPIEGEL ONLINE: Und wie sieht es mit dem Recycling von Gebäuden aus?

Frosch: In Kopenhagen verwenden wir die alten, roten Ziegelsteine von abgerissenen Gebäuden für neue Fassaden. Das kostet natürlich auch Geld und Energie. Aber ich verhindere so, dass es einen Brennprozess gibt, der noch mehr Energie verbraucht und CO2 freisetzt. Aber noch einmal: Bevor wir über das Recycling von Baustoffen reden, ist es wichtiger, an längeren Laufzeiten zu arbeiten. Denken Sie an Verkaufsflächen oder Hotels. Dort wird aus Image- oder Marketinggründen häufig in kürzeren Abständen vieles um- oder neu gebaut. Aber wir alle sind gefordert, unser Verhalten zu überdenken.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Beispiele?

Frosch: Ich bin selbst kürzlich mit meiner Familie umgezogen. Und ich war schockiert, wie viel Müll bei einem ganz normalen Umzug anfällt. Allein das Verpackungsmaterial für eine Küche ist enorm. Früher hatte man eine Kommode in der Familie, die wurde in die nächste Generation vererbt. Heute halten die meisten Möbel maximal ein paar Jahre. Es geht insgesamt um eine Bewusstseinsveränderung des Konsums - und eben auch des Konsums von Gebäuden.

SPIEGEL ONLINE: Braucht es am Ende mehr politische Regulierung im Bausektor?

Frosch: Das glaube ich nicht. Wir haben mit Energiesparverordnungen schon sinnvolle Vorgaben, die Wirkung zeigen. Aber angesichts der angespannten Lage auf dem städtischen Wohnungsmarkt braucht man auch bezahlbaren Wohnraum. Und Wohnungen werden durch nachhaltiges Bauen eher nicht billiger.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnte das ausgeglichen werden?

Frosch: Wir müssen vielleicht wieder einfacher bauen. In München gab es ein Pilotprojekt. Da sollten etwa die Elektroleitungen nicht in der Wand, sondern auf Putz verlegt werden - so wie früher. Aber es gibt DIN-Normen, die sagen: Die Leitungen müssen in die Wand, auch wenn es teurer ist. Mehr Regulierung führt sicher nicht zu mehr bezahlbarem Wohnraum, so lange dadurch nicht neue und zukunftsträchtige Herangehensweisen ermöglicht werden. Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit beim Planen und Bauen sind dabei Themen von zunehmender Wichtigkeit, die uns auch in den kommenden Jahren noch stark beschäftigen werden.



insgesamt 83 Beiträge
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Seite 1
rosabalou 03.06.2019
1. nachhaltiges Bauen.....
schön und gut. Zeige mir einer eine Baubehörde in Deutschland, die ungewöhnliche Ideen und Vorschläge genehmigt. Das dürfte in diesem Paragraphenland unmöglich sein. Selbst ein Gartenschuppen benötigt bei uns eine Baugenehmigung. Wir verwalten uns eh noch zu Tode..........
cyberpommez 03.06.2019
2. Bin mir nicht sicher,
ob solche Häuser wirklich sinnvoll sind. Wie sieht die Funktion eines High tech Hauses ohne Strom aus? Wie hoch ist der Wartungsaufwand? Ich kann mir leider viele Szenarien vorstellen, die solche Häuser sofort unbrauchbar machen, muss aber auch zugeben, dass ich von Bau wenig Ahnung habe. Das wiederverwerten von Baumaterialien macht sicher Sinn, auch wenn es evtl. teurer ist. Na ja, auf jeden Fall ein spannendes Thema.
Freier.Buerger 03.06.2019
3. Das ist das Ende von Dolce Vita
"Ich würde nicht sagen, dass man auf Komfort verzichten muss, sondern dass wir unsere Erwartungen anpassen sollten." Das römische Reich ging seinem Ende entgegen. Die Bäder und Thermen schlossen... Die Menschen passten ihre Erwartungen und Wohnträume an. Strohsack statt Fußbodenheizung sollte es für mehr als 1000 Jahre heißen. Ist das eine neue Folge von zurück in die Zukunft, nein es heißt jetzt vorwärts in die Vergangenheit. Kleine Häuser, wenig geheizt und nur besonders Privilegierte sind noch mobil und kommen selten raus aus ihrer Stadt.
Haarfoen 03.06.2019
4. Sehr blumige Ausführungen ...
Die Ausführungen des Kollegen lasten sehr stark au dem gewerblichen Bau, vorwiegend Bürogebäuden im Kontext mit halbwegs vernünftigen Investoren. Der Straßenkampf sieht anders aus. Plane ich im Studium eine sehr minimalistische und reduzierte Kiste, wird mit Einfallslosigkeit vorgeworfen. Spektakuläre Gebäude sind Trumpf und werden auch in Wettbewerben bevorzugt prämiert, perfekt ausgearbeitete Renderings beherrschen das Geschäft, 90% der Kollegen profilieren sich als Friseure. Beton ist hinsichtlich seiner Klimaschädlichkeit ein perverser Baustoff, aber überzeugen Sie mal einen Bauherrn bei einem Horror- Preis für das Grundstück auf den Beton- Keller zu verzichten. Jahrelang hat die Architektur schöne Bilder geliefert und irgendeinen postmodernen Quatsch gesabbert, stringente und intelligente Konstruktion genoss hingegen wenig Anerkennung.
Bakturs 03.06.2019
5. Behörden, Bauämter und ihre Macken
Was vielleicht bei Bürogebäuden noch geht, ist beim privaten Hausbau oft nicht möglich. Zumeist scheitern jegliche Innovationen und umwelt- und energietechnischen Optimierungen an veralteten Bebauungsplänen, Mauern im Hirn und Sessel-Pupsern im Bauamt. Auf meine Anregungen zu einem optimierten Bauplan bzgl. Dachschräge, Hausausrichtung und Heizungsmethode wurde mir ein Bebauungsplan von 1960 unter die Nase gehalten mit dem Kommentar: "Der gilt noch und man hat sich danach zu richten." Meine Antwort, dass hier für die Wetterseite asbesthaltige Eternit-Platten vorgesehen sind und ob ich diese ebenfalls verbauen muss, fand er dann nicht witzig. Das Ende vom Spiel: Keine Optimierung nach den neusten Erkenntnissen, weil ein Behörden-Fuzzi sich an den Richtlinien hält und keinen Millimeter davon abweicht.
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