Artenschutz für Gorillas Dschungelcamp der letzten Hoffnung

Aus Bai Hokou berichtet Dominik Baur

2. Teil: Verfolgungsjagd im Dschungelcamp: Lesen Sie im zweiten Teil warum Makumba Makumba heißt, wieso Flachlandgorillas viel schwerer aufzuspüren sind als ihre Vetter in den Bergen - und finden Sie selbst den versteckten Affen


Hinauf oder hinunter? Dieser junge Gorilla scheint etwas unentschlossen...
Dominik Baur

Hinauf oder hinunter? Dieser junge Gorilla scheint etwas unentschlossen...

Wildlebende Gorillas an die Gegenwart von Menschen zu gewöhnen ist ein langwieriger Prozess. Die Habituierung von Flachlandgorillas ist dabei noch um einiges mühsamer als die von Berggorillas, erklärt Cipolletta. Die vor allem durch die Forscherin Dian Fossey ("Gorillas im Nebel") berühmt gewordene Unterart hält sich viel im offenen Gelände auf und legt meist nur kurze Distanzen zurück. "Die Berggorillas leben in einer einzigen großen Salatschüssel", sagt Cipolletta. "Die müssen ihr Futter nicht suchen, es ist im Überfluss vorhanden." Berggorillas sind daher leicht aufzuspüren.

In Bai Hokou hat es Cipolletta da ungleich schwerer. Die Flachlandgorillas fressen Früchte und Blätter und müssen dafür oft weite Strecken wandern. Im Schnitt legen sie zwei Kilometer am Tag zurück. Die dichte Vegetation des Regenwalds macht es hier außerdem sehr schwer, den Gorillas auf den Fersen zu bleiben. Und wenn sie sich mal wieder ins Dickicht zurückgezogen haben, ist es zu gefährlich, sich ihnen zu nähern. Die Tiere würden ihre Verfolger erst viel zu spät bemerken und in Panik geraten. Dazu kommt, dass die Gorillas in vielen Fällen bereits schlechte Erfahrung mit Menschen gemacht haben: Bevor der WWF Cipolletta nach Bai Hokou sandte, waren es vor allem Wilderer, die sich für die Gorillas interessierten.

Tödliches Eifersuchtsdrama

Und hat man es einmal mit viel Ausdauer geschafft, eine Gorillatruppe zu habituieren, kann es passieren, dass die Arbeit von Jahren jäh zunichte gemacht wird. Makumbas Familie ist bereits die zweite Gruppe, die in Bai Hokou habituiert wird. Ein anderer Silberrücken, wie die erwachsenen Männchen genannt werden, war bereits so an Menschen gewöhnt war, dass man sich ihm auf wenige Meter nähern konnte. Doch Mlima wurde im vergangenen August im Kampf von einem Konkurrenten getötet, der ihm ein Weibchen ausspannen wollte. Und ist erst der Anführer einer Gorillafamilie tot, zerfällt die ganze Gruppe.

Biologin Cipolletta bei der Arbeit: Wenn die Gorillas sich in einem Baum niedergelassen haben, kommen ihre "Verfolger" manchmal stundenlang nicht vom Fleck
Dominik Baur

Biologin Cipolletta bei der Arbeit: Wenn die Gorillas sich in einem Baum niedergelassen haben, kommen ihre "Verfolger" manchmal stundenlang nicht vom Fleck

Jetzt ruht die ganze Hoffnung Cipollettas auf Makumba. Vier Jahre hat seine Habituierung bisher gedauert, und sie ist noch lange nicht abgeschlossen. Anfangs rannte der gewaltige Gorilla immer in Panik davon, sobald Menschen in die Nähe kamen - und ließ seine Familie zurück. Normalerweise ist der Silberrücken der letzte der Gruppe, der die Flucht ergreift. Dieses eigentümliche Verhalten brachte dem Hasenfuß dann auch seinen Namen ein. Makumba bedeutet auf Bayaka "schnell".

Natürlich gibt sich Cipolletta nicht damit zufrieden, Touristen zu den Gorillas zu führen. "Ökotourismus geht hier Hand in Hand mit der Forschung." Zum einen, so die Biologin, ist es notwendig, zu untersuchen, inwieweit die Anwesenheit von Menschen, das Leben der Gorillas beeinflusst. "Wir wollen ja die Auswirkungen möglichst gering halten. Deshalb müssen wir beispielsweise sehr genau beobachten, was für Folgen eine größere Zahl von Touristen mit sich bringt."

180 Kilo in 30 Meter Höhe

Natürlich birgt die Habituierung wilder Tiere Risiken (siehe Interview): Mit Menschen vertraute Gorillas könnten eine leichte Beute für Wilderer werden. Zudem geraten sie in eine gewisse Isolation, da nicht habituierte Tiere sie meiden werden. Und vor allem bei Menschenaffen besteht eine relativ hohe Ansteckungsgefahr.

Makumba hievt seine rund 180 Kilo Lebendgewicht den Baumstamm hinauf. Wenn der riesige Affe dann auf etwa 30 Meter Höhe auf einem dünnen Ast fast bis zum Rand der Baumkrone spaziert, erinnert er tatsächlich ein wenig an das Hollywood-Monster King Kong, für das die friedlichen Gorillas einst unfreiwillig Pate standen.

Allmählich füllt sich der Baum. Makumbas halbe Familie dürfte nun dort beim Frühstück sitzen. Die Bayaka legen sich auf den Waldboden und kommentieren mit übergeschlagenen Beinen kichernd die Spiele und Rangeleien der jungen Gorillas. Chloé Cipolletta verfolgt derweil mit dem Feldstecher jede Bewegung der Tiere. Zunächst geht es ihr vor allem darum, die einzelnen Familienmitglieder zu identifizieren. "Es ist noch nicht lange her, dass sie uns so nahe ranlassen. Manche von ihnen haben wir bisher kaum gesehen." Noch ist sich die Artenschützerin nicht einmal sicher, wie groß Makumbas Familie genau ist. "Wir haben mindestens 16 Gorillas gezählt, darunter zehn Kinder. Möglicherweise sind es aber auch ein oder zwei mehr."

Wenn man durch das Geäst einen Gorilla entdeckt, beobachtet der einen schon längst
Dominik Baur

Wenn man durch das Geäst einen Gorilla entdeckt, beobachtet der einen schon längst

Alles, was die Biologinnen in Bai Hokou über die Lebensweise und das Verhalten "ihrer" Gorillas herausfinden, trägt zur allgemeinen Kenntnis der Spezies bei. Beispielsweise stellten sie fest, dass die Gorillas wesentlich mehr Blätter und auch Termiten fressen, als bisher angenommen. Auch die Lehrmeinung, dass Flachlandgorillas, besonders die schweren Silberrücken, nur in größter Nahrungsnot auf Bäume steigen, haben die Gorillas von Bai Hokou längst widerlegt.

Zwei Doktorandinnen des Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig gehen außerdem den Fragen nach, ob eine hohe Elefantendichte Auswirkungen auf die Zahl der Gorillas in einem Gebiet hat und welche Früchte, Blätter und Stängel sie zu welcher Jahreszeit bevorzugen. Solche Erkenntnisse wiederum sind auch für den Artenschutz wichtig. Denn weiß man erst einmal, welche Nahrungsquellen die wichtigsten für Westliche Flachlandgorillas sind, dann weiß man auch, wo der Schutz des Habitats am wichtigsten ist.

Es ist Mittag in Bai Hokou. Zeit für die Wachablöse. Ein Touristenführer aus dem Team Cipollettas kommt mit zwei Schweizer Urlauberinnen, um die Gorillas den Rest des Tages zu begleiten. Umgerechnet rund hundert Euro zahlen die Touristen für die exklusive Begegnung mit Makumba. Der hält gerade Siesta. In nur 15 Meter Entfernung liegt der Patriarch hinter einem Baumstamm und schläft. Außer etwas angegrautem Haar ist durch das Dickicht nichts zu sehen. Doch so nahe war Cipolletta dem gewaltigen Männchen bei seinem Mittagsschlaf noch nie. Sie ist überglücklich. "Ich weiß, wie lange es braucht, bis ein Gorilla so viel Vertrauen zu Dir hat, dass er sich in einer solch kurzen Entfernung Schlafen legt."




Das Suchbild:

Ja da isser ja!

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