Artenschutz Abgesang auf den Afrikanischen Löwen

Kurz vor der Artenschutzkonferenz in Bangkok schlagen Tierschützer Alarm: Dem Afrikanischen Löwen droht die Ausrottung. Um ihn zu retten, wollen Artenschützer den "König der Tiere" international unter strengsten Schutz stellen. Andere unterstützen ausgerechnet die Löwenjagd, um die Art zu erhalten.

Von Dominik Baur


Begehrte Trophäe: Löwenmännchen mit prächtiger Mähne
DDP

Begehrte Trophäe: Löwenmännchen mit prächtiger Mähne

Um die großen Raubkatzen dieser Welt steht es schlecht. Ob Tiger, Geparden, Schneeleoparden oder Jaguare - seit Jahren kämpfen die jeweils letzten ihrer Art ums Überleben. Artenschützer sind skeptisch, ob es die Katzen auf lange Sicht noch außerhalb von Zoos und Safariparks geben wird.

Doch neuerdings sorgen sich die Experten auch um eine Art, deren Bestand bis vor einem Jahr als einigermaßen gesichert galt: den Afrikanischen Löwen. Eine im Januar veröffentlichte Studie von Hans Bauer von der Universität Leiden und Sarel van der Merwe von der African Lion Working Group kam zu dem Ergebnis, dass die Zahl der Löwen in den vergangenen Jahren drastisch gesunken ist: Auf 16.500 bis 30.000 Tiere schätzten die Wissenschaftler den Bestand von Panthera leo nach ihrer großen Löwen-Inventur.

David Macdonald von der Wildlife Conservation Research Unit der Universität Oxford spricht von höchstens 20.000 Tieren. "20.000 Löwen klingt nach ziemlich viel, wenn sie alle bei dir im Wohnzimmer sitzen", so der Brite gegenüber "BBC News Online", "aber wir sprechen von einem ganzen Kontinent." Vor zehn Jahren lebten in Afrika noch bis zu 100.000 Löwen, Anfang der achtziger Jahre wurde der Bestand auf 200.000 Tiere geschätzt. Besonders bedrohlich für die Art ist die vergleichsweise geringe Zahl erwachsener Löwen: Maximal 10.000 Tiere sind es heute noch, vermuten Forscher.

In West- und Zentralafrika gibt es danach nur noch zersplitterte Populationen von gerade einmal 200 bis 300 Tieren: Ihre Überlebenschance ist gering. In einigen Ländern wie Gabun, Lesotho, Liberia und Togo ist der Löwe bereits ausgestorben. Selbst in Sierra Leone, das das symbolträchtige Tier im Landesnamen trägt, leben längst keine Löwen mehr. Nur noch im Süden und im Osten des Kontinents gibt es nennenswerte Bestände: in der Serengeti, dem Selous-Ökosystem in Tansania, dem Okawango-Delta und dem Krüger-Nationalpark.

"Die EU will sich viele Handelswege offen halten"

Mit der Ausrottung des "Königs der Tiere" rechnet Experte Bauer zwar in diesem Jahrhundert noch nicht, doch schon bald könnte sein Verbreitungsgebiet auf ein gutes Dutzend geschützte Nationalparks zusammenschrumpfen. Artenschutzorganisationen wie Pro Wildlife aus München unterstützen daher einen Antrag Kenias, den Afrikanischen Löwen auf der am Wochenende beginnenden Konferenz des Washingtoner Artenschutzabkommens in Bangkok unter Anhang 1, den höchsten Schutzstatus, zu stellen.

Als einzige Raubkatzen leben Löwen in Rudeln (hier zwei Weibchen in der Masai Mara)
REUTERS

Als einzige Raubkatzen leben Löwen in Rudeln (hier zwei Weibchen in der Masai Mara)

Eine Haltung, der sich nicht alle Umweltorganisationen anschließen. Der Worldwide Fund for Nature (WWF) etwa ist sehr skeptisch, ob eine Höherstufung dem Arterhalt des Afrikanischen Löwen wirklich helfen würde. Er könnte einer "der vergessenen Arten des Anhangs 1" werden, fürchtet man dort. Viele Staaten verlören nämlich das Interesse am Schutz einer Tierart, wenn sie keine kommerzielle Bedeutung hat.

Mit der Unterstüzung der Europäischen Union können die Artenschützer dabei kaum rechnen. Der EU-Ministerrat hat in der vergangenen Woche - nicht öffentlich - über das Vorgehen auf der Konferenz in Bangkok abgestimmt. Es wird allerding damit gerechnet, dass die europäischen Umweltminister zwar einen stärkeren Schutz für manche Arten, wie das Tropenholz Ramin oder den Napoleonsfisch, unterstützen, viele andere Arten dagegen dürften vergeblich auf Hilfe aus Brüssel hoffen - darunter auch der Löwe. Da die 25 EU-Staaten ihre Stimmen nur geschlossen abgeben, kommt ihnen bei den Entscheidungen der Artenschutzkonferenz zudem eine besonders gewichtige Rolle zu.

"Die EU ist einer der wichtigsten Absatzmärkte für Luxusgüter aus Wildtieren und -pflanzen und will sich viele Handelswege einfach offen halten - ohne Rücksicht auf die Folgen für bedrohte Arten", schimpft Daniela Freyer von Pro Wildlife. "Offenbar blockieren diese Wirtschaftsinteressen eine konsequente Naturschutzpolitik."

2500 Löwenfelle exportiert

Pro Wildlife erhofft sich durch einen neuen Schutzstatus des Afrikanischen Löwen im Washingtoner Artenschutzabkommen einen Rückgang der Trophäenjagd, die mit zur Dezimierung der Art beiträgt. "Unter dem höchsten Schutzstatus wäre zwar die Trophäenjagd aufgrund einer Sonderregelung noch möglich", erklärt Biologin Freyer, "doch dann würden die Jagdquoten nicht wie bisher der Willkür einzelner Staaten unterliegen. Die USA oder die EU hätten dann die Möglichkeit, die Einfuhr von Jagdtrophäen zu verbieten."

Rund 4000 Euro zahlen reiche Safari-Jäger aus Europa oder den USA derzeit, um einen erwachsenen Löwen erlegen zu dürfen; bisweilen sind die "Abschussgebühren" sogar um ein Vielfaches höher. Zwischen 1992 und 2002 wurden nach Angaben von Pro Wildlife 7354 Löwentrophäen exportiert, darunter 2500 Felle und 1400 Schädel. Daneben machen den Tieren auch die zunehmende Zerstörung ihres Lebensraumes, eingeschleppte Krankheiten und die Konfrontation mit Viehzüchtern zu schaffen, die sich durch die Raubkatzen in ihrer Existenz bedroht sehen.

Besonders fatal wirkt sich die Jagd aus, weil die Jäger für ihr Geld natürlich auch einen Löwen mit imposanter Mähne mit nach Hause nehmen wollen. Doch gerade die alten Männchen sind meist Führer eines Rudels und für dessen Fortbestand besonders wichtig, argumentiert Pro Wildlife. Wird ein solcher Löwe abgeschossen, übernehmen jüngere Tiere das Rudel und töten zunächst den Nachwuchs des Vorgängers.

"Nun hat jeder Gewehre und Gift"

Auch der Wildbiologe Laurence Frank von der University of California in Berkeley hat das Problem erkannt. "Die Menschen wissen über die Bedrohung von Elefanten, Gorillas und Nashörnern Bescheid, aber sie scheinen völlig ahnungslos zu sein, dass diese großen Raubtiere kurz vor dem Aussterben stehen", so Frank gegenüber dem britischen Wissenschaftsmagazin "New Scientist". Innerhalb der meisten Schutzgebiete schienen die Löwenpopulationen stabil, in anderen Gebieten seien sie jedoch in den letzten Jahrzehnten nahezu unbemerkt verschwunden - vor allem wegen der steigenden Verbreitung von Schusswaffen. "Menschen haben schon immer Raubtiere getötet." Mit Speer und Schild sei jedoch nicht so viel Schaden anzurichten. "Nun hat jeder Gewehre und Gift."

Frank verfolgt jedoch einen ganz anderen Lösungsansatz als viele seiner Kollegen. Er setzt unter anderem auf kontrollierte Trophäenjagd. "Es scheint paradox, dass das Töten von Tieren gut für den Artenschutz sein soll", argumentiert Frank gegenüber dem "Time"-Magazin, "aber die Trophäenjagd ist extrem lukrativ, und um ein paar Mähnenlöwen für die Jagd zu bekommen, muss man weitläufige Ökosysteme erhalten."

Beispiel Selous: Das Wildreservat im Südosten Tansanias ist größer als die Schweiz und beherbergt 4000 Löwen, 110.000 Büffel und 50.000 Elefanten. Weil es allerdings schwer zugänglich und die Landschaft verglichen mit der Serengeti eher langweilig ist, kommt nur ein Prozent aller Tansania-Besucher hierher. Um die vielen Wildhüter für das riesige Gebiet zu bezahlen, ist das Parkmanagement laut Frank unter anderem auf die Einnahmen aus der Trophäenjagd angewiesen.

Auch Experten der Universität von Minnesota haben jüngst eine Studie vorgelegt, wonach die Trophäenjagd dem Artenschutz zu Gute kommen kann. Voraussetzung dafür ist natürlich eine intensive Überwachung der Jagd. Wenn die Abschussquoten eingehalten werden, die freigegebenen Tiere mindestens fünf Jahre alt sind und ihr Nachwuchs bereits ausgewachsen ist, hat die Jagd langfristig keine merklichen Auswirkungen auf die Gesamtpopulation, behaupten die Wissenschaftler.



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