Arktis Eis-Hurrikane bedrohen Schiffe im Nordmeer

30 Grad unter Null, riesige Wellen, tosende Gewitter: Über dem Nordmeer kommen Hurrikane aus heiterem Himmel. Die Schneestürme könnten das Verschwinden Hunderter Schiffe erklären. Eine neue Zählung zeigt, wie häufig die eisigen Wirbel sind.

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Eben noch schien die Sonne vom blauen Himmel, der arktische Ozean glitzerte friedlich. Doch plötzlich zieht ein minus 30 Grad kalter Schneesturm auf, er lässt das Meer gefrieren, Eisschollen treiben umher. Die See türmt sich meterhoch, Gewitter donnern, Windhosen wirbeln. So beschreiben Seeleute das Aufziehen sogenannter Arktis-Hurrikane.

Lange rätselten Wissenschaftler über das Verschwinden von Schiffen im Nordmeer. Im 17. Jahrhundert ertranken Hunderte Fischer in einem jäh hereinbrechenden Orkan im Nordmeer. Erst in den siebziger Jahren gaben Satellitenbilder Aufschluss: Sie zeigten Wolkenwirbel mit einem Auge in ihrer Mitte - Tiefdruckgebiete, die aussahen wie kleine Versionen tropischer Wirbelstürme. Ab 54 Kilometern pro Stunde - das entspricht Windstärke sechs bis sieben - wird ein Sturm als Polartief oder Arktis-Hurrikan bezeichnet. Wirbelstürme in den Tropen gelten ab 119 Kilometer pro Stunde Windgeschwindigkeit als Hurrikan.

Die Arktis-Hurrikane gerieten in den Verdacht, für viele Schiffskatastrophen verantwortlich zu sein. Laut einer Studie, die 1985 im Klimafachmagazin "Tellus" erschienen ist, sanken alleine in den ersten 85 Jahren des vergangenen Jahrhunderts 56 Boote in arktischen Gewässern, 342 Seefahrer ertranken. Oft war nach dem Verschwinden der Leute nichts von Stürmen bekannt geworden. Dass aus heiterem Himmel Orkane übers Meer gefegt sein könnten, erschien als Seemannsgarn.

Polarsturm legt Großbritannien lahm

Doch mindestens zwei Schiffskatastrophen im Nordmeer führen Forscher mittlerweile auf die mysteriösen Arktis-Stürme zurück: Das Sinken von sieben Booten vor Ost-Grönland binnen eines Tages im Jahr 1954 und das Verschwinden des Fischkutters "Gaul" mit 36 Mann Besatzung 1974.

Über Land erlahmen die Stürme meist. Im Februar 1969 jedoch zog ein eisiger Wirbel mit 218 Kilometern pro Stunde über Schottland, was der zweithöchsten Stärke von Hurrikanen in der Karibik entspricht. Im Januar 2003 legte ein heftiger Schneesturm in Großbritannien Flughäfen, U-Bahnen, Schulen, Straßenverkehr und die Stromversorgung lahm.

Wie häufig Gefahr droht, ist kompliziert zu ermitteln - die Polartiefs sind aus mehreren Gründen schwer zu entdecken, denn das abgelegene Nordmeer wird nur von wenigen Beobachtungssatelliten überflogen. Messungen von Schiffen oder Flugzeugen sind selten. Zudem sind die Wirbel relativ klein, meist nicht größer als 300 Kilometer. So kenterten manche Schiffe im Schneesturm, während andere in der Nähe nichts von dem Unwetter abbekamen. Die Polartiefs bestehen oft nur einen halben Tag, etwa 15 Stunden. Zudem entwickeln sie sich meist im Winter, wenn es dunkel ist.

Eisige Fallwinde als Auslöser

Inzwischen aber lassen sich die meisten Arktis-Hurrikane entdecken, sagt Matthias Zahn von der University of Reading in Großbritannien. Zusammen mit seinem Kollegen Hans von Storch vom Forschungszentrum GKSS in Geesthacht hat er nachgezählt: 50 bis 60 arktische Hurrikane wirbeln pro Jahr über das Nordmeer, die meisten zwischen Oktober und April, schreiben die Forscher im Wissenschaftsblatt "Nature".

Gestartet werden die Mini-Hurrikane meist von eisigen Fallwinden mit knapp minus 30 Grad Celsius, die von Grönland aus übers Meer in Richtung Süden fegen. Über dem Nordmeer, das vor Grönland eine Temperatur von etwa acht Grad hat, saugt sich die Luft mit Wärmeenergie voll. Der große Temperaturunterschied von fast 40 Grad sorgt für mächtigen Auftrieb: Die feuchte Meeresluft steigt hoch, und sobald sich Wolken bilden, setzt die Luft Energie frei, die den Aufstieg der Luft weiter ankurbelt. Die Erddrehung zwingt die Wolken in eine Rotation. Das Auge des Wirbels saugt immer mehr Luft an, so dass die Luftmassen stärker wirbeln.

Klimawandel als Hurrikan-Bremse

Die Studie von Zahn und von Storch zeigt nun, dass den polaren Hurrikanen häufiger der Treibstoff fehlen wird. Mit Computermodellen, die auch Klimaprognosen für die Vereinten Nationen errechnen, haben die Forscher die Entwicklung über dem Nordmeer bis zum Jahr 2100 durchgespielt.

Aufgrund der Klimaerwärmung wird es demnach immer weniger Mini-Hurrikane geben: Gelangen weiterhin ungebremst Treibhausgase aus Autos, Wohnungen, Kraftwerken und Fabriken in die Luft, wird sich das Klima deutlich erwärmen - das zeigen die Modelle. Die Luft gewinnt dabei schneller an Temperatur als das Meer. Der Temperaturunterschied zwischen den eisigen Grönland-Fallwinden und dem Ozean verringere sich dadurch um fast zwei Grad - und damit auch der der Antrieb der Stürme.

Anstatt 50 bis 60 würden Ende des Jahrhunderts nur noch halb so viele Arktis-Hurrikane entstehen, so die Forscher. Einstweilen jedoch müsse im Winter weiterhin mit etwa zehn Polarwirbeln pro Monat gerechnet werden, sagt Zahn.

Eine bessere Warnung ist erforderlich, meint Erik Wilhelm Kolstad von der Universität Bergen, der die Auswirkungen der Arktis-Hurrikane erforscht hat. Denn immer mehr Schiffe und Bohrinseln bevölkern das Nordmeer. Und trotz Satellitenbeobachtung stechen im hohen Norden noch immer Seeleute bei blauem Himmel in See, um kurz darauf von einem eisigen Sturm überrascht zu werden.

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