Arktischer Streit Polarstaaten lassen Europäer abblitzen

Europa versucht, eine stärkere Rolle in der Arktis zu spielen. Doch die Bemühungen der EU haben einen entscheidenden politischen Rückschlag hinnehmen müssen. Schuld daran sind ausgerechnet europäische Pläne zum Robbenschutz.

Tromsø - Die Europäische Union will mitmischen im hohen Norden, dazu hat sie im vergangenen November ein eigenes Strategiepapier für die Arktis vorgelegt. Einer der Kernpunkte darin: Die EU möchte dauerhafter Beobachter im Arktischen Rat werden. Doch daraus wird nun vorerst nichts. Die Deutsche Presseagentur berichtet unter Berufung auf Diplomaten, die Entscheidungen über die Bewerbung der Europäer sei auf das Jahr 2011 verschoben worden.

Robbenjunges in Kanada: Streit um Jagd mit politischen Konsequenzen

Robbenjunges in Kanada: Streit um Jagd mit politischen Konsequenzen

Foto: REUTERS

Auch die Anträge Chinas, Südkoreas und Italiens müssten bis dahin warten. Einer der Gründe für die Verschiebung sei das massiv gestiegene Interesse am arktischen Raum, hieß es. Der Rat brauche mehr Zeit, über die Rolle der Beobachter zu beraten. Im Arktischen Rat sitzen derzeit die fünf Polarstaaten Russland, Norwegen, Dänemark, Kanada und die USA.

Dazu kommen Finnland, Schweden, Island und einige NGOs. Außerdem gibt es bereits jetzt ein halbes Dutzend ständiger Beobachter, darunter Deutschland, zu denen in Zukunft auch Brüssel gehören möchte. Allerdings ist der Arktische Rat ein zahnloses Vehikel ohne Durchsetzungskraft. Seine Arbeit beschränkt sich vor allem auf ökologische Themen. Dem Gremium fehlen die Organe, Entscheidungen auch durchsetzen können.

Derzeit steigt das globale Interesse an der Arktis, die sich wegen des Klimawandels immer stärker verändert. Der Weg wird frei für neue Schifffahrtsrouten, aber auch für eine mögliche Erschließung der Öl- und Gasreserven. Umweltschützer riefen die Anrainerstaaten auf, die Vorkommen unberührt zu lassen und mehr gegen die Erderwärmung zu unternehmen.

Für den Aufschub des Europäischen Antrags gibt es offenbar einen weiteren, einigermaßen delikaten Grund: Aus kanadischen Delegationskreisen war zu hören, das geplante EU-weiten Importverbot für Robbenprodukte sei das Problem. "Wir glauben, dass das ein Mangel an Sensibilität gegenüber den nordischen Völkern ist", hieß es. Der kanadische Außenminister Lawrence Cannon warf der Europäischen Union fehlendes Bewusstsein für die Traditionen und Gepflogenheiten in der arktischen Region vor. "Es ist besonders enttäuschend, dass dieses Verbot angestrebt wird ungeachtet der Beweise, dass die Robbenjagd in Kanada nachhaltig, menschlich und gut organisiert ist", sagte Cannon. Die kanadische Regierung hatte in diesem Jahr die Jagd auf mehr als 300.000 Robben freigegeben.

Auch Norwegen hat das geplante EU- Gesetz kritisiert. Und Grönlands Außenminister Per Berthelsen beklagte bereits im Januar im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: " Wir können die EU nicht ernst nehmen, so lange sie gegen die nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen wie Robben und Wale in Grönland vorgeht."

Die Europäische Union will die Einfuhr und den Handel sämtlicher Produkte von Robben, die "nicht nachträglich" gejagt wurden, in Europa verbieten. Ausnahmen soll es für die Inuit - die arktischen Ureinwohner - sowie kleinere Robbenjäger geben. Tierschützer warnen aber, dass ein tierschutzgerechtes Töten der Robben nahezu unmöglich sei. Auch sei die Überwachung von Regeln auf den weiten, unübersichtlichen Eisfeldern schwierig.

"Wir sind darüber sehr erfreut"

Vergangenen Freitag hatten sich Unterhändler der tschechischen EU- Ratspräsidentschaft und des Europaparlaments auf das neue Gesetz geeinigt. Die 27 EU-Botschafter stimmten am Montag zu, das Parlament soll kommende Woche abstimmen. Damit ist der Weg für das Einfuhrverbot frei. "Wir sind darüber sehr erfreut", sagte eine Kommissionssprecherin.

Betroffen wären sämtliche Produkte wie Felle, Öle oder Fleisch der oft grausam gejagten Tiere. Nach Angaben der EU-Kommission werden jährlich 900.000 Robben für kommerzielle Zwecke getötet. Die Tiere werden vor allem in Kanada, Grönland und Namibia gejagt.

Robbenfelle sind bei der Herstellung von Pelzen begehrt. Nach Darstellung des Deutschen Tierschutzbundes wird den Tieren häufig der Schädel zertrümmert, nachdem sie mit einem Schläger mit einer aus einem Metallhaken bestehenden Spitze auf das Eis gezogen wurden. Oft werden die Robben den Angaben zufolge bei lebendigem Leibe gehäutet. Die USA haben bereits 1972 ein Importverbot für kanadische Robbenprodukte verhängt. Auch in den EU-Staaten Slowenien, den Niederlanden und Belgien gilt ein Verbot für Robbenprodukte. Deutschland plant ebenfalls ein entsprechendes Gesetz.

chs/dpa