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Nach dem Sturm: Schwindsucht im Norden

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Fataler Wirbel Riesensturm lässt Nordpol-Eis schmelzen

Ein riesiger Wirbel fegte über die Arktis hinweg, zurück blieb ein Trümmerfeld. Der Sturm hat die Eisschicht am Nordpol enorm schrumpfen lassen. Forscher sagen für die nächsten Tage einen historischen Schwund voraus.

Hamburg - Das kalte Meer am Nordpol gleicht im Sommer einem Scherbenhaufen: Die Sonne taut den Eispanzer auf dem Ozean, der in Abertausende Schollen zerbricht, auf denen sich glitzernde Tümpel aus Schmelzwasser sammeln.

In den vergangenen Sommern war das Eis jeweils so stark geschwunden wie vermutlich seit Jahrhunderten nicht mehr. Jetzt ist auch noch ein riesiger Sturm quer über die Arktis gezogen, der Orkan hat ein Trümmerfeld hinterlassen. Das Meereis des Nordens steuert nun auf einen neuen Minusrekord zu, für Schiffe wird eine Abkürzung durch ansonsten gefrorenes Gebiet frei.

Anfang August bildete sich über dem Osten Sibiriens ein mächtiger Tiefdruckwirbel, der Kurs Richtung Nordpol nahm. Der Luftdruck im Innern sank so stark wie bei einem Hurrikan - ein zu dieser Jahreszeit ungewöhnliches Ereignis. "Normalerweise sorgen im Sommer Hochdruckgebiete für ruhiges Wetter in der Region", sagt der Klimatologe William Chapman von der University of Illinois in den USA.

Das Meer wurde umgerührt

"Der Einfluss des Sturms auf den Eisrückgang war enorm", erklärt sein Kollege Lars Kaleschke von der Universität Hamburg. Binnen zehn Tagen habe sich das Meereis der Arktis um die dreifache Fläche Deutschlands verkleinert. Die brüchige Eisdecke habe viele Angriffsflächen geboten. Der Wind trieb die Schollen auseinander. Er habe große Mengen Eis in Gefilde mit wärmerem Wasser getrieben, wo es geschmolzen sei, ergänzt Rüdiger Gerdes vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven.

Außerdem wurde das arktische Meer umgerührt. Normalerweise lagert dort kaltes über wärmerem Wasser. Beide Schichten trennt ihr unterschiedlicher Gehalt an Salz: Salzreicheres Wasser ist schwerer, es bleibt in der Tiefe. Daten von Bojen aus dem Eismeer hätten aber nun gezeigt, dass der Sturm das mildere Wasser aufgewühlt habe, berichtet Kaleschke. Nun schmölzen die Schollen wie Eiswürfel im Tee.

Als der Tiefdruckwirbel sich Anfang dieser Woche verzogen hatte, hinterließ er eine andere Arktis: "Nach dem Durchzug der Zyklone gab es eine sehr ausgeprägte negative Anomalie in der Eisfläche", sagt Kaleschke - mit anderen Worten: Ungewöhnlich viel Eis war verschwunden.

Abkürzung für Schiffe

Noch nie seit Beginn der Satellitenmessungen Ende der siebziger Jahre, als die Eisbeckung der Arktis einen Höchststand erreicht hatte, war die Schollen-Bedeckung in der Region zu dieser Jahreszeit so gering. Im September schmilzt sie alljährlich auf die kleinste Ausdehnung. "Wir erwarten dann einen neuen Minusrekord", sagt Kalschke. Auch im bisherigen Rekordjahr 2007 hatten ungewöhnliche Winde erheblichen Einfluss auf den Eisschwund.

Forscher aus aller Welt liefern sich routinemäßig eine Art sportlichen Wettkampf um die beste Vorhersage der arktischen Eisausdehnung im Spätsommer. So sehen etwa Experten der University of Washington selbst nach dem Durchgang des Sturms keinen neuen Rekordschwund für September vorher. Wie auch immer: Satellitenbilder zeigen, dass der Seeweg durch die Arktis, die Nordwestpassage, bereits so gut wie frei ist - in den nächsten Wochen könnten Schiffe über die Abkürzung ihren Weg von Hamburg nach Japan nahezu halbieren.

Der Rückgang des Arktis-Eises gilt als markantestes Zeichen der globalen Erwärmung. Bei fortschreitendem Klimawandel könnte die Region Ende des Jahrhunderts eisfrei sein, zeigen Prognosen des Uno-Klimarats (IPCC). Neuere Messungen des Satelliten "Cryosat-2" und Computersimulationen deuten gar darauf hin, dass der IPCC den Schwund im hohen Norden unterschätzt.

Welchen Einfluss hat der Klimawandel?

Im Herbst kommt das Eis wieder. Doch alle Daten zeigen, dass es selbst im Winter deutlich dünner ist als zu anderen Zeiten in den letzten hundert Jahren. Vor 30 Jahren war die Frostdecke durchschnittlich dreieinhalb Meter dick, heute sind es noch gerade mal knapp zwei Meter. Wie groß der Anteil der globalen Erwärmung an diesem Wandel ist, bleibt aber unklar.

Neben der steigenden Lufttemperatur lassen auch andere Naturphänomene das Meereis tauen:

  • Wind schiebt die Schollen in wärmere Gefilde oder zertrümmert sie.
  • Ozeanströmungen aus dem Süden schmelzen das Eis.
  • Die rhythmische Verlagerung einer Klimaschaukel über dem Atlantik, die sogenannte Nordatlantische Oszillation (NAO), bringt alle paar Jahre warme Witterung in die Arktis.
  • Der sogenannte Arktische Dipol, ein Luftdruckgefälle zwischen Nordamerika und Sibirien, bestimmt das Wetter.

Diese Faktoren waren es wohl, die dafür gesorgt haben, dass die Arktis in den dreißiger Jahren ähnlich warm war wie heute - und dass die Region im sogenannten Holozänen Klimaoptimum vor 5000 bis 8000 Jahren noch mit weitaus weniger Eis bedeckt war als heutzutage. Damals war es in der Arktis etwa drei Grad wärmer.

Eine schlechte Datenlage erschwert die Prognosen: Wissenschaftler forderten bereits die Herausgabe der Daten von Spionagesatelliten, um den Wandel am Nordpol besser zu dokumentieren. Doch Taupfützen auf dem Eis gaukeln Satelliten mitunter offenes Meer vor, wo eigentlich noch Eis liegt. Ein weiteres Manko: Satelliten messen lediglich die Oberfläche des Eises; die Dicke der Schollen kennen Forscher nur aus Messungen von vor Ort.

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Derzeit scheint die Lage aber ziemlich deutlich: In wenigen Tagen könnte das Arktis-Eis bereits auf ein neues Rekordminimum seit Beginn der Satellitenmessungen geschmolzen sein, meint Kaleschke: Es fehlten nur noch 200.000 Quadratkilometer. Diese Menge ließ der große Sturmwirbel an einem Tag verschwinden.