Artenschutz absurd Wehe, wenn der Biber wiederkommt

An der Oder siedeln sich immer mehr bedrohte Biber an - zur Freude von Umweltschützern, doch Anwohner fürchten um ihr Hab und Gut. Denn die Nager unterhöhlen viele Deiche. 77 Kilometer sind schon angegriffen. Jetzt läuft eine große Rettungsaktion für die Dämme.

Von , Neuglietzen


Ein Sandsack bei Kilometer 67,3 kündet noch von dem Angriff. Schon halb zerfallen, verbirgt er ein Loch im Deich, etwa auf halber Höhe des Schutzbauwerks. Ein paar Schritte weiter: noch ein Loch. Und noch eins.

Die Deiche sind für die tiefliegenden Äcker des Oderbruchs überlebenswichtig - beim dramatischen Hochwasser 1997 ebenso wie bei unzähligen kleineren danach. Doch nun gibt es tierische Probleme. Biber haben sich beim jüngsten Hochwasser der Oder in den weichen Untergrund gebuddelt.

Der Deich ist auf seiner Flussseite löchrig geworden. "Da sind zehn, 15 Meter lange Gänge drunter", sagt Günter Wartenberg vom Brandenburgischen Landesumweltamt. Die Behörden schlagen Alarm: Rund 77 von 172 Deichkilometern seien von Nagetieren in Mitleidenschaft gezogen. Und die 20.000 Bewohner des Oderbruchs haben nun Angst vor den 250 bis 500 Bibern in ihrer Nachbarschaft.

"Ein Biber hat am Deich nichts zu suchen. Auf Dauer sind das Gefahrenstellen", sagt Matthias Freude. Der selbstbewusste Biologe ist Chef des Landesumweltamts in Potsdam und kümmert sich in dieser Funktion einerseits um das Wohlergehen des geschützten Bibers, andererseits um die Sicherheit der Oderdeiche.

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Nager in Brandenburg: Streit um Problembiber
Die Biber graben sich aus purer Verzweiflung so tief in die Schutzwälle ein. Wenn ihr Lebensraum überspült wird, suchen sie für sich und ihren Nachwuchs einen trockenen Platz. Dabei ist "der Deich die einzige Erhöhung, die dem Biber bleibt", sagt Freude.

Nach seinen Statistiken gibt es rund 2500 Biber in Brandenburg. Sie gehören zur Unterart der Elbebiber, die von der Weltnaturschutzunion als gefährdet eingestuft werden. Die Bestände sind in den vergangenen Jahren stetig gewachsen - was Umweltschützer freut, nicht aber so sehr die Anwohner. In Frankfurt an der Oder zum Beispiel mussten schon Teile des botanischen Gartens gesperrt werden, weil Wege von Biberbauen unterhöhlt waren. Bis zu hundert der Tiere soll es in der Stadt geben.

"Der Biber muss in Bereiche zurückgedrängt werden, wo er keine Schäden anrichten kann", sagt Karsten Birkholz. Der junge Mann mit den raspelkurzen Haaren ist Direktor des Amtes Barnim-Oderbruch und vertritt die Interessen der Anwohner im Oderbruch. "Der Deich ist unsere Existenzgrundlage. Wenn der Deich nicht hält, sind wir verloren."

Notfalls, sagt Birkholz, müsse man mit Gewalt gegen die Tiere vorgehen, zum Beispiel ihre Dämme niederreißen. Oder die Biber erschießen? Der Lokalpolitiker zögert bei der Antwort nur kurz: "Wenn das das letzte Mittel ist, das zur Verfügung steht, muss man auch darüber nachdenken."

"Biber jagen, das geht überhaupt nicht"

Umweltamtschef Freude sieht das anders. "Biber jagen geht überhaupt nicht", sagt er. Denn die nachtaktiven Tiere versteckten sich viel zu gut vor Häschern.

Auch das Einfangen der Biber sei keine Option, weil sofort Verwandte aus Polen den Lebensraum besetzen würden. Jenseits der Oder gibt es rund 27.000 der Tiere. "Der beste Schutz vor einem Biber ist ein besetztes Biberrevier", sagt Freude - was paradox klingen mag, aber: "Man kann mit dem Biber leben. Man muss es nur wollen." Eine gleichnamige Broschüre hat sein Haus sicherheitshalber schon herausgegeben und einen wichtigen Tipp daraus direkt umgesetzt. Bauleute vergraben derzeit Gittermatten aus verzinktem Stahl in den Deichen an der Oder, damit der Biber dort nicht weiter in den Untergrund vordringen kann.

Bei Neuglietzen laufen die Arbeiten gerade. Ein gelber Bagger gräbt den Wall auf halber Höhe auf. In den frisch geöffneten Grund werden anschließend die Stahlmatten gelegt. Insgesamt 450 sollen hier verbaut werden, sagt Günter Wartenberg, dann wird die Erde wieder aufgefüllt, Grassamen drauf - fertig ist der Biberschutz. Außerdem wollen die Umweltschützer Wildrettungshügel bauen. Zwei gibt es schon. Statt auf den Deich, sollen sich die Tiere auf diese Anhöhen retten.

Wenn die Nager dann aber immer noch die Schutzwälle attackieren - dann will das Landesumweltamt sie einfangen lassen. Die nötigen Käfige habe man inzwischen vorrätig, nämlich umgebaute Hundezwinger.

Die zerstörerische Kraft des Bibers hat übrigens auch Amtschef Freude schon zu spüren bekommen, vor vielen Jahren. Zu DDR-Zeiten war der Zoologe mit einer Studentengruppe auf Exkursion. Mit einem Kassettenrecorder - ein Kleinod, kaum im freien Handel zu beschaffen - lockte die Gruppe eines der scheuen Tiere an. Beschallt mit dem Geräusch von plätscherndem Wasser, schwamm es zu dem Recorder. Und begrub ihn unter einer Fuhre Holz.

Reparatur unmöglich.



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