Greenpeace-Schiff in Russland Gefangen auf der "Arctic Sunrise"

Russlands Behörden ermitteln gegen die Crew des Greenpeace-Schiffs "Arctic Sunrise". Es geht um die Protestaktion an einer Ölplattform. Noch immer darf keiner der Aktivisten das Schiff verlassen. Greenpeace-Chef Kumi Naidoo wendet sich nun direkt an Präsident Putin.

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Das schönste Gesicht von Njagan ist Marija Scharapowa. Der westsibirische Ort ist die Heimat des Tennisstars, viel mehr weiß die Welt nicht von dieser Kleinstadt, in der sich am Dienstag Russlands Präsident Wladimir Putin und sein finnischer Kollege Sauli Niinistö treffen. Und dass es dort, irgendwo im Nirgendwo, immense Ölvorkommen gibt. Offiziell weihen die beiden Staatslenker ein riesiges Gaskraftwerk ein, das der finnische Energiekonzern Fortum dort aus dem Tundraboden gestampft hat. Doch auch eine junge Frau wird die beiden wohl beschäftigen - und es ist nicht die blonde Tennisqueen Scharapowa, sondern die junge Finnin Sini Saarela.

Saarela hatte in der vergangenen Woche versucht, mit Kollegen auf die russische Ölplattform "Prirazlomnaya" zu klettern. Und nach einem Einsatz des Inlandsgeheimdienstes FSB gehört sie zu den Umweltaktivisten, die mittlerweile außerhalb der Stadt Murmansk auf dem Schiff "Arctic Sunrise" festgehalten werden. Seit vergangenem Donnerstag haben die russischen Behörden die Crew des Bootes in ihrer Gewalt - allerdings existierten tagelang keine Haftbefehle. Was genau den Aktivisten vorgeworfen wird, ist damit noch immer unklar: "Bisher gibt es noch keine offiziellen Anschuldigungen. Das ist eine bemerkenswerte Situation", sagte der Chef der Greenpeace-Rechtsabteilung, Jasper Teulings, am Dienstagmittag SPIEGEL ONLINE.

Droht ein Prozess wie bei Pussy Riot?

Die 30-köpfige Crew kommt aus 18 verschiedenen Ländern. Diplomaten aus sieben der betroffenen Staaten seien inzwischen von den Russen eingeladen worden, das Schiff zu inspizieren und mit der Besatzung zu sprechen, heißt es aus Murmansk. Im Raum steht ein schwerer Vorwurf: Piraterie.

Die zuständige Ermittlungsbehörde veröffentlichte am Dienstag eine Erklärung, wonach sie unter anderem wegen dieses Vergehens ermittle. Die gesamte Besatzung an Bord des Schiffes solle dazu zunächst befragt werden, anschließend wolle man "die aktivsten" der Crewmitglieder festsetzen. Und ein Blick auf das russische Strafgesetzbuch - Paragraf 227, Absatz 3 - zeigt, was diesen Umweltschützern dann blühen könnte: Die Maximalstrafe liegt bei 15 Jahren Haft. Dazu könnte außerdem noch eine Geldstrafe kommen.

Ob Russlands Behörden tatsächlich mit solcher Macht gegen die Aktivisten vorgehen werden, ist noch nicht klar. Erst die kommenden Tage werden zeigen, ob die Angelegenheit womöglich gar das Format des Prozesses gegen die Protest-Band Pussy Riot bekommen könnte.

Deren Frontfrau Nadeschda Tolokonnikowa sitzt derzeit in Isolationshaft. Die russischen Ermittlungsbehörden verweisen darauf, dass die Besatzung der "Arctic Sunrise" - eines Schiffes "voller Elektronik mit unklarer Verwendung", wie sie sagen - nichts weniger als die "Stürmung" der Ölplattform vorbereitet hätte. Das habe nicht nur eine Verletzung der russischen Souveränität, sondern auch eine potentielle Umweltgefahr bedeutet, erklärte Wladimir Markin, ein Sprecher der Ermittlungsbehörde.

Bisher hatten sich die russischen Behörden und Gazprom, die Betreiberfirma der Plattform, in der Angelegenheit sehr wortkarg gezeigt - und damit den Umweltschützern weitgehend die Deutungshoheit überlassen. Greenpeace beharrt darauf, dass man nur außen an der Plattform habe protestieren wollen. Und dass die russische Aktion gegen die "Arctic Sunrise" rechtswidrig war. Tatsächlich haben mehrere Völkerrechtler zumindest Zweifel an Teilen des russischen Vorgehens - auch wenn die Rechtslage wohl nicht ganz so eindeutig ist, wie es die Umweltschutzorganisation darstellt.

Protest mit voller Härte gestoppt

Für Greenpeace liefert der mit aller Härte gestoppte Protest in der Arktis freilich auch Bilder, die der Organisation bei der Mobilisierung von Unterstützern nützen. Nach Protesten vor russischen Botschaften in zahlreichen Ländern startete die Organisation am Dienstag nun vor der deutschen Gazprom-Zentrale in der Berliner Innenstadt eine medienwirksame Aktion. Aus einem Mini-Bohrturm ließ man eine schwarze Flüssigkeit sprudeln, um gegen Ölbohrungen in der Arktis zu protestieren.

Denn darum geht es bei der ganzen Angelegenheit: Russland hofft hoch im Norden auf riesige Vorkommen, vor allem geht es um Gas, die mit internationalen Partnern erschlossen werden sollen. Und die Umweltschützer wollen das verhindern - indem sie auf die Risiken verweisen, die den polaren Ökosystemen im Fall eines Unglücks drohen.

Greenpeace-Chef Kumi Naidoo wendet sich nun direkt an den russischen Staatschef: "Wir fordern Präsident Putin auf, unsere Aktivisten sofort freizulassen." Nach vier Tagen ohne Kontakt zur "Arctic Sunrise" sei er "tief besorgt", so Naidoo zu SPIEGEL ONLINE. "Nun, wo unser Schiff in Sichtweite von Murmansk liegt, hoffen wir, dass unsere Anwälte sofortigen Zugang zu unseren Aktivisten haben." Naidoo war im Sommer 2012 selbst auf die "Prirazlomnaya"-Plattform geklettert, an der die "Arctic Sunrise" in der vergangenen Woche protestiert hatte.

Putin hat sich bisher in der Angelegenheit nicht geäußert. Zusammen mit dem Finnen Niinistö will er nach der Kraftwerkseinweihung in Njagan am Donnerstag weiter nach Norden reisen. In der Stadt Salechard nehmen beide zusammen mit ihrem isländischen Kollegen Òlafur Ragnar Grímsson, einem Intimus Putins, an einer Konferenz teil. Es geht um Dialog in der Arktis. Und um Umweltschutz.

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Mit Material von AP

insgesamt 37 Beiträge
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WernerT 24.09.2013
1. 10. Artikel zum Thema
und immer wieder muss der SpON feststellen, dass die Piratenaktion von Green Peace wohl in keinem guten Licht darstellbar ist, auch wenn man 90% der Kommentare verwirft, damit es nciht allzu schlimm für Green Peace aussieht. War nun nicht clever von GP auf Piraterie umzusteigen, Land-/Hausfriedensbruch ist da einfacher.
juergenhesse 24.09.2013
2. Verscherbeln
Zitat von sysopAP/ GreenpeaceRusslands Behörden ermitteln gegen die Crew des Greenpeace-Schiffs "Arctic Sunrise". Es geht um die Protestaktion an einer Ölplattform. Noch immer darf keiner der Aktivisten das Schiff verlassen. Greenpeace-Chef Kumi Naidoo wendet sich nun direkt an Präsident Putin. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/arctic-sunrise-greenpace-chef-naidoo-macht-druck-auf-putin-a-924234.html
Die Kanadier verscherbeln ihre Eigentuemer an die Chinesen und Ihr kuemmert Euch um Eure Energie Versorgung. Die wollen nur ihren Vorteil. Good Luck.
mursilli 24.09.2013
3. Schönfärberei
Zitat von sysopAP/ GreenpeaceRusslands Behörden ermitteln gegen die Crew des Greenpeace-Schiffs "Arctic Sunrise". Es geht um die Protestaktion an einer Ölplattform. Noch immer darf keiner der Aktivisten das Schiff verlassen. Greenpeace-Chef Kumi Naidoo wendet sich nun direkt an Präsident Putin. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/arctic-sunrise-greenpace-chef-naidoo-macht-druck-auf-putin-a-924234.html
Greenpeace ist ein veritabler Konzern mit hohem Cash Flow. Die sog. "Umweltaktivisten" sind Angestellte, die mit spektakulären Aktionen das PR-Geschäft betreiben, um das Spendenaufkommen zu erhöhen und Anreiz für Stiftungen zu schaffen. Greenpeace ist sein eigenes Geschäftsmodell. Wer sich einmal näher mit der NGO-Industrie beschäftigt, wird aus dem Staunen nicht mehr herauskommen.
el-gato-lopez 24.09.2013
4. Klassisches Missverständnis
Zitat von sysopAP/ GreenpeaceRusslands Behörden ermitteln gegen die Crew des Greenpeace-Schiffs "Arctic Sunrise". Es geht um die Protestaktion an einer Ölplattform. Noch immer darf keiner der Aktivisten das Schiff verlassen. Greenpeace-Chef Kumi Naidoo wendet sich nun direkt an Präsident Putin. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/arctic-sunrise-greenpace-chef-naidoo-macht-druck-auf-putin-a-924234.html
Mal wieder culture clash in Sachen Verhandlungskultur. NGOs im Westen sind sich gewohnt nach dem Motto "je lauter, desto besser" vorzugehen. Sprich man gibt sich besonders empört und prangert lauthals (vermeintliches) Unrecht gegen eigene Mitglieder an. IdR erzeugt man damit genügend "public outrage" in den Medien, um Druck auf die Politiker auszuüben. Nur funktioniert das ausserhalb unseres Demokratie- und Wohlstandsbiotops herzlich schlecht. Im Zweifel heisst es in Russland einfach "schliesst dir Reien", man wird betonen, dass das "westliche Agenten" o.ä. sind, die den Russen den Öl-Wohlstand nicht gönnen und Herr Putin kann sich als starker Staatsmann inszenieren, je hysterischer Greenpeace tut....
silence_dirk 24.09.2013
5. Kampf an der falschen Front
Das primäre Problem ist ein ganz anderes ... http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=26956
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