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18. März 2005, 09:37 Uhr

Artenschutz für Gorillas

Dschungelcamp der letzten Hoffnung

Aus Bai Hokou berichtet Dominik Baur

In der hintersten Ecke der Zentralafrikanischen Republik, mitten im Regenwald liegt Bai Hokou. Sechs junge Biologinnen haben sich hier freiwillig ins Dschungelcamp begeben. Ihr Auftrag ist es, Gorillas zu beschatten. Momentaufnahme einer jahrelangen Verfolgungsjagd.

Dominik Baur

Wenn Mbanda seine Flipflops auszieht, verheißt das nichts Gutes. Seine Plastiklatschen nimmt der Fährtenleser der Bayaka-Pygmäen auf seinen Streifzügen durch den Dschungel meist nur dann in die Hand, wenn Gefahr im Verzug ist. Die Gefahr heißt in diesem Fall Njoku, Waldelefant. Auf der Flucht vor den gefährlichen Tieren verlässt sich der Pygmäen lieber auf seine bloßen Füße.

Mbanda steht regungslos da und horcht. Aber noch ehe die ungeübten Sinne der "Monju", der weißen Begleiter, die Gegenwart des Elefanten überhaupt gemerkt haben, ist die Gefahr schon wieder vorüber. Der graue Koloss ist in eine andere Richtung davongetrottet. Mbanda schlüpft wieder in seine Flipflops, die Gruppe setzt ihren Weg fort. Das Ziel: der Aufenthaltsort von Makumba, einem der mächtigsten Gorillas der Gegend.

Makumba: Können Ökotouristen sein Überleben sichern?
Dominik Baur

Makumba: Können Ökotouristen sein Überleben sichern?

Chloé Cipolletta hat sich um sechs Uhr in der Früh, unmittelbar nach Sonnenaufgang, im Forschungscamp von Bai Hokou mit Mbanda und zwei anderen Bayaka auf den Weg gemacht, um Makumba aufzuspüren. Zusammen mit fünf weiteren Biologinnen aus den USA, Großbritannien, Italien und Australien, einheimischen Assistenten und den Bayaka hat sich die 34-Jährige der Aufgabe verschrieben, den Ökotourismus im Dzanga-Nationalpark voranzutreiben und so, mit viel Glück, das Überleben der Menschenaffen zu sichern. Denn Touristen bringen Geld für die Bevölkerung und für den Schutz der einzigartigen Tierwelt. Aber dafür wollen die Reisenden aus Deutschland, Frankreich, Amerika oder der Schweiz auch etwas sehen. Am liebsten wilde Gorillas. Bai Hokou ist der einzige Ort auf der Welt, an dem Touristen Flachlandgorillas in der Wildnis beobachten können.

Die Italienerin weiß jedoch, dass ihr Unterfangen ein Wettlauf mit der Zeit ist. Der in Freiheit noch kaum erforschte Westliche Flachlandgorilla ist vom Aussterben bedroht. Wilderer jagen die Tiere als Delikatesse. Holzfirmen zerstören den Lebensraum der Gorillas. Indem sie Schneisen in den Regenwald schlagen, schaffen sie zudem Zugangswege für die Wilddiebe in zuvor unzugängliche Gegenden. Mit Ebola ist eine neue Gefahr hinzugekommen. In manchen Gebieten hat der Virus bereits ganze Bestände ausgerottet.

Hier muss der Gesuchte vorbeigekommen sein

"Klck, Klck, Klck!" Mit Schnalzlauten machen die drahtige Italienerin und ihre Begleiter auf sich aufmerksam, sobald sie in die Gegend kommen, in der sie die Gorillas vermuten. Die Tiere sollen schließlich nicht überrascht werden, sondern wissen, dass es sich bei den ungeladenen Gästen um die ihnen schon bekannten, harmlosen Zweibeiner handelt, die Tag für Tag zungenschnalzend durch den Wald stapfen. Doch noch ist von Gorillas nichts zu sehen oder zu hören.

So bekommt man die Gorillas als Tourist häufig zu sehen. Nämlich gar nicht. Oder doch? In diesem Bild versteckt sich ein Gorilla. Wenn Sie ihn selbst in der Großbildansicht nicht erkennen sollten - am Ende dieses Artikels finden Sie die Auflösung.
Dominik Baur

So bekommt man die Gorillas als Tourist häufig zu sehen. Nämlich gar nicht. Oder doch? In diesem Bild versteckt sich ein Gorilla. Wenn Sie ihn selbst in der Großbildansicht nicht erkennen sollten - am Ende dieses Artikels finden Sie die Auflösung.

Zielstrebig folgen die Pygmäen Mbanda, Mobambu und Balonyona den scheinbar unsichtbaren Spuren Makumbas. Nur manchmal bleiben sie kurz stehen und beraten sich. Die Schlafnester des Vorabends sind schnell gefunden. Dann geht es weiter entlang den von den Elefanten ausgetretenen Pfaden, über umgefallene Baumstämme und quer durchs Dickicht. Dorniges Gestrüpp peitscht ins Gesicht, Treiberameisen krabbeln in die Hosenbeine. Die Suche ist schwierig: Vor einer Stunde hat es geregnet, viele Spuren sind verwischt. Die Bayaka lassen sich dadurch nicht entmutigen. An einer Stelle sind auf Kniehöhe ein paar Blätter etwas geknickt. Für die Spurensicherung der Pygmäen steht sofort fest: Hier muss der Gesuchte vorbeigekommen sein. Sie folgen ihm.

Plötzlich bleibt Cipolletta stehen und zeigt in einen Baum. Etwa 20 Meter vor uns blickt das schüchterne Gesicht eines jungen Gorillas in unsere Richtung. Als er uns sieht, klettert er den Baum herunter und verschwindet im Dickicht, ein zweiter folgt ihm. Das Rascheln der Blätter ist nun das einzige Zeichen, das die unmittelbare Nähe der Gorillatruppe verrät. Dann schiebt sich Makumba höchstpersönlich durch ein Loch in der dichten Blätterwand.

Das Naturschutzgebiet Dzanga Sangha
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Das Naturschutzgebiet Dzanga Sangha

Dass Makumba die Nähe von Menschen so ohne weiteres hinnimmt, ist der Erfolg einer jahrelangen Verfolgungsjagd. Habituierung nennen Biologen das, was Cipolletta und ihre Mitarbeiter nunmehr seit sieben Jahren tun, um Urlauber in die Region zu holen. Doch der Beitrag, den Ökotourismus bislang zum Artenschutz leisten kann, ist bescheiden. Maximal zwei Touristen dürfen gleichzeitig zu den Tieren; mehr will man Makumba und seiner scheuen Gruppe nicht zumuten. Haben sich die Gorillas einmal völlig an den menschlichen Besuch gewöhnt, soll die Zahl auf drei erhöht werden. Außerdem ist das Team gerade dabei, eine zweite Gruppe zu habituieren. Langfristig könnten also täglich sechs Touristen auf Gorillapirsch.

"Entscheidend für die Habituierung ist, dass wir die Möglichkeit haben, dieselbe Gorilla-Gruppe fortlaufend zu begleiten und täglich mit ihr in Kontakt zu treten", erklärt Cipolletta. "Das hört sich leicht an, ist aber hier im Wald unglaublich schwierig. Der Boden ist mit Laub bedeckt, und die Tiere hinterlassen kaum sichtbare Spuren." Ohne die Hilfe der Bayaka wäre die Arbeit der Biologinnen von Bai Hokou daher völlig undenkbar. Die Pygmäen kennen den Wald wie niemand sonst. Ohne Kompass, GPS oder Karte führen sie ihre Arbeitgeber instinktsicher jeden Tag aufs Neue zu den Gorillas. "Die Bayaka haben ihre ganz eigene Art den Wald wahrzunehmen. Ich gehe jetzt seit sieben Jahren Tag für Tag mit ihnen durch den Wald und sehe noch immer nur einen winzigen Bruchteil von dem, was sie sehen."

Verfolgungsjagd im Dschungelcamp: Lesen Sie im zweiten Teil warum Makumba Makumba heißt, wieso Flachlandgorillas viel schwerer aufzuspüren sind als ihre Vetter in den Bergen - und finden Sie selbst den versteckten Affen

Hinauf oder hinunter? Dieser junge Gorilla scheint etwas unentschlossen...
Dominik Baur

Hinauf oder hinunter? Dieser junge Gorilla scheint etwas unentschlossen...

Wildlebende Gorillas an die Gegenwart von Menschen zu gewöhnen ist ein langwieriger Prozess. Die Habituierung von Flachlandgorillas ist dabei noch um einiges mühsamer als die von Berggorillas, erklärt Cipolletta. Die vor allem durch die Forscherin Dian Fossey ("Gorillas im Nebel") berühmt gewordene Unterart hält sich viel im offenen Gelände auf und legt meist nur kurze Distanzen zurück. "Die Berggorillas leben in einer einzigen großen Salatschüssel", sagt Cipolletta. "Die müssen ihr Futter nicht suchen, es ist im Überfluss vorhanden." Berggorillas sind daher leicht aufzuspüren.

In Bai Hokou hat es Cipolletta da ungleich schwerer. Die Flachlandgorillas fressen Früchte und Blätter und müssen dafür oft weite Strecken wandern. Im Schnitt legen sie zwei Kilometer am Tag zurück. Die dichte Vegetation des Regenwalds macht es hier außerdem sehr schwer, den Gorillas auf den Fersen zu bleiben. Und wenn sie sich mal wieder ins Dickicht zurückgezogen haben, ist es zu gefährlich, sich ihnen zu nähern. Die Tiere würden ihre Verfolger erst viel zu spät bemerken und in Panik geraten. Dazu kommt, dass die Gorillas in vielen Fällen bereits schlechte Erfahrung mit Menschen gemacht haben: Bevor der WWF Cipolletta nach Bai Hokou sandte, waren es vor allem Wilderer, die sich für die Gorillas interessierten.

Tödliches Eifersuchtsdrama

Und hat man es einmal mit viel Ausdauer geschafft, eine Gorillatruppe zu habituieren, kann es passieren, dass die Arbeit von Jahren jäh zunichte gemacht wird. Makumbas Familie ist bereits die zweite Gruppe, die in Bai Hokou habituiert wird. Ein anderer Silberrücken, wie die erwachsenen Männchen genannt werden, war bereits so an Menschen gewöhnt war, dass man sich ihm auf wenige Meter nähern konnte. Doch Mlima wurde im vergangenen August im Kampf von einem Konkurrenten getötet, der ihm ein Weibchen ausspannen wollte. Und ist erst der Anführer einer Gorillafamilie tot, zerfällt die ganze Gruppe.

Biologin Cipolletta bei der Arbeit: Wenn die Gorillas sich in einem Baum niedergelassen haben, kommen ihre "Verfolger" manchmal stundenlang nicht vom Fleck
Dominik Baur

Biologin Cipolletta bei der Arbeit: Wenn die Gorillas sich in einem Baum niedergelassen haben, kommen ihre "Verfolger" manchmal stundenlang nicht vom Fleck

Jetzt ruht die ganze Hoffnung Cipollettas auf Makumba. Vier Jahre hat seine Habituierung bisher gedauert, und sie ist noch lange nicht abgeschlossen. Anfangs rannte der gewaltige Gorilla immer in Panik davon, sobald Menschen in die Nähe kamen - und ließ seine Familie zurück. Normalerweise ist der Silberrücken der letzte der Gruppe, der die Flucht ergreift. Dieses eigentümliche Verhalten brachte dem Hasenfuß dann auch seinen Namen ein. Makumba bedeutet auf Bayaka "schnell".

Natürlich gibt sich Cipolletta nicht damit zufrieden, Touristen zu den Gorillas zu führen. "Ökotourismus geht hier Hand in Hand mit der Forschung." Zum einen, so die Biologin, ist es notwendig, zu untersuchen, inwieweit die Anwesenheit von Menschen, das Leben der Gorillas beeinflusst. "Wir wollen ja die Auswirkungen möglichst gering halten. Deshalb müssen wir beispielsweise sehr genau beobachten, was für Folgen eine größere Zahl von Touristen mit sich bringt."

180 Kilo in 30 Meter Höhe

Natürlich birgt die Habituierung wilder Tiere Risiken (siehe Interview): Mit Menschen vertraute Gorillas könnten eine leichte Beute für Wilderer werden. Zudem geraten sie in eine gewisse Isolation, da nicht habituierte Tiere sie meiden werden. Und vor allem bei Menschenaffen besteht eine relativ hohe Ansteckungsgefahr.

Makumba hievt seine rund 180 Kilo Lebendgewicht den Baumstamm hinauf. Wenn der riesige Affe dann auf etwa 30 Meter Höhe auf einem dünnen Ast fast bis zum Rand der Baumkrone spaziert, erinnert er tatsächlich ein wenig an das Hollywood-Monster King Kong, für das die friedlichen Gorillas einst unfreiwillig Pate standen.

Allmählich füllt sich der Baum. Makumbas halbe Familie dürfte nun dort beim Frühstück sitzen. Die Bayaka legen sich auf den Waldboden und kommentieren mit übergeschlagenen Beinen kichernd die Spiele und Rangeleien der jungen Gorillas. Chloé Cipolletta verfolgt derweil mit dem Feldstecher jede Bewegung der Tiere. Zunächst geht es ihr vor allem darum, die einzelnen Familienmitglieder zu identifizieren. "Es ist noch nicht lange her, dass sie uns so nahe ranlassen. Manche von ihnen haben wir bisher kaum gesehen." Noch ist sich die Artenschützerin nicht einmal sicher, wie groß Makumbas Familie genau ist. "Wir haben mindestens 16 Gorillas gezählt, darunter zehn Kinder. Möglicherweise sind es aber auch ein oder zwei mehr."

Wenn man durch das Geäst einen Gorilla entdeckt, beobachtet der einen schon längst
Dominik Baur

Wenn man durch das Geäst einen Gorilla entdeckt, beobachtet der einen schon längst

Alles, was die Biologinnen in Bai Hokou über die Lebensweise und das Verhalten "ihrer" Gorillas herausfinden, trägt zur allgemeinen Kenntnis der Spezies bei. Beispielsweise stellten sie fest, dass die Gorillas wesentlich mehr Blätter und auch Termiten fressen, als bisher angenommen. Auch die Lehrmeinung, dass Flachlandgorillas, besonders die schweren Silberrücken, nur in größter Nahrungsnot auf Bäume steigen, haben die Gorillas von Bai Hokou längst widerlegt.

Zwei Doktorandinnen des Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig gehen außerdem den Fragen nach, ob eine hohe Elefantendichte Auswirkungen auf die Zahl der Gorillas in einem Gebiet hat und welche Früchte, Blätter und Stängel sie zu welcher Jahreszeit bevorzugen. Solche Erkenntnisse wiederum sind auch für den Artenschutz wichtig. Denn weiß man erst einmal, welche Nahrungsquellen die wichtigsten für Westliche Flachlandgorillas sind, dann weiß man auch, wo der Schutz des Habitats am wichtigsten ist.

Es ist Mittag in Bai Hokou. Zeit für die Wachablöse. Ein Touristenführer aus dem Team Cipollettas kommt mit zwei Schweizer Urlauberinnen, um die Gorillas den Rest des Tages zu begleiten. Umgerechnet rund hundert Euro zahlen die Touristen für die exklusive Begegnung mit Makumba. Der hält gerade Siesta. In nur 15 Meter Entfernung liegt der Patriarch hinter einem Baumstamm und schläft. Außer etwas angegrautem Haar ist durch das Dickicht nichts zu sehen. Doch so nahe war Cipolletta dem gewaltigen Männchen bei seinem Mittagsschlaf noch nie. Sie ist überglücklich. "Ich weiß, wie lange es braucht, bis ein Gorilla so viel Vertrauen zu Dir hat, dass er sich in einer solch kurzen Entfernung Schlafen legt."




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Ja da isser ja!

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