Arktis Nordmeer verliert seinen Eisschild

Dem Namen nach sollte ewiges Eis dauerhaft gefroren bleiben. Doch in der Arktis schmilzt es - sogar schneller als befürchtet. In den letzten anderthalb Jahren ist das dauerhafte Packeis um 14 Prozent zurückgegangen. Forscher fragen sich nun: War das nur ein Ausnahmefall?
Von Andreas Kohler

Sie verstärken sich gegenseitig: der Klimawandel und natürliche Wetterschwankungen. Auf Spitzbergen wurde das in diesem Jahr besonders deutlich: Wegen einer außergewöhnlichen Warmwetterlage war auf den Inseln des europäischen Polarmeeres der Frühling fast 13 Grad wärmer als sonst - sicher ein Extremereignis. Auch wenn Wissenschaftler schon seit fast 30 Jahren beobachten, dass das arktische Meereseis schmilzt. Der Grund: Wegen der globalen Erderwärmung wird es im Norden immer wärmer. Der Frühling auf Spitzbergen war zwar außergewöhnlich; doch auch 2005 war bereits ein Rekordjahr.

Im September 2005 war in der Nordpolarregion die kleinste Fläche mit Eis bedeckt, seit Satellitenaufnahmen Ende der siebziger Jahre die Beobachtung möglich gemacht haben. "Die jüngsten Veränderungen beim arktischen Meereseis sind dramatisch", sagte Son Nghiem von der US-Raumfahrtbehörde Nasa, der zusammen mit anderen Forschern den Rückgang der Vereisung dokumentiert hat. Wenn das dauerhafte Packeis in der Nordpolarregion immer weiter verschwinde und das Meer nur noch im Winter großflächig zufriere, dann habe das dramatische Auswirkungen auf die Umwelt, so Klimaforscher Nghiem.

Experten unterscheiden das Packeis, das in arktischen Regionen die Oberfläche der Ozeane bedeckt, in zwei Arten: saisonales Eis, das im Sommer wieder schmilzt, und ewiges Eis. Das ist allerdings gar nicht so beständig, wie sein Namen vermuten lässt: Nun ist es ungewöhnlich stark geschmolzen, berichten Nghiem und sein Team in dem Fachmagazin "Geophysical Research Letters".

Eisdecke von Größe der Türkei geschmolzen

Das ewige Eis ist üblicherweise bis zu drei Meter dick und ziemlich widerstandsfähig gegen sommerlichen Schwund. In der Arktis hat diese eigentlich beständige Eisdecke 14 Prozent eingebüßt; die von der Schmelze betroffenen Gebiete ergeben zusammen einer Fläche von rund 730.000 Quadratkilometern, was fast der Größe der Türkei entspricht. Dieses Ausmaß zeigen Satellitenbilder, die Nghiem und seine Kollegen von Herbst 2004 bis Frühjahr 2006 aufgenommen haben. Bislang gingen Forscher lediglich von etwa sieben Prozent Schwund pro Jahrzehnt aus.

Dass das Packeis in der Arktisregion zuletzt so dramatisch zurück gegangen ist, führen die Klimaforscher um Nghiem vor allem auf die globale Erderwärmung zurück. Es könnten außerdem auch ungewöhnliche Winde zu der Eisschmelze beigetragen haben. So haben sich große Eismassen von der Region nördlich von Europa und Asien in Richtung Nordamerika bewegt. Dabei wurden sie teilweise auch weit nach Süden befördert. In einem Gebiet in der östlichen Arktis schrumpfte deswegen die Eismasse nahezu auf die Hälfte.

Ist dieser ungewöhnliche Eisverlust nur ein Ausnahmefall? Oder hat sich die Geschwindigkeit, mit der das einst dauerhafte Eis in der Arktis schmilzt, mit einem Mal rapide erhöht? Das wissen die Wissenschaftler noch nicht. Tatsache ist jedoch, dass sich die Erwärmung in der Polarregion weiterhin beschleunigt, je weniger Eis die Polkappen bedeckt. Gefrorenes Wasser reflektiert nämlich die Sonnenstrahlung, die offene See dagegen absorbiert sie und wird dabei wärmer - so bedingen sich der Klimawandel und natürliche Wetterschwankungen.

Forscher warnen bereits seit Jahren vor den Auswirkungen für die weltweite Nahrungskette, die die sich verändernde Vereisung der Arktis mit sich bringen könnte: So würden Eisbären zwangsweise auf Diät gesetzt. Weil das Eis jedes Frühjahr immer eher zu schmelzen beginnt, können sie nicht mehr so lange auf die Jagd gehen wie in früheren Wintern. Forscher fanden von Jahr zu Jahr leichtere Eisbären. Um nicht verhungern zu müssen, fressen sie sich gar gegenseitig.

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