Christian Stöcker

Psychologie der Zerstörung Zum Glück sind wir keine Pilze

In den vergangenen 200 Jahren ist die Macht des Menschen, seine Lebenswelt zu zerstören, exponentiell gewachsen. Nun aber verstehen wir nicht nur, was wir anrichten, sondern endlich auch uns selbst.
Panama-Stummelfußfrosch: Durch eingeschleppten Pilz fast ausgerottet

Panama-Stummelfußfrosch: Durch eingeschleppten Pilz fast ausgerottet

Foto: Elmer Martinez/ AFP

"Bemühen wir uns nicht deshalb, in die Zukunft zu spähen, damit wir die dort lauernden Gefahren erkennen, so dass wir unseren Kurs ändern können, um sie zu umschiffen?"

Elizabeth Kolbert, "Das sechste Sterben" (im Original erschienen 2014)

Hätten Sie gewusst, dass es auf der Nordhalbkugel noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts Pinguine gab? Genauer gesagt: Keine Pinguine im engeren Sinne, aber Vögel, die für Laien wie Pinguine aussehen und von europäischen Seeleuten auch als Erstes auf den Namen "Pinguine" getauft wurden. Ursprünglich muss es Millionen dieser etwa 80 Zentimeter großen Tiere gegeben haben, ihr Verbreitungsgebiet reichte von Italien bis Florida, von Norwegen bis Neufundland.

Seeleute lernten das Fleisch und die weitgehende Hilflosigkeit der Vögel zu schätzen und töteten sie in Massen, um sie zu verspeisen. Später wurden sie in Scharen erschlagen und abgekocht oder gleich lebendig gerupft, um ihre Federn zu verkaufen. Die letzte größere Kolonie wurde 1830 auch noch Opfer eines Vulkanausbruchs. Die heute Riesenalk genannten schwarz-weißen Tiere waren die Originalpechvögel.

Das letzte Pärchen wurde 1844 auf einem winzigen Felsinselchen namens Eldey von drei Isländern stranguliert, die Bälge an Sammler verkauft. Das letzte Alk-Ei der Welt ging dabei zu Bruch.

Der Mensch hat schon Arten vernichtet, bevor er das Rad erfand

Man kann die traurige Geschichte der Riesenalken in Elizabeth Kolberts eingangs zitiertem, sehr empfehlenswerten Buch nachlesen. Sie zeichnet darin gut 200 Jahre Wissenschaftsgeschichte nach, in denen die Menschheit nach und nach begriff, wie zerstörerisch ihr eigenes Verhalten wirkt.

Noch Anfang des 19. Jahrhunderts galt die Vorstellung, dass Tierarten überhaupt aussterben könnten, als abwegig. Heute wissen wir nicht nur, dass es früher einmal Mastodonten, Mammuts, Riesenfaultiere, Riesenwombats und Beutellöwen gab. Es mehren sich auch die Hinweise darauf, wer die Schuld an ihrem Verschwinden trägt: Homo sapiens hat schon Arten vernichtet, bevor er das Rad erfand.

Seitdem ist unsere Fähigkeit, Schaden anzurichten, unfassbar viel größer geworden. Die Macht des Menschen, zu zerstören, wuchs stets schneller als die wissenschaftliche Erkenntnis, dass wir selbst die Zerstörer sind - bis heute.

Ein historischer Wendepunkt, der Hoffnung machen kann

Die Anfänge des menschengemachten Klimawandels liegen im 19. Jahrhundert, es dauerte aber bis in die Achtzigerjahre, bis wir das begriffen.

Wir Menschen haben uns mit eingeschleppten Krankheitserregern sogar gegenseitig dezimiert - von den spanischen Conquistadores bis zu den protestantischen Siedlern in Nordamerika.

Man könnte sagen, dank des internationalen Schiffs- und Flugverkehrs haben wir lokale Ökosysteme in ein globales Ökosystem verwandelt. Mittelamerikanische Frösche und europäische Flusskrebse sind deshalb eingeschleppten Pilzen zum Opfer gefallen. Zahllose andere Tierarten haben wir so schon ganz oder fast ganz ausgerottet - begriffen haben wir das fast immer zu spät.

Jetzt aber stehen wir an einem Wendepunkt: Zum ersten Mal in der Geschichte begreift der Mensch wirklich, was er anrichtet und noch anrichten wird. Die Ausrede "das konnte doch niemand ahnen" gilt nicht mehr. Das Anthropozän, in dem die Menschheit selbst zum entscheidenden Faktor  für die Entwicklung des Systems Erde geworden ist, hat begonnen.

Zum Glück sind wir keine Pilze

Das Dumme ist: Wir wissen zwar, dass wir dabei sind, selbst das sechste Massenaussterben in der Geschichte des Planeten zu verursachen, wie der Bericht des Weltbiodiversitätsrats diese Woche erneut deutlich gemacht hat. Und wir wissen, dass wir dabei sind, das Klima des Planeten so zu verändern, dass er sich in einen höllischen Ort verwandeln könnte. Aber es fällt uns augenscheinlich sehr schwer, daraus die richtigen Konsequenzen zu ziehen.

Es gibt jedoch Hoffnung: In den vergangenen 40 bis 50 Jahren haben wir auch begonnen zu verstehen, wie sehr wir uns selbst im Weg stehen. Das haben wir Psychologen wie Amos Tversky, Daniel Kahneman und vielen ihrer Kollegen zu verdanken.

Die Vielzahl von psychologischen Erkenntnissen über die Einschränkungen und Fehlschlüsse des menschlichen Denkens helfen, die bislang so wenig adäquate Reaktion der Menschheit auf die von ihr selbst verursachten Katastrophen zu erklären. Wir sind anders als ein Pilz, der Frösche ausrottet, die ihm als Wirtstier dienen: Der Mensch ist in der Lage, die Konsequenzen seines eigenen Handelns zu begreifen - und sogar dazu, zu verstehen, warum es ihm so schwerfällt, sein Verhalten zu ändern.

Eine kurze Liste unserer Schwächen

Ein paar Beispiele aus einer sehr erhellenden Überblicksstudie  australischer und US-amerikanischer Psychologen aus dem Jahr 2014:

  • Selbst gebildeten Menschen fällt es offenbar schwer, die Folgen von Zu- und Abflüssen für den Gesamtbestand einer gegebenen Größe zu verstehen. Zum Beispiel die Tatsache, dass das CO2 in der Atmosphäre auch dann noch immer weiter zunimmt, wenn der Zufluss konstant gehalten wird. Es ist aber möglich, diese Fehlschlüsse zu überwinden, wenn man einfache Alltagsbeispiele wählt - dass eine Badewanne überlaufen wird, in die konstant mehr Wasser hineinfließt als durch den Abfluss hinaus, versteht jeder.
  • Menschen sind umso weniger willens, ihr Verhalten zu ändern, je weiter die vermuteten Konsequenzen des Nichthandelns entfernt scheinen, zeitlich wie räumlich. Umgekehrt entscheiden sie sich lieber für eine kleinere, aber kurzfristig zu erwartende Belohnung als für eine, auf die sie länger warten müssen. Noch schlimmer wird dieser Effekt, wenn auch nur ein Hauch Unsicherheit über die zu erwartenden Folgen herrscht. Das ist übrigens der Grund, warum die Unternehmen, die am Handel mit Roh-CO2 so unfassbar viel Geld verdienen, seit Jahrzehnten bewusst, gezielt und wider besseres Wissen Zweifel am menschengemachten Klimawandel schüren.
  • Es gibt aber Faktoren, die den eben skizzierten entgegenwirken: Zum Beispiel verändert sich die Einstellung zum Klimawandel dann, wenn Menschen regelmäßig Ereignisse in ihrem eigenen Umfeld wahrnehmen, die sie auf diesen Klimawandel zurückführen. Jeder Hurrikan in den USA schwächt die Position der Klimawandelleugner, ganz egal, ob der Kausalzusammenhang nun wirklich schon klar belegt ist oder nicht. Das ist gut und richtig, denn dass Monsterstürme dank der Erwärmung zunehmen werden, kann als gesichert gelten.
  • Menschen sind leider intuitiv risikofreudiger, wenn es um mögliche Verluste geht. Wenn es eine kleinere Summe sicher zu gewinnen gibt, eine größere nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, wählen die meisten Versuchspersonen den sicheren Gewinn. Das ändert sich, wenn es um eine Wahl zwischen einem sicheren Verlust und einem nicht völlig sicheren, noch größeren Verlust geht: Dann sind die meisten bereit zu zocken. Ungünstig, wenn der Einsatz der Zukunft der Menschheit ist.

Diese Liste ist alles andere als vollständig, das Wissen über unsere eigenen kognitiven Beschränkungen ist mittlerweile immens. Das ist ein wichtiger Unterschied im Vergleich zu der Zeit, als der Riesenalk ausgerottet wurde: Wir wissen jetzt um unsere Schwächen. Das heißt, wir sind auch in der Lage, uns ihnen zu widersetzen. Wir wissen sogar, wie das geht.

Um es mit den Autoren der eben zitierten Studie zu sagen: "Das weckt Optimismus, dass das Anthropozän nicht die letzte Epoche sein wird, die wir auf diesem Planeten genießen können."

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