Arktis-Gebietsforderungen Zweckehe bringt Amerikaner und Kanadier zusammen

Eigentlich sind sie sich in der Arktis spinnefeind - und streiten um den Status der Nordwestpassage. Nun aber schließen sich Amerikaner und Kanadier für einen wochenlangen Messeinsatz zusammen. Sie haben ein gemeinsames Interesse: Sie wollen Daten für spätere Gebietsforderungen sammeln.
Eisbrecher "Healy"(im Mai 2007): Zusammenarbeit in der Arktis

Eisbrecher "Healy"(im Mai 2007): Zusammenarbeit in der Arktis

Foto: AP / U.S. Coast Guard

Großmachtstellung sieht anders aus. Seit rund zwei Jahren dümpelt die "USCGC Polar Star" am Pier 36 des Hafens von Seattle vor sich hin. Der mehr als 120 Meter lange rot-weiße Riese, der in der Lage ist, bis zu sechs Meter dickes Eis zu brechen, ist aus Altersgründen im Wartestand. Seine Zukunft ist ungewiss. Dem Schwesterschiff, der "Polar Sea", geht es kaum besser. Immerhin wurde sie in den vergangenen Wochen für 6,3 Millionen Dollar notdürftig auf Vordermann gebracht - trotzdem liegt sie noch in der Werft.

Die USA haben damit derzeit nur einen einzigen Eisbrecher im Einsatz, die "Healy". Politische Beobachter prangern bereits eine "Eisbrecher-Lücke" an - und verweisen auf die allein sieben Atomeisbrecher, über die Russland verfügt. Doch nun holt sich Washington technische Unterstützung im Ausland. Ab dem Wochenende soll die "Healy" nach Angaben des Geologischen Dienstes der USA (USGS) gemeinsam mit dem kanadischen Eisbrecher "Louis S. St. Laurent" den Meeresboden im Arktischen Ozean untersuchen.

Es ist eine Zweckehe, die Kanadier und Amerikaner für die Datensammlung am Ozeanboden bilden. Eigentlich sind sich beide Staaten in der Arktis spinnefeind. Sie streiten um den völkerrechtlichen Status der Nordwestpassage: Die Kanadier beharren darauf, dass nicht nur die Inselwelt im hohen Norden zu ihrem Staatsgebiet gehört, sondern auch die Wasserwege dazwischen, also die Passage. Die Amerikaner zweifeln das an - und sehen die Passage als internationale Wasserstraße, die von jedem nach Belieben genutzt werden kann. Um die eigene Position zu stärken hatten die Kanadier vor wenigen Tagen ihren Einflussbereich in der Arktis gehörig ausgeweitet.

Das Ziel der Mission: Daten für mögliche Gebietsforderungen bei der Uno sammeln. Während Kanada bereits ganz offiziell an solch einem Antrag werkelt, der bis zum Dezember 2013 vorliegen muss, geht es bei den Amerikanern einstweilen nur um Vorarbeiten. Das Land hat bis heute die entscheidende Uno-Seerechtskonvention nicht ratifiziert. Zumindest bis zur Präsidentschaftswahl in diesem Herbst dürfte das wohl auch nicht passieren, glauben Beobachter wie George Newton, der frühere Chef der Arctic Research Commission.

Perspektivisch wird aber auch Washington dem Abkommen beitreten, gegen das sich bislang vor allem einflussreiche Senatoren gesperrt hatten - aus Angst, dass die USA zu viel Souveränität aufgeben würde, wenn sie etwa vor den Internationalen Seegerichtshof in Hamburg gezerrt würden. Doch nun locken Öl und Gas - immerhin 22 Prozent der noch nicht bekannten Lagerstätten sollen sich nach einer USGS-Schätzung in der Arktis befinden.

Ein Beitritt zur Uno-Konvention würde Washington ohne Zweifel Vorteile bringen - nämlich die Möglichkeit, Gebietsforderungen im hohen Norden zu stellen. Dafür sammelt die "Healy" bereits seit dem Jahr 2003 still und heimlich Daten. Washington interessiert sich vor allem für das Chukchi-Plateau, eine unterseeische Erhebung, etwa 800 Kilometer nördlich der Küste Alaskas.

Die Amerikaner dürften diesen Bereich ihrem Staatsgebiet hinzufügen, wenn sie beweisen können, dass sich der Kontinentalsockel unter Wasser bis zum Plateau fortsetzt. Dabei soll nun also der gemeinsame Messeinsatz mit den Kanadiern helfen. Die brauchen ebenfalls Daten, etwa für das Seegebiet vor der Banksinsel. "Das Zwei-Schiffs-Experiment erlaubt den USA und Kanada, sich gegenseitig ergänzende Daten zu sammeln und zu teilen", erklärt Deborah Hutchinson vom USGS. Das sei besonders vorteilhaft in Gegenden des Arktischen Ozeans, in denen die Datensammlung teuer, logistisch kompliziert und möglicherweise auch gefährlich sein könnte.

Je nach Eislage und Abschnitt der gemeinsamen Fahrt soll mal das eine Schiff die Führungsarbeit beim Eisbrechen übernehmen, mal das andere. Ein zehnseitiges Dokument regelt minutiös alle offenen Fragen .Auch bei der Forschung sollen sich beide Schiffe ergänzen: Auf der "Healy" kommt ein Multibeam-Sonar zum Einsatz. "Im Gegensatz zu konventionellen Echoloten, die die Wassertiefe direkt unter dem Schiff messen, sammelt das Multibeamsystem einen drei Kilometer breiten Streifen entlang der Schiffsroute", erklärt der zuständige Chef-Wissenschaftler Jonathan Childs.

So entsteht ein dreidimensionales Bild des Ozeanbodens. Auf der "Louis S. St. Laurent" werden seismische Daten des Ozeanbodens und der darunterliegenden Gesteinsschichten gesammelt. Dazu werden mit sogenannten Luftpulsern Schallwellen ins Wasser gesendet. Spezielle Mikrofone fangen dann die von den verschiedenen Schichten reflektierten Signale wieder auf.

Ob die Zusammenarbeit wirklich so reibungslos funktioniert, wird man sehen. Die Kanadier zumindest haben bereits in der Vergangenheit gezeigt, dass sie bei der Datensammlung in der Arktis wenig Berührungsängste haben. So schickten sie bereits zwei gemeinsame Messmissionen mit den Dänen los. Dabei streiten beide Staaten eigentlich auch - und zwar über den Status der Hans-Insel, einem von Stürmen gepitschten Brocken Land zwischen Grönland und der kanadischen Ellesmere-Insel.

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