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Gebietsansprüche: Der Kampf um die Arktis

Foto: NASA/ dpa

Arktis-Konferenz Moskaus eiskalte Charmeoffensive

In der Arktis vermuten Geologen riesige Öl- und Gasvorkommen - Russland, Kanada und Dänemark streiten, wer die Schätze heben darf. Mit einem diplomatischen Schachzug will Moskau die Rivalen jetzt ausstechen: freundlich im Ton, hart in der Sache.

Moskau - Der Druck ist mörderisch, es ist finster und kalt. Zwar liegt das Streitobjekt in mehreren Kilometern Tiefe - trotzdem sorgt ein unterseeisches Gebirge nahe des Nordpols seit Jahren für diplomatische Verwerfungen erster Güte: Der Lomonossow-Rücken verläuft am Boden des Arktischen Ozeans zwischen Russland auf der einen Seite sowie Grönland und Kanada auf der anderen. Alle drei Staaten sehen in dem verborgenen Höhenzug eine Fortsetzung ihrer Landmasse unter Wasser. Moskau, Ottawa und Kopenhagen streiten darüber, wer Anspruch auf das Areal erheben darf.

Nun will Russland die Aufteilung des hohen Nordens mit einer Charmeoffensive voranbringen. Der Zwist um das Gebirge ist zum Symbol des Ringens um die Arktis geworden, wo Geologen rund ein Viertel der noch nicht entdeckten Öl- und Gasvorkommen der Welt vermuten.

Zusätzlich zum Streit um den Lomonossow-Rücken gibt es weitere Seegebiete, bei denen sich die Beteiligten nicht einigen können. Auf einer großen Arktis-Konferenz in Moskau bemühen sich die Russen nun um betont freundliche Töne.

"Wir sollten versuchen, gegenseitig akzeptable Lösungen zu finden", sagte der sonst besonders kämpferische Polarforscher Artur Tschilingarow zur Eröffnung des zweitägigen Treffens an diesem Mittwoch. Vor nicht allzu langer Zeit hatte der Sonderbeauftragte von Präsident Dmitrij Medwedew noch ganz anders geklungen: Die Arktis sei russisch, gab Tschilingarow nach einer Tauchfahrt zum Boden des Arktischen Ozeans im Sommer 2007 zu Protokoll. Nun schmeichelt er, zum Dialog in der Polarregion gebe es keine Alternative.

Betonte Diplomatie

Ministerpräsident Wladimir Putin hat sich für Donnerstag im Konferenzzentrum an der Moskauer Lomonossow-Universität angesagt. Auch seine Rede, bei der Journalisten nur per Videoübertragung zusehen dürfen, wird vermutlich betont diplomatisch ausfallen - schließlich haben Norweger und Russen vor einer Woche einen jahrzehntelangen Grenzstreit in der Barentssee friedlich gelöst. Der Vertrag zwischen beiden Ländern legt fest, dass das umstrittene Gebiet - 175.000 Quadratkilometer groß - ungefähr zu gleichen Teilen den beiden Staaten zugeschlagen wird. Putin wird das noch einmal gebührend zu feiern wissen.

Einige Beobachter sehen Moskaus neuen Arktis-Kurs durchaus wohlwollend: Der kanadische Politikwissenschaftler Michael Byers von der University of British Columbia bezeichnete das russische Kooperationsangebot auf der Arktis-Konferenz als "ehrlich". Grund dafür sei einfacher Pragmatismus. Moskau könne auf "signifikante Gewinne" hoffen, wenn das internationale Seerecht angewendet werde, sagte der Wissenschaftler im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Das Problem: Gerade hat Kanadas Außenminister Lawrence Cannon bei einem Besuch in Moskau den Anspruch seines Landes auf den Lomonossow-Rücken bekräftigt. Und diesen Anspruch werde Ottawa auch beweisen, sagte Cannon. Russland und Dänemark planen das freilich auch.

Mangelhafte Datenlage

Und deswegen kommt die wichtigste Aufgabe für die russische Arktis-Diplomatie erst noch: Im Jahr 2013 will Moskau bei der Uno ein riesiges Seegebiet in der Arktis unter seine Kontrolle bringen. Ein erster Antrag war im Jahr 2001 wegen mangelhafter Daten zurückgewiesen worden. Deswegen sammeln russische Wissenschaftler nun weitere Messwerte. Derzeit ist das Forschungsschiff "Akademik Fedorow" in der Arktis unterwegs.

Zumdem will die russische Regierung in den kommenden Tagen eine neue Driftstation auf dem arktischen Eis ("NP-38") aussetzen lassen. Amerikaner und Kanadier haben in diesem Sommer ebenfalls eine gemeinsame Messmission mit zwei Eisbrechern gestartet.

Dänemark plant im nächsten Sommer ebenfalls wieder einen Messeinsatz mit zwei Schiffen in der hohen Arktis: "Nördlich und nordöstlich von Grönland gibt es noch Gebiete, wo wir keine Daten haben", sagt Christian Marcussen vom Geologischen Dienst Dänemarks, der sich um die unterseeischen Vermessungsarbeiten kümmert. "Die Daten müssen wissenschaftlich korrekt eingesammelt und ausgewertet werden", sagt Marcussen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Nur so lasse sich die zuständige Uno-Kommission überzeugen.

Immer wieder schrammen russische und Nato-Jets aneinander vorbei

Allerdings darf die Kommission keine Streitigkeiten klären. Vielmehr müssen sich die Staaten untereinander einigen. "Diese Dinge werden leise und effizient am Verhandlungstisch geklärt werden", versprach Anton Wasiliew, Russlands Vertreter im Arktischen Rat bei der Moskauer Konferenz. Doch das dürfte nicht immer einfach sein, ungeachtet des norwegisch-russischen Verhandlungserfolgs. Das Problem eines möglichen Militärkonfliktes in der Arktis ist noch längst nicht gelöst. Immer wieder schrammen russische und Nato-Militärflugzeuge um Haaresbreite aneinander vorbei.

Kanada und Dänemark wollen ihre polaren Streitkräfte stärken. Und Russland hat im vergangenen Jahr angekündigt, bis zum Jahr 2020 Spezialstreitkräfte im hohen Norden stationieren zu wollen - auch wenn sich Regierungsvertreter vor der Arktis-Konferenz auch hier um rhetorische Abrüstung bemühten. "All das Gerede über eine Militarisierung der Arktis hat mit der Realität nichts zu tun", erklärte Wasiliew.

Wie aber die Situation jenseits der freundlichen Politikerstatements aussehen kann, beschreibt eine Episode aus der vergangenen Woche, die im britischen "Telegraph" nachzulesen ist: Demnach hat sich im arktischen Ozean ein fliegender russischer U-Boot-Jäger vom Typ Il-38 mit voller Bewaffnung dem US-Kriegsschiff "USS Taylor" bis auf wenige Dutzend Meter genähert.

Einen Tag später folgte dann ein ähnlich dramatischer Kontakt mit einem Ka-27 Anti-U-Boot-Helikopter. Dabei hatte die rund 140 Meter lange US-Fregatte zuvor auf Einladung der Russen im Hafen von Murmansk festgemacht - um die Freundschaft der Länder und die Zusammenarbeit im Zweiten Weltkrieg zu feiern.

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